18.08.2011
Sensationsfund vor Norwegen
Geologen wittern Erdöl-Bonanza in der Nordsee
Von Axel BojanowskiHamburg - Regelmäßig kreuzen Tanker das Gebiet