25.04.2008
Erderwärmung
Sechs Notoperationen fürs Weltklima
Von Holger Dambeck
Der Nobelpreisträger Paul Crutzen hat im Jahr 2006 eine Art Giftkur fürs Weltklima vorgeschlagen: Die Erde soll eine Sonnenbrille bekommen. Feinste Schwefelpartikel, ausgebracht in 10 bis 50 Kilometer Höhe, sollen das Sonnenlicht dämpfen. Um ein paar Prozent nur, aber das würde reichen, damit die Temperatur auf der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts nur um zwei bis zweieinhalb Grad ansteigt - und nicht um vier Grad oder mehr, wie der Weltklimarat IPCC prognostiziert, falls die Menschheit ihren CO2-Ausstoß nicht drastisch reduziert.
Crutzens Plan hat den Charme, dass er den Kampf gegen den Klimawandel erstaunlich billig machen würde: "Drei Gramm Schwefel in der Stratosphäre wiegen eine Tonne CO2 auf", sagt David Keith von der University of Calgary in Kanada. "Niemand muss sein Verhalten ändern, im Vergleich zu CO2-Reduktion erscheint Geoengineering billig", ergänzt Ken Caldeira von der Carnegie Institution of Washington, der die Gesamtkosten mit Hunderten Millionen bis einigen Milliarden Dollar beziffert. "Das ist natürlich verlockend." Das große Problem sei jedoch die Übersäuerung der Meere, die eintrete, wenn der CO2-Gehalt der Atmosphäre weiter steige. Folge: Die Korallenriffe verschwinden, das Ökosystem Meer verändert sich dramatisch.
Bei seinen Simulationen über die Auswirkungen der Stratosphären-Schwefelung stützt sich Crutzen auch auf ein Naturereignis: den Ausbruch des Vulkans Pinatubo 1991 auf den Philippinen. Mehr als 20 Kilometer hoch wurde damals die Aschewolke geschleudert. Schwefeldioxide oxidierten zu genau jenen kleinen Schwefelsäure-Tröpfchen, die Crutzen nutzen will. 20 Millionen Tonnen Material verteilten sich in der Stratosphäre und verdunkelten - ein ganz kleines bisschen - den Himmel. Die Temperatur sank weltweit um 0,5 Grad.
Die deutlichste Nebenwirkung damals: Die Ozonschicht schrumpfte schneller. "Ich sage ja gar nicht, dass ich all das durchführen will", sagte Crutzen dem SPIEGEL. "Es wäre sogar ein hässliches Experiment. Aber vielleicht wird es eines Tages nötig."
Vor einer Schädigung an der Ozonschicht warnen jetzt auch der Jülicher Forscher Rolf Müller und seine Kollegen, die künstliche Sulfateinträge in die Atmosphäre simuliert haben - ebenfalls mit Hilfe der Daten vom Pinatubo-Ausbruch. Das Ergebnis: Durch die Sulfatpartikel wird stratosphärisches Chlor chemisch so verändert, dass es eine rapide Ozonzerstörung verursacht. So könnten zwischen einem Drittel und der Hälfte der Ozonschicht über der Arktis zerstört werden, schreiben sie im Magazin "Science".