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Wissenschaft

Ökologische Landwirtschaft

Warum Bio-Bauern ein Schwermetall spritzen

Die Bio-Branche wächst, fast alle großen Parteien sprechen sich in ihren Wahlprogrammen für die ökologische Landwirtschaft aus. Doch "ohne Gift", wie es die Grünen versprechen, kommt auch der Öko-Anbau nicht aus.

DPA

Von Falschem Mehltau befallene Trauben

Ein Beitrag zur Themenwoche "Umwelt" von
Montag, 07.08.2017   10:12 Uhr
Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

Bio ist in Deutschland beliebt. Inzwischen produziert fast jeder zehnte Landwirt ökologisch, rund vier Prozent des Erlöses der deutschen Landwirtschaft entfallen auf die Bio-Sparte. Tendenz seit Jahren steigend. Sicher gibt es verschiedene Gründe, bio zu kaufen. Einer davon lässt sich mit einer überspitzten Formulierung aus dem Wahlprogramm der Grünen beschreiben, die den ökologischen Landbau als ihr Leitbild sehen: "Eine Landwirtschaft ohne Gift".

Tatsächlich garantiert die ökologische Landwirtschaft einen Anbau ohne chemische Pflanzenschutzmittel. Das bedeutet im Einzelfall jedoch nicht zwingend, dass der Bio-Pflanzenschutz weniger "giftig" ist als der konventionelle. Der Drang nach Natürlichkeit führt dabei mitunter zu Lösungen, die weder den Landwirten noch der Umwelt dienen. Und im Zweifel kann man sogar darüber streiten, ob ein Pestizid nun bio ist oder nicht.

Womit wir bei den deutschen Bio-Winzern wären, für die 2016 ein - vorsichtig formuliert - herausforderndes Jahr war. Anhaltende Regenfälle sorgten dafür, dass sich ein schädlicher Pilz, der Falsche Mehltau, rasant in den Weinbergen ausbreitete.

Chemisch und unbedenklich

Kaliumphosphonat kann in dieser Situation helfen. Chemisch formuliert ist es ein anorganisches Salz der Phosphonsäure, es wird synthetisch hergestellt.

Kaliumphosphonat gilt als vergleichsweise unbedenklich für Mensch und Umwelt - das schreibt etwa der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Das Mittel ist ein besonderer Fall: Bis 2013 durften Bio-Winzer Kaliumphosphonat nutzen, weil es als sogenanntes Pflanzenstärkungsmittel eingestuft war. Durch eine Gesetzesänderung auf EU-Ebene fiel es danach in die Kategorie Pflanzenschutzmittel - und damit als chemisch erzeugter Wirkstoff für den Ökolandbau aus. Die Unbedenklichkeit ist unwesentlich, wenn es an Natürlichkeit hapert.

Natürlich und kritisch

Eine andere Substanz dürfen Bio-Winzer allerdings einsetzen, um Pilze wie den Falschen Mehltau zu bekämpfen: Kupfer - in Form der sogenannten Bordeauxbrühe.

Laut Umweltbundesamt (UBA) "ist Kupfer grundsätzlich kritisch zu betrachten, da hohe Konzentrationen des Schwermetalls in der Erde zahlreiche Bodenorganismen schädigen können, darunter auch Regenwurmarten". Regenwürmer, das muss man dazu sagen, sind sozusagen die Bienen des Bodens: Ohne sie hätte man ein großes Problem. Nur dass sie nicht bestäuben, sondern abbauen.

Außerdem gilt: Ist Kupfer einmal im Boden, bleibt es dort. Weil Kupfer schon seit vielen Jahrzehnten genutzt wird - auch von konventionellen Winzern - und früher in viel höheren Mengen verwendet wurde, hat es sich insbesondere in Weinbergen stark angereichert. Die gute Nachricht: Laut einer Langzeituntersuchung des Julius-Kühn-Instituts (JKI) kommen Regenwürmer und andere Bodenorganismen damit aus verschiedenen Gründen besser klar als gedacht. Dennoch stuft auch das JKI Kupfer grundsätzlich als kritisch ein - aus diesem Grund gibt es strenge, in Deutschland sehr niedrige Höchstmengen, die Landwirte pro Jahr nicht überschreiten dürfen. Die Beschränkung soll gewährleisten, dass das Metall auch in Zukunft weiter gegen Pilzbefall verwendet werden kann, falls dies nötig ist.

