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Wissenschaft

Cleveland-Lloyd Quarry

Das Geheimnis des Raubsaurier-Friedhofs

Der Cleveland-Lloyd-Steinbruch im US-Bundesstaat Utah ist ein Traum für Fossiliensucher. Tausende Knochen zahlreicher Raubsaurier liegen dort übereinander. Jetzt wollen Forscher den Grund dafür gefunden haben.

Wikipedia

Allosaurus fragilis: Mächtiger Raubsaurier des Jura

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Dienstag, 06.06.2017   15:18 Uhr

Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten Schäfer in der Morrison-Formation von Utah einen eigentümlichen Aufschluss: Steinerne Knochen, berichteten sie, ragten da aus Fels und Boden. Eine erste wissenschaftliche Expedition der Universität Utah erbrachte 1927 über 800 Funde - der Cleveland-Lloyd-Steinbruch galt von da an als dichteste, reichhaltigste Fossilienfundstätte der Welt.

Zwischen 12.000 und 15.000 fossile Knochen sind seitdem geborgen worden. Als rätselhaft gelten die Umstände, wie sie dort hinkamen: Sie liegen Schicht auf Schicht gehäuft übereinander, teils deformiert. Besonders seltsam ist, welche Tiere dort liegen: Es sind dreimal so viele Raubsaurier wie Pflanzenfresser. Und fast 70 Prozent aller dort gefundenen Fossilien stammen vom mächtigen Allosaurus - man geht von mindestens 44 Einzeltieren aus, die bisher gefunden wurden.

Darüber, wie es dazu kam, gibt es verschiedene Vermutungen. Wo heute der Steinbruch liegt, lag im Jura vor rund 150 Millionen Jahren ein schlammiger Teich, in den mehrere Zuflüsse eines verzweigten Flusssystems mündeten.

Dafür, dass dort scheinbar Hunderte von Tieren verendeten, fand man verschiedene Erklärungen:

Credit: Wikipedia - Marmelad

Größenvergleich Allosaurus/Mensch

Ähnlich wie bei den berühmten Asphaltgruben der La Brea Tar Pits, mutmaßten manche, könnten dort einst große, schwere Tiere beim Saufen steckengeblieben und langsam im Schlamm versunken sein. Von den Schreien der verendenden Tiere angelockte Räuber, die sich auf die Körper der vermeintlich leichten Beute stürzten, hätten dann deren Schicksal geteilt.

Das zahlenmäßige Missverhältnis zwischen Beute- und Raubtieren lässt sich so erklären. Und die enorme Häufung von Allosaurus-Funden? Die hätten offenbar in Rudeln gejagt, lautet die gängige Erklärung - und wären dann auch in Gruppen verendet.

Eine aktuelle, im Fachmagazin "PeerJ" veröffentlichte Studie deutet nun darauf hin, dass die Wahrheit möglicherweise irgendwo in der Mitte der bisherigen Vermutungen zu finden ist. Gegen die Deutung der Fundstätte als "Fressfalle" gieriger Raubsaurier spreche, dass die dort gefunden Knochen zu selten Bissspuren aufweisen, sagen die Forscher um Joseph E. Peterson von der University of Wisconsin Oshkosh.

Auffällig sei auch, dass man im Steinbruch kein nennenswertes, zusammenhängend fossilisiertes Skelett gefunden habe, wie das oft der Fall sei, wenn Tiere im Schlamm versinken. Cleveland-Lloyd erinnert eher an ein Puzzle zahlloser Individuen, deren Knochen in einem wilden Mix der Arten auf- und ineinanderliegen. Die Forscher leiteten daraus die These ab, dass dieses archaische Sammelbecken eher ein Ort war, in dem Leichname und Einzelknochen aus dem Flussnetzwerk angeschwemmt und zur steinernen "Sammlung" wurden.

Joe Peterson

Ausgrabung im Cleveland-Lloyd Dinosaur Quarry: Knochen dicht an dicht

Eine Röntgenanalyse der Sedimente bestätigte diese Vermutung nun. Peterson und seine Co-Autoren glauben, dass der einstige Schlammtümpel, in dem sich die Knochen sammelten, möglicherweise nur saisonal bestand: Dort seien, wenn jahreszeitlich bedingt die Zuläufe des Flussnetzwerkes Hochwasser führten, wiederholt Knochen und Tierleichen angeschwemmt worden. Aus periodischen Anschwemmungen nach Dürreperioden stammten vor allem die kleineren Knochen, die sich am heutigen Fundort oft zwischen größeren finden. Und weil das eben wiederholt geschah, wurde der Knochen- und Leichenschlamm immer wieder "umgerührt", verdichtet, neu geschichtet - eine elegante Erklärung für den seltsam durchmischten Knochenhaufen.

Sie lässt zudem die Möglichkeit offen, dass der Knochenmix auf verschiedene Ursachen zurückgeht. Größere Kadaver von Allosauriern und anderen Tieren könnten demnach tatsächlich angeschwemmte Flutopfer gewesen sein - und deren verrottende Kadaver hätten den Tümpel dann zu einer toxischen Brühe werden lassen, an der sich möglicherweise weitere Räuber selbst vergifteten. Dass auch von denen nichts "am Stück" erhalten ist, wird dadurch erklärt, dass die Sedimente eben saisonal bewegt wurden, bevor sie irgendwann aushärteten.

Es würde das vermeintliche Drama der Cleveland-Lloyd-Raubtierfalle degradieren - zum durch jahreszeitlich bedingte Wetterereignisse entstandenen Knochensammelbecken. Es wäre eine kleine Entzauberung, die aber allenfalls für das Marketing des örtlichen Besucherzentrums relevant sein dürfte. Dem wissenschaftlichen Wert der reichhaltigen Fundstelle tut es keinen Abbruch: Man geht davon aus, dass im Fels noch etliche tausend Knochen auf ihre Entdeckung warten.

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