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Wissenschaft

Gruselige Meeresbewohner

Totengräber der Tiefsee

Er taucht im eiskalten Wasser mit Geisterhaien, Anglerfischen und roten Quallen. Unterwasserfotograf Uli Kunz mag bizarre Wasserwesen - am liebsten sind ihm Schleimaale. Warum nur?

Foto: Uli Kunz
Ein Interview von
Donnerstag, 10.08.2017   12:49 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Sie tauchen im eiskalten Wasser in Fjorden in Norwegen. Ist es in der Karibik nicht schöner?

Uli Kunz: Die Unterwasserwelt in Nord- und Ostsee wird vollkommen unterschätzt. Man begegnet dort Lebewesen, die man im warmen Wasser nie antreffen würde. Im Trondheimfjord kann man zum Beispiel nur 15 bis 20 Meter unter der Meeresoberfläche Geisterhaie beobachten (siehe Fotostrecke). Die Knorpelfische leben eigentlich in der Tiefsee. Sie sind nachtaktiv, den Tag verbringen sie mehrere hundert Meter unter der Wasseroberfläche. Sobald es dunkel wird, steigen sie auf. Wenn wir mit ihnen tauchen wollen, verdecken wir unsere Lampen mit den Händen, um sie nicht zu verscheuchen. Minutenlang treiben wir im dunklen Wasser. Irgendwann starren uns die Tiere dann mit ihren riesigen Augen aus der Dunkelheit an.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt gruselig.

Kunz: In dem Fall wissen wir, was auf uns zukommt. Das ist nicht immer so. Die Meere sind kaum erforscht. Bei unseren Tauchgängen sehen wir immer wieder Lebewesen, von denen wir nie gedacht hätten, sie jemals beobachten zu können.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Kunz: Meine absoluten Lieblingstiere sind Schleimaale. Sie sehen zwar nicht besonders kuschelig aus, sind aber wahnsinnig spannend zu beobachten. Legt man zum Beispiel im Namsfjord vor der Küste Norwegens einen toten Fisch auf den Grund, schießen innerhalb kürzester Zeit Dutzende rosa Würste aus dem Boden und machen sich daran zu schaffen (siehe Video oben). Schleimaale sind die Totengräber der Tiefsee, sie fressen alles, was auf den Grund hinabfällt. Außerdem können sie Haie abwehren. Hat ein Raubfisch sie im Maul, produzieren sie so viel Schleim, dass er sie wieder ausspuckt, weil ihm sonst die Kiemen zukleben. Außerdem untersuchen Forscher den Schleim. Sie wollen wissen, ob er sich als Wundauflage, für die Lebensmittelherstellung oder als neue Textilie eignet.

Fotostrecke

Ungewöhnliche Wassertiere: Guck mal, wer da schwimmt

SPIEGEL ONLINE: Was treibt Tiefseefische in das vergleichsweise flache Wasser der Fjorde?

Kunz: Ganz genau weiß man das nicht. Für die Geisterhaie lohnt sich der Aufstieg unter anderem, weil sie weiter oben mehr Würmer und kleine Krebse finden. Ein Grund ist auch, dass es in den Fjorden schon in geringer Tiefe dunkel ist. Süß- und Salzwasser treffen dort aufeinander. Das Süßwasser schwimmt aufgrund seiner geringeren Dichte oben, hier sammelt sich nach Regen auch Wasser, das von den Fjordhängen abfließt. Wenn man von unten Richtung Wasseroberfläche fotografiert, erscheint es daher oft bräunlich-grün. Unter der Süßwasserschicht ist das Wasser dagegen recht dunkel, aber vollkommen klar. Perfekt zum Fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: In welchen Situationen gelingen Ihnen die besten Bilder?

Kunz: Das kann man schwer vorhersagen. Als Taucher ist gute Vorbereitung lebenswichtig. Um ein gutes Fotos zu machen, braucht man aber immer auch etwas Glück. Als ich zum Beispiel vor Stavanger im Südwesten von Norwegen getaucht bin, ist eine Krabbe aus dem Algenwald direkt auf das Schutzglas meiner Kamera gefallen. So konnte ich sie von unten fotografieren. Wenn man die Tiere sonst sieht, sehen sie aus wie wandelnde Grasbüschel, weil ihre Panzer stark mit Algen bewachsen sind. Auf meinem Bild kann man das nur erahnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie tauchen auch, wenn die Wassertemperatur kurz über dem Gefrierpunkt liegt. Was muss man da anziehen?

Kunz: In 15 bis 20 Metern Tiefe haben die Fjorde ungefähr fünf bis sechs Grad. Ich habe für solche Fälle einen Trockentauchanzug mit Dichtmanschetten an Armen und Beinen. Da kann kein Wasser reinlaufen. Drunter kommt ein Fellüberzieher, auf den Kopf eine Haube und an die Hände Handschuhe. Trotzdem werden die Hände manchmal so steif, dass das Drücken auf den Auslöser schwer fällt. Das Gesicht bleibt ungeschützt. So lässt es sich eine bis eineinhalb Stunden im kalten Wasser aushalten. Zwischendurch schwimme ich in höhere Wasserschichten. Die kommen einem mit etwa 13 Grad dann richtig warm vor.

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