Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

1000 Jahre alt

Archäologen bergen wertvollen Silberschatz auf Rügen

Ein 13-Jähriger hat in einem Acker auf Rügen fast 1000 Jahre alte Halsreife, Perlen, einen Thorshammer und Münzen entdeckt. Sie stammen aus der Zeit des Dänenkönigs Harald Blauzahn.

DPA
Montag, 16.04.2018   12:42 Uhr

In einem Acker auf der Ostseeinsel Rügen sind Archäologen auf einen wertvollen Silberschatz aus dem späten 10. Jahrhundert und damit aus der Umbruchsphase von der Wikingerzeit zum Christentum gestoßen.

Auf einer Fläche von etwa 400 Quadratmetern nahe der Ortschaft Schaprode bargen sie am Wochenende kunstvoll geflochtene Halsreife, Perlen, Fibeln, einen Thorshammer, zerhackten Ringschmuck und zwischen 500 bis 600 teils zerhackte Münzen, von denen mehr als 100 Münzen der Regentschaft des legendären Dänenkönigs Harald Blauzahn (910-987) zugeordnet werden können.

Aufgespürt hatte die Schätze der Schüler Luca Malaschnitschenko im Januar mit einem Metalldetektor. Der 13-Jährige glaubte zunächst, ein wertloses Stück Alu auf dem Kirchacker nahe der Ortschaft Schaprode entdeckt zu haben. Hobbyarchäologe René Schön, mit dem der Junge unterwegs war, erkannte jedoch schnell, dass es sich um mehr handeln musste. "Das war der Fund meines Lebens", sagt Schön.

Fotostrecke

Münzen von Harald Blauzahn: Sie haben einen Schatz gefunden

"Dieser Schatz ist der größte Einzelfund von Blauzahn-Münzen im südlichen Ostseeraum und damit von herausragender Bedeutung", sagte der Archäologe und Grabungsleiter Michael Schirren vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege. Ähnlich große Münzfunde gab es bislang nur auf dem Gebiet des Dänenreiches, wie in Husby und Harndrup.

Vorm eigenen Sohn geflohen

Bereits in den Jahren 1872 und 1874 wurde nur wenige Kilometer entfernt auf der Insel Hiddensee der berühmte Hiddenseer Goldschmuck entdeckt: ein 16-teiliges filigran gearbeitetes Schmuckensemble, das dem Dänenkönig beziehungsweise seinem engen Umfeld zugeschrieben wird.

Der als Wikinger geborene Blauzahn gilt als Begründer des dänischen Reiches, indem er das Land einte, das Christentum einführte und Reformen durchsetzte. Historischen Quellen zufolge floh der umstrittene Herrscher nach der verlorenen Ostseeschlacht gegen seinen Sohn Sven Gabelbart (965-1014) im Jahr 986 nach Pommern, wo er ein Jahr später auf der Jormsburg bei Swinemünde starb.

Eine Verbindung zwischen beiden Funden liege nahe, sagt Archäologe Schirren. Möglicherweise wurde der bei Schaprode gefundene Schatz auf der Flucht Haralds vergraben - wie der Hiddenseer Goldschmuck auch. Viele Indizien sprächen für einen Zusammenhang, so Schirren. Der bei Schaprode entdeckte Schatz sei ein typischer "Versteckfund" in einem damals unbesiedelten Gebiet nahe einer markanten Ortsmarke - dem bronzezeitlichen Grabhügel.

Gleichzeitig warnt der Wissenschaftler aber vor voreiligen Schlüssen. Der Fund müsse zunächst genauer untersucht werden.

Münzen waren selten und deshalb wertvoll

Dänische Forscher gehen davon aus, dass die unter Blauzahn geprägten Münzen wegen der geringen Stückzahlen vom König überwiegend an die dänische High Society ausgegeben wurden - als Zeichen der Verbundenheit mit ihrem Herrscher und als Bekenntnis zu ihm.

Mit einem Gewicht von 0,3 Gramm hatten die mit einem christlichen Kreuz versehenen Münzen nur einen geringen Silberwert. Vielmehr galt der Nennwert der in der Stückzahl limitierten und deshalb besonders wertvollen Münzen. Zudem gibt es stilistische Parallelen zwischen dem Hiddensee-Goldschmuck und dem Schmuck des Schaprode-Fundes. Mit den typisch feinen Punzierungen und Granulationen sind sie im Terslev-Stil gearbeitet.

Video: Sondengänger auf Beutefang: Jäger der verlorenen Schätze

Foto: SPIEGEL TV

MEHR ZUM THEMA

In dem Schaprode-Konvolut finden sich auch Münzen aus dem englischen und orientalischen Raum - Ausdruck der damals bereits üblichen Handelstätigkeit im Ostseeraum.

Christentum gegen Mythenwelt

Der Tübinger Münzexperte Lutz Ilisch datiert die älteste, als Anhänger umgearbeitete Münze des Schatzes - einen Damaskus Dirham - auf das Jahr 714, die jüngsten sind sogenannte Otto-Adelheid-Pfennige, die ab 983 geprägt wurden. Nach dem Alter der Münzen zu urteilen, könne davon ausgegangen werden, dass der Schatz in den späten 980er Jahren des 10. Jahrhunderts vergraben wurde, sagt Ilisch. Zu der Zeit also, als Blauzahn nach Pommern geflohen sein soll.

Das 10. Jahrhundert, in dem Harald Blauzahn herrschte, ist weit entfernt von einer exakten Geschichtsschreibung. Fakten mischen sich noch mit Mythen und Legenden. Adam von Bremen (1050 - 1081/85) beschreibt in seiner Chronik das Schicksal Blauzahns und seine Auseinandersetzung mit seinem Sohn Sven Gabelbart. "Wir haben hier den seltenen Fall, dass dieser Fund mit historischen Quellen zusammenzugehen scheint", sagt Landesarchäologe Detlef Jantzen.

Den Quellen zufolge drehte sich der Vater-Sohn-Konflikt von Harald und Sven um Glauben und Thronfolge, wie Jantzen sagte. Der Konflikt und der Schatz spiegelten das Hin-und-Hergerissensein dieser Epoche zwischen Christentum und dem in der altnordischen Mythenwelt verhafteten Wikingertum.

Harald habe die Dänen geeint, dafür auf Hilfe der christlichen Kirche gesetzt, sich taufen, christliche Bauwerke errichten und Münzen mit christlicher Symbolik prägen lassen. Sein Sohn hingegen sei dem Denken der Wikingerzeit verpflichtet.

Die Herkunft des Beinamens Blauzahn ist nicht ganz geklärt, Harald Blauzahns eigentlicher Name war Gormson. Dass sich der Name auf die Farbe der Zähne des ehemaligen Wikingerführers bezog, ist unwahrscheinlich. Nach Blauzahn ist der Funkstandard Bluetooth benannt, der von skandinavischen Unternehmen vermarktet wurde. Das Logo ist ein Monogramm, es zeigt die Initialen HB in Runen.

"Der Schatz von Schaprode ist ein einzigartiger und beispielloser Fund", resümiert Jantzen. Der Fund geht nun zunächst nach Schwerin ins Landesamt, wo er geordnet und konserviert wird.

jme/dpa

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Archäologische Methoden der Datierung

Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, erlaubt das Rückschlüsse auf das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag. Allerdings liefert dieses Verfahren keine absolute Altersangabe wie die C14-Methode. Die Archäologen können so nur feststellen, dass ein Artefakt etwa zur gleichen Zeit in die Erde gelangt ist.

Gräber-Quiz

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP