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Wissenschaft

Mysteriöser Pickelbefall

Forscher lösen Todesrätsel um Kindermumie

Eine Kindermumie aus dem 16. Jahrhundert zeigt Spuren der Pocken, glaubten Wissenschaftler. Nun stellt sich heraus: Der Junge litt unter einem Virus, das heute noch Hunderttausende tötet.

Gino Fornaciari/ University of Pisa
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Dienstag, 09.01.2018   14:59 Uhr

Von außen betrachtet gibt es sicher pompösere Kirchen als die San Domenico Maggiore in Neapel. Dennoch ist das im 13. Jahrhundert von Dominikanern erbaute Gotteshaus von einiger Bedeutung, in seinem Umfeld wirkte bereits Thomas von Aquin.

Zudem haben Altertumsforscher im Inneren von San Domenico Maggiore einige besondere Entdeckungen gemacht: In der Sakristei wurden etliche hochrangige Persönlichkeiten beigesetzt, darunter Mitglieder aus dem einflussreichen europäischen Adelsgeschlecht Aragón. Anfang der Achtzigerjahre fanden Historiker in der Kirche mehr als zwei Dutzend mumifizierte Leichen aus dem 15. und 16. Jahrhundert - ein außergewöhnlicher Fund.

Unter den Toten war auch ein kleiner Junge, er war zum Zeitpunkt seines Todes vielleicht gerade einmal zwei Jahre alt. Zu seiner Herkunft ist wenig bekannt, doch sicher war sein Status nicht gering - er trug fein gearbeitete Totengewänder, die noch gut erhalten waren.

CC BY 4.0 2018 PLOS/ Patterson Ross et al.

Bilder der Mumie und Lageplan des Fundortes

Seinen Körper hatten die Bestatter vor seiner Beisetzung ähnlich konserviert, wie man es von den Mumien des pharaonischen Ägyptens kennt. Seine Eingeweide waren entfernt worden, dafür wurde Füllmaterial wie Watte, versetzt mit Harzen und auch Ton in den Bauchraum des Toten gestopft. Zudem wurde seine Schädeldecke geöffnet, um das Hirn zu entfernen. Der Körper des Kindes, dessen Todeszeitpunkt auf Mitte des 16. Jahrhunderts datiert wurde, war sehr gut erhalten. Sogar seine Haut war noch gut zu erkennen.

Hier fanden die Forscher Ungewöhnliches: Der Körper des Jungen war mit einem auffälligen Ausschlag überzogen. Kreisrunde Pusteln hatten sich vom Kopf bis zu den Rippen ausgebreitet. Die Vermutung der Wissenschaftler um den Paläopathologen Gino Fornaciari von der Universität Pisa lag nah: Die Läsionen des Kindes stammen von den Pocken, einer der gefährlichsten Infektionskrankheiten aller Zeiten, die die Menschheit Tausende von Jahren plagte.

Pockenspuren finden sich bereits auf der Mumie des ägyptischen Pharaos Ramses V. Die Krankheit ist für Millionen von Todesfällen verantwortlich - erst in den Achtzigerjahren gelang es, den Erreger auszurotten.

Allerdings wurde die Kindermumie nie einem DNA-Test unterzogen. Das haben Forscher um Hendrik Poinar von der McMaster University in Kanada nun nachgeholt - auch Fornaciari war beteiligt. Denn noch einen zweiten Verdacht galt es zu prüfen: Der Ausschlag könnte auch vom sogenannten Gianotti-Crosti-Syndrom stammen. Es findet sich vor allem bei männlichen Kleinkindern unter zehn Jahren. Und tritt vermutlich in Folge einer anderen Viruserkrankung auf: Hepatitis B.

Fotostrecke

Mumienfund in Italien: Leiche mit Pickeln

Und tatsächlich wurden die Forscher fündig: Der Junge litt wohl an Hepatitis B und nicht an Pocken, berichten sie im Fachmagazin "Plos Pathogens".

"Die Arbeit zeigt, wie wichtig es ist, molekulare Daten zu nutzen. So können wir Krankheitserreger aus der Vergangenheit besser identifizieren und verstehen, wann und wo sie Menschen befallen haben", sagte Poinar. Der Niederländer hat sich auf die Sequenzierung von Hominiden und ausgestorbenen Tieren spezialisiert. So hatte er Teile des Genoms eines eiszeitlichen Wollhaarmammuts veröffentlicht.

Die durchgeführte Analyse gelang durch verschiedene Proben aus der Haut und den Knochen. Darin fanden er und sein Team mehrere übereinstimmende Spuren von einem uralten Hepatitis-B-Stamm - eine Verunreinigung der Proben schließen sie deshalb aus.

Im Vergleich zu modernen Stämmen entdeckten sie eine große Ähnlichkeit. Der Virusstamm scheint sich in den letzten 450 Jahren kaum verändert zu haben, schreiben sie. Ein Vergleich sei aber schwierig, da sich Viren schnell verändern können und über die Evolution von Hepatitis B zu wenige Daten vorliegen. Forscher vermuten, dass das Virus bereits seit Tausenden Jahren die Menschheit plagt. Dennoch gelangen kaum historische Nachweise wie etwa in einer über 300 Jahre alten Mumie aus Korea.

Hepatitis B ist weltweit eine der häufigsten Viruserkrankungen und wird durch Blut oder andere Körperflüssigkeiten übertragen. Rund 257 Millionen Menschen sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit chronischer Hepatitis B infiziert. Das Virus schädigt die Leber und kann schwere Folgekrankheiten wie Leberzirrhose oder Leberkrebs auslösen.

Fotostrecke

Totenkult: Ausstellung zeigt Mumien aus aller Welt

2015 starben 1,3 Millionen Menschen an den Folgen von Hepatitis B und C. Gefährlich ist vor allem, dass viele Menschen von ihrer Erkrankung nichts wissen und jahrelang mit einer unerkannten Krankheit leben. Am besten ist ein vorbeugender Schutz: Gegen Hepatitis B gibt es eine wirksame Impfung. "Je mehr wir über die Ausbreitung von solchen Viren in vergangenen Zeiten wissen, umso besser können wir sie heute unter Kontrolle halten", sagte Poinar.

Schon oft ist es Forschern gelungen, über DNA-Tests oder Computertomografien Diagnosen bei Mumien zu stellen. So gelangen neben Pocken und nun Hepatitis B auch die Nachweise von Prostatakrebs, Tuberkulose oder Arteriosklerose (siehe Fotostrecke).

Möglich sind solche Analysen auch, weil sich die DNA-Technik in den vergangenen Jahren immer weiter verbessert hat. So kann inzwischen aus immer geringeren Probemengen zuverlässig sogenannte mitochondriale DNA (mtDNA) sequenziert werden - selbst wenn das organische Material im Laufe der Jahrhunderte unter ungünstigen Bedingungen lagerte und etwa Feuchtigkeit ausgesetzt war.

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