Im Deutschlandfunk sagte Bernd Hommel vom JKI: "Würde Kupfer das erste Mal als Pflanzenschutzmittel auf der Tagesordnung stehen, würde es niemals eine Zulassung bekommen."

imago

Weinberg bei Bonn

Glücklich sind die deutschen Bio-Winzer mit der Situation nicht. Denn im Sommer 2016 reichte die erlaubte Kupfermenge allein nicht aus, um den Falschen Mehltau loszuwerden.

Die Weinproduzenten machen sich dafür stark, Kaliumphosphonat wieder für den Öko-Weinbau zuzulassen. Es habe einen "naturstofflichen Charakter", argumentiert etwa der Verband Ecovin. Die Meinung teilt offensichtlich nicht jeder. Aus Brüssel hieß es schon im vergangenen Jahr, man könne sich nicht über Befunde von Experten hinwegsetzen, die Kaliumphosphonat für unvereinbar mit biologischem Anbau halten. Natürlichkeit steht eben an erster Stelle.

2016 griffen einige Bio-Winzer in der Not doch auf Kaliumphosphonat zurück, um ihre Ernte zu retten: Die Hersteller dürfen diesen Jahrgang deshalb nicht als Bio-Produkt verkaufen. Eigentlich gilt das auch für einige Folgejahrgänge, entsprechend der Frist vom konventionellen zum Bio-Betrieb. In der Hoffnung, dies zu umgehen, starteten mehrere Bundesländer offizielle Großversuche, an denen die Winzer teilnehmen konnten. Um Erkenntnisgewinn geht es dabei weniger, sondern mehr ums Umgehen der längeren Frist. Ob das klappt, ist noch unklar. Die Entscheidung darüber fällt auf EU-Ebene und steht noch aus.

Unterm Strich lässt sich also festhalten: Ein Schwermetall, das sich im Boden anreichert und Regenwürmern schaden kann, ist bio. Ein selbst von Öko-Verbänden als unbedenklich eingeschätztes anorganisches Salz ist es nicht. Denn Bio-Pflanzenschutz muss laut Richtlinie "pflanzlichen, tierischen, mikrobiellen oder mineralischen Ursprungs sein" - wobei die Gesetzgebung auch Raum für Ausnahmen lässt.

Und: Wenn die Bedingungen allzu widrig sind, müssen Öko-Landwirte entweder herbe Ernteeinbußen hinnehmen oder doch in die sonst so verhasste Chemie-Kiste greifen. Im Fall von Wein mag eine verlorene Ernte, so schrecklich sie für den Winzer ist, für die Gesellschaft ein Luxusproblem darstellen. Bei Kartoffeln, die ebenfalls anfällig für Pilze sind, sieht das schon anders aus.

Das alles bedeutet nicht, dass die Bio-Branche der falsche Weg ist. Doch für eine nachhaltige, möglichst umweltschonende Landwirtschaft wäre es besser, wenn die ideologischen Scheuklappen fallen und man sich stattdessen für optimale Lösungen entscheidet.


Was sagen die Parteien zu ökologischer und konventioneller Landwirtschaft? Ein Blick in die Parteiprogramme:

Für CDU/CDU stehen konventionelle und ökologische Landwirtschaft nicht im Gegensatz. Beide würden gefördert.

Die SPD betont, die ökologische Landwirtschaft sei derzeit die nachhaltigste Form der Landwirtschaft. Sie bekennt sich zu beiden Produktionsformen, weil beide notwendig seien, um die Nachfrage nach Lebensmitteln zu bedienen. Die Partei setzt sich für gentechnikfreie Landwirtschaft und Lebensmittel ein.

Der ökologische Landbau bleibt unser Leitbild, heißt es im Wahlprogramm der Grünen. Sie wollen raus aus der industriellen Massentierhaltung, eine Landwirtschaft "ohne Gift" und mehr Geld für die grüne Landwirtschaft. "Mit uns gibt es gutes Essen ohne Gift und Gentechnik", steht im Programm.

Die FDP will "landwirtschaftliche Unternehmerinnen und Unternehmer" fördern, die "selbstbestimmt und sachkundig ihrer Arbeit nachgehen können". Daher setzt sie sich unter anderem für ein "praktikables und bewegliches Düngerecht" ein. Pauschalisierende Verbote neuer Technologien lehnt die Partei ab.

