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Wissenschaft

Britische Studie

Jeder Mensch kennt 5000 Gesichter

Die Zahl uns vertrauter oder zumindest bekannter Menschen ist riesig. Wie viele Gesichter haben wir tatsächlich abgespeichert? Britische Forscher haben eine Schätzung vorgelegt.

Getty Images

Porträts (Archivbild)

Mittwoch, 10.10.2018   07:42 Uhr

Jeder Mensch kennt im Mittel etwa 5000 Gesichter anderer Menschen. Auf diesen Schätzwert sind Forscher nach mehreren Versuchen gekommen. Dabei gibt es große Unterschiede: Die Spanne reicht von etwa 1000 bis 10.000 Gesichtern, wie das Team um den Psychologen Rob Jenkins von der Universität York (Großbritannien) im Fachjournal "Proceedings B" der britischen Royal Society berichtet.

Bekannt sei schon länger, dass es deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung vertrauter und unbekannter Gesichter gibt, erklären die Wissenschaftler. Die Gesamtzahl an Gesichtern, die ein Mensch kennt, sei bisher unbekannt gewesen.

Jenkins und Kollegen verfolgten einen mehrstufigen Ansatz, um eine Schätzung dafür zu ermitteln. Zunächst ließen sie 15 Frauen und 10 Männer im Alter von 18 bis 61 Jahren Bilder mit Gesichtern von Menschen aus deren Umgebung ansehen - Verwandte, Freunde, Kollegen, Mitstudenten oder andere Bekannte. Innerhalb einer Stunde identifizierten die Probanden im Durchschnitt 362 Gesichter. Die Spanne lag zwischen 167 und 524. Die Versuchsteilnehmer mussten den Namen oder eine eindeutige Beschreibung der Person nennen (etwa "Hausmeister der Hochschule").

Die Geschwindigkeit lässt nach

Den gleichen Versuch machten die Forscher mit Gesichtern von Personen des öffentlichen Lebens, etwa aus Kunst, Film und Fernsehen, Politik, Sport oder Wirtschaft. Hier war die Identifizierungsquote geringer: 290 Gesichter im Mittel (Spanne: 169 bis 407). Bei beiden Versuchen nahm die Geschwindigkeit der Identifizierungen ab: Im ersten Versuch erkannten die Probanden in den ersten fünf Minuten durchschnittlich 40 Gesichter, in den letzten fünf Minuten des Versuchs nur noch 21 Gesichter.

Diese geradlinige Abnahme der Identifizierung führten die Forscher weiter bis auf null. Wenn sie mehr Zeit als 60 Minuten gehabt hätten, hätten die Teilnehmer demnach durchschnittlich im ersten Versuch 549 Gesichter und im zweiten Versuch 395 erkannt, zusammengenommen also 944.

"Unser Vorschlag ist, auf 5000 zu runden"

In einem weiteren Versuch ermittelte die Gruppe um Jenkins, wie viele Gesichter Menschen als "bekannt" bezeichnen, ohne dass sie sie einem Namen oder einer Funktion zuordnen mussten. Die Gesichter stammten wieder von Personen des öffentlichen Lebens, doch diesmal gab es keine Zeitbegrenzung.

Die Forscher verglichen nun bei den einzelnen Versuchsteilnehmern die Anzahl der identifizierten Gesichter mit der Anzahl der als "bekannt" bezeichneten Gesichter. Sie kamen auf ein Verhältnis von 1:4,62 (also deutlich mehr bekannte als identifizierte Gesichter).

Mittels dieses Faktors ermittelten die Wissenschaftler aus der Summe der identifizierten Gesichter aus den ersten beiden Versuchen eine Gesamtzahl von 4240 Gesichtern, die ein Mensch kennt. "Diese exakte Zahl unterstellt eine Genauigkeit, die wir nicht haben", schreiben die Forscher. "Unser Vorschlag ist, sie auf 5000 zu runden."

