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Wissenschaft

Menschenaffen

Orang-Utans stillen jahrelang

Orang-Utan-Weibchen füttern ihren Nachwuchs auch noch mit Milch, wenn eigentlich die Trennungsphase ansteht. Forscher vermuten dahinter einen einfachen Grund.

Getty Images

Orang-Utan-Baby

Donnerstag, 18.05.2017   17:20 Uhr

Wie lange Mütter ihre Kinder stillen sollten, darüber gehen auch beim Menschen die Meinungen stark auseinander. Geben Mütter ihrem dreijährigen Nachwuchs noch die Brust, gelten sie als sehr seltene Langzeitstillende. Orang-Utan-Weibchen hingegen füttern ihre Kinder wesentlich länger mit ihrer Milch.

Sie stillen ihren Nachwuchs bis ins neunte Lebensjahr - zumindest zeitweise. Das berichten Wissenschaftler im Fachblatt "Science Advances". Im ersten Lebensjahr trinken die Jungtiere ausschließlich Muttermilch. Danach fressen sie auch Früchte und andere Pflanzenteile.

Wenn aber pflanzliche Kost nicht verfügbar ist, greift der Nachwuchs immer wieder auf Muttermilch zurück. Das wiesen die Forscher um Tanya Smith von der Griffith University in Nathan (Australien) anhand chemischer Spuren der Milch in den Zähnen verstorbener Orang-Utans nach.

Wildlebende Orang-Utans verbringen die meiste Zeit des Tages hoch oben in den Bäumen. Daher ist bisher nur wenig über ihr Verhalten bekannt. Das gilt auch für die Ernährung der Jungtiere. Gerade wenn sich die Mütter nachts mit ihren Jungen in die Nester verziehen, ist eine Beobachtung kaum mehr möglich.

Zähne deuten auf Milchkonsum hin

Die Forscher untersuchten daher bei Zähnen von toten Orang-Utans die Verteilung von Barium. Barium stammt aus Speichern im Körper der Mütter und konzentriert sich in der Muttermilch. Die Jungtiere lagern es in Knochen und Zähnen ein.

Ähnlich wie Bäume weisen Zähne Wachstumsringe auf, sodass gemessene Barium-Konzentrationen in einzelnen Schichten mit dem Alter der Tiere in Verbindung gebracht werden können.

Insgesamt untersuchten die Forscher Backenzähne von vier vor Jahren erschossenen Jungtieren, die in zoologischen Museen aufbewahrt werden. Es handelte sich dabei um Exemplare des Borneo-Orang-Utans (Pongo pygmaeus) sowie des Sumatra-Orang-Utans (Pongo abelii).

Die Forscher stellten fest, dass der Barium-Gehalt im ersten Lebensjahr anstieg. Zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat fiel der Barium-Gehalt dann ab - die Tiere begannen, feste Nahrung zu sich zu nehmen.

Schwankungen in jährlichem Rhythmus

Nachfolgend schwankte der Anteil in einem annähernd jährlichen Rhythmus. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Tiere immer dann auf Muttermilch zurückgriffen, wenn - jahreszeitlich bedingt - weniger Früchte zur Verfügung standen.

Für eines der untersuchten Tiere konnten die Forscher recht genau beziffern, wann es vollständig auf feste Nahrung umstieg: Es war zu diesem Zeitpunkt 8,1 Jahre alt. Ein weiteres Tier hatte wohl bis zu seinem Tod im Alter von 8,8 Jahren noch Muttermilch getrunken. Für keinen anderen nicht-menschlichen Primaten sei ein derart später vollständiger Umstieg auf feste Nahrung nachgewiesen, schreiben die Forscher.

Weibchen bringen zwei bis drei Nachkommen zur Welt

Orang-Utan-Weibchen werden rund 50 Jahre alt. Das Geburtsintervall beträgt vier bis acht Jahre - auch dies ist die längste bei Menschenaffen bekannte Spanne. Daher bringen Orang-Utan-Weibchen oft nur zwei bis drei Jungtiere zur Welt. Das ist mit ein Grund dafür, dass das Überleben der Affen in freier Wildbahn stark bedroht ist.

Aufgezogen wird der Nachwuchs allein von den Weibchen, erst mit fünf bis acht Jahren beginnt die allmähliche Trennung von der Mutter. Weibliche Tiere werden mit rund sieben Jahren geschlechtsreif, Männchen zwischen acht und 15 Jahren.

Weitere Untersuchungen sollen zeigen, wie die Verfügbarkeit von Nahrung und andere Umweltfaktoren das Stillverhalten bei Primaten beeinflussen, schrieb Smith. "Weitere Studien sind nötig, um herauszufinden, ob ähnliche Stillmuster menschlichen Babys helfen, ihre Widerstandsfähigkeit gegen Umweltstress im Säuglingsalter zu erhöhen."

brt/Anja Garms, dpa

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