"Eine sozial gerechte und ökologische Landwirtschaft mit dem Schwerpunkt auf regionaler Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung" will Die Linke fördern. Anbau und Handel von gentechnisch veränderten Pflanzen sollen verboten werden.

Die AfD bewertet "die Globalisierung im Bereich der Landwirtschaft kritisch" und will landwirtschaftliche Familienbetriebe und Genossenschaften fördern. Sie setzt sich für gentechnikfrei erzeugte Lebensmittel ein.

insgesamt 142 Beiträge
Bueckstueck 07.08.2017
1. Mir deucht
Dass das vorallem ein bürokratisches Problem aufgrund von zementierten Definitionen ist. Wo Ausnahmeregelungen mit dem Resultat im Sinne von Bio vereinbar sind, sollten diese möglich sein.
Dass das vorallem ein bürokratisches Problem aufgrund von zementierten Definitionen ist. Wo Ausnahmeregelungen mit dem Resultat im Sinne von Bio vereinbar sind, sollten diese möglich sein.
phboerker 07.08.2017
2. Ideologie vs. Lobbyismus
Dass die ideologischen Grundsätze der ökologischen Landwirtschaft im Einzelfall nicht immer sinnvoll sind, versteht jeder. Schnürt man das Paket aber auf, dann werden große Verbände, die Aldi&Co beliefern und die größte [...]
Dass die ideologischen Grundsätze der ökologischen Landwirtschaft im Einzelfall nicht immer sinnvoll sind, versteht jeder. Schnürt man das Paket aber auf, dann werden große Verbände, die Aldi&Co beliefern und die größte Wirtschaftsmacht besitzen, bald eine große Menge von Ausnahmen ausgehandelt und das ganze Unterfangen entwertet haben. Und das nur wegen der Weinbauern? Beweis durch Beispiel?
Echt jetzt 08.08.2017
3. Naturstoffe
Allgemein gesprochen sollten sich einige Damen und Herren von der kindlichen naiven Vorstellung lösen natürlich=gut und künstlich=schlecht. Es gibt viele Naturstoffe, die schon in geringen Konzentrationen tödlich für den [...]
Allgemein gesprochen sollten sich einige Damen und Herren von der kindlichen naiven Vorstellung lösen natürlich=gut und künstlich=schlecht. Es gibt viele Naturstoffe, die schon in geringen Konzentrationen tödlich für den Menschen sind.
sudiso 08.08.2017
4.
Finde diesen ganzen Hype um Bio unsinnig.....Theoretisch lässt sich ein konventionelles Produkt auch einfach umetikettieren ohne das es jemand merken würde..... Bio heisst für mich das eine Gurke auch mal krumm sein kann und [...]
Finde diesen ganzen Hype um Bio unsinnig.....Theoretisch lässt sich ein konventionelles Produkt auch einfach umetikettieren ohne das es jemand merken würde..... Bio heisst für mich das eine Gurke auch mal krumm sein kann und auch darf, oder das die Tomate nicht rund sondern auch Ecken und Kanten hat und vielleicht nicht so ansehnlich aussieht wie die Tomaten im Supermarkt, die mit Bio beworben werden......Abgesehen davon braucht das Feld auch Düngung. Und womit wird gedüngt? Richtig mit Gülle von Schweinen/Kühen, die eventuell noch mit Antibiotika und Wachstumshormonen vollgepumpt sind, was dann nachher auf den Felder landet..... Viel Spass beim lesen, ich werde die Kommentare nicht lesen!
spon-facebook-512598660 08.08.2017
5. Gentechnik wäre die Lösung
Gentechnik wäre die Lösung für viele Probleme in der Landwirtschaft und Medizin, wenn man die ideologischen Scheuklappen ablegt. Gentechnik wird in der Pflanzenforschung und -entwicklung schon immer eingesetzt - nur ungezielt [...]
Gentechnik wäre die Lösung für viele Probleme in der Landwirtschaft und Medizin, wenn man die ideologischen Scheuklappen ablegt. Gentechnik wird in der Pflanzenforschung und -entwicklung schon immer eingesetzt - nur ungezielt und zufällig statt gezielt wie bei moderner Gentechnik.

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