03.05.2010
Forscherskandal
Heißer Krieg ums Klima
Von Axel Bojanowski
Fortan ging es um die Vorherrschaft in den Medien. Ihnen wurde häufig vorgeworfen, Klimaskeptikern zu viel Raum zu geben. Tatsächlich gelangten regelmäßig skeptische Thesen in die Medien, die wissenschaftlich kaum abgesichert waren. Sie wurden mitunter lanciert von Erdöl-Lobbyisten, die etwa "Informationsbroschüren" an Journalisten verschickten.
Das lag zum einen daran, dass insbesondere US-Medien dem Grundsatz des "balanced reporting", der ausgeglichenen Berichterstattung, hohe Priorität einräumen - es müssen stets beide Seiten einer Debatte gehört werden. Bisweilen bekamen selbst abwegige Thesen von Klimaskeptikern ebenso viel Raum wie etablierte wissenschaftliche Ergebnisse.
Ein weiterer Grund für die Verbreitung der Klimaskeptiker-Thesen ist das Phänomen der Nachrichtenwert-Theorie, glauben Medienforscher: Je eindeutiger die Warnungen vor einer Katastrophe, desto interessanter werden kritische Stimmen. Der skeptische Diskurs in den Medien thematisierte auch die skandalträchtige Frage, ob Klimaforscher sich mit spekulativen Katastrophenszenarien Zugang zu Fördergeldern verschaffen wollten.
Der angesehene Klimaforscher Klaus Hasselmann vom Max-Planck-Institut für Meteorologie hatte die Anschuldigungen 1997 in einem viel beachteten Artikel in der "Zeit" zurückgewiesen. Er machte geltend, dass im Sinne eines Indizienprozesses die Schuld des Menschen am Klimawandel mit hoher Wahrscheinlichkeit geklärt sei. "Wenn wir aber abwarten, bis auch die letzten Zweifel überwunden sind, wird es zum Handeln zu spät sein", schrieb Hasselmann.
"Klimatologen lassen ihre überzogenen Behauptungen gerne unerwähnt"
Er gab den Medien die Schuld an Dramatisierungen. Tatsächlich hatten Soziologen "Überbietungsdiskurse" in den Medien identifiziert - die Katastrophen würden in immer schwärzeren Farben gemalt. "Viele Journalisten wollen von Unsicherheiten der Forschungsergebnisse nichts wissen", klagt noch heute MPI-Forscher Martin Claußen. Soziologe Weingart kritisiert dagegen die Wissenschaftler: "Ihre eigenen überzogenen Behauptungen lassen Klimatologen gerne unerwähnt."
Während die Debatte in den USA immer wieder aufflammte, "waren die Skeptiker in Deutschland jedoch bald wieder marginalisiert", konstatiert der Soziologe Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich, der die Klimaberichterstattung in Deutschland analysiert hat. Die Kommunikationsstrategie führender Forscher lasse sich über lange Zeit als Erfolg deuten: "Das propagierte Klimaproblem wurde von den Medien ernst genommen", sagt Peters. Er sieht sogar eine "starke Co-Orientierung von Wissenschaft und Journalismus bei der Berichterstattung über den Klimawandel".
Allerdings versuchten Wissenschaftler mitunter, Druck auszuüben, wenn sie mit der medialen Berichterstattung nicht einverstanden waren. Nach Berichten, die die Dringlichkeit des Klimaalarms abzuschwächen schienen, gingen in Redaktionen regelmäßig Protestbriefe ein. E-Mails belegen, dass Klimaforscher Proteste gezielt gegen einzelne Journalisten abstimmten. Als beispielsweise im Oktober 2009 ein kritischer Artikel über die Ergebnisse der Klimaforschung auf BBC Online erschien, gelangten britische Forscher nach interner E-Mail-Debatte am 12. Oktober zu dem Ergebnis, einen ihnen anscheinend gewogenen BBC-Redakteur zu fragen, "was da los ist".
Freundlich gesonnene Medien können der Karriere nutzen, wissen Sozialforscher: Der Kampf um die Aufmerksamkeit in den Massenmedien diene nicht nur der Mobilisierung öffentlicher Unterstützung, sondern könne auch eine erfolgreiche Strategie um die Wahrnehmung innerhalb der Wissenschaft sein, hat der Soziologe David Phillips von der Universität in San Diego, USA, herausgefunden.