oka/dpa

insgesamt 4 Beiträge
mintie 10.10.2018
1.
Wie kann man davon ausgehen, dass das Erkennen von Gesichtern auch über einen längeren Zeitraum gleichmäßig abnimmt? Vielleicht hört es ja auch schlagartig auf, weil einfach alle bekannten Gesichter identifiziert wurden. [...]
Wie kann man davon ausgehen, dass das Erkennen von Gesichtern auch über einen längeren Zeitraum gleichmäßig abnimmt? Vielleicht hört es ja auch schlagartig auf, weil einfach alle bekannten Gesichter identifiziert wurden. Durch das Hochrechnen wird die Summe noch mal extrem aufgebläht. Finde ich eher unwissenschaftlich.
dasfred 10.10.2018
2. Ich habe einen anderen Effekt bemerkt
Ich lebe seit zwanzig Jahren eigendlich eher zurückgezogen in einem überschaubaren Umfeld. Wenn ich in die Hamburger City fahre, sehe ich immer wieder bekannte Gesichter, bis mir klar ist, dass die Person, die dazugehören [...]
Ich lebe seit zwanzig Jahren eigendlich eher zurückgezogen in einem überschaubaren Umfeld. Wenn ich in die Hamburger City fahre, sehe ich immer wieder bekannte Gesichter, bis mir klar ist, dass die Person, die dazugehören müsste, heute zwanzig Jahre älter ist. Es sind oftmals nur starke Ähnlichkeiten, die eine Erinnerung generieren.
Knossos 10.10.2018
3.
Der Test scheint für wissenschaftliche Arbeit eher undifferenziert. So ist z.B. lange bekannt, daß Gesichtserkennung morphologisch / ethnisch spezialisiert ist. Weswegen sozusagen einem Schwarzafrikaner in Dänemark oder einem [...]
Der Test scheint für wissenschaftliche Arbeit eher undifferenziert. So ist z.B. lange bekannt, daß Gesichtserkennung morphologisch / ethnisch spezialisiert ist. Weswegen sozusagen einem Schwarzafrikaner in Dänemark oder einem Deutschen in China überspitzt ausgedrückt "alle gleich" auszusehen scheinen. Zumindest hinsichtlich kaum Bekannter / Gesichter im Straßenbild. Das letzte Mal, daß ich in Übersee jemand nicht wiedererkannte, dem meinereins vor nicht allzulange Zeit zuvor erstmalig / zuletzt begegnete, war erst vor ein paar Tagen. (Allerdings mag es wohl mit der Gesichtserkennung nicht anders sein, als mit sonstigen Inhalten. Was nicht als langfristig bedeutsam eingestuft ist, wird begrenzter Kapazität des Gedächtnisses erspart.) Mit der internationalen Fluktuation vergangener Jahrzehnte sollte die allgemeine Gesichtserkennung zugenommen haben, aber solange es Regionen gibt, die mehrheitlich von einander mehr oder weniger ähnlichen Menschen bewohnt sind, dürfte lokal unterschiedliche Wiedererkennung bestehen bleiben. Abseits der Erkennung finde ich etwas Anderes interessant. Und zwar meinen subjektiven Eindruck davon, als gäbe es im Grunde über sämtliche Ethnien hinweg nur eine relativ kleine Zahl von Phänotypen. Weltweit einander recht ähnlich erscheinende Gesichtstypen, die von jeglicher parentaler Konfiguration und über sämtliche Pigmentierung hinweg vorzukommen scheinen. Quasi, als kämen Formen immer wieder auf ein paar dutzend typische Gesichter nebst einer gewissen Anzahl von Abweichungen zurück. Ich meine auch, daß von derlei schon früher die Rede war / es Beobachtungen oder auch nur Hypothesen dieser Art gegeben hat. Nur daß ich mich nicht konkret erinnere.
verbalkind 19.10.2018
4. Phänotypen
"... als gäbe es im Grunde über sämtliche Ethnien hinweg nur eine relativ kleine Zahl von Phänotypen" Das geht mir ganz genauso. Ich habe es noch nicht genau überprüft, aber auch ich sehe mit zunehmendem Alter [...]
"... als gäbe es im Grunde über sämtliche Ethnien hinweg nur eine relativ kleine Zahl von Phänotypen" Das geht mir ganz genauso. Ich habe es noch nicht genau überprüft, aber auch ich sehe mit zunehmendem Alter bestimmte Gesichtsmuster. Anfang 40 dachte ich noch: ich kenne die Person. Bis ich begriff: nein, ich erkenne nur den Phänotyp wieder.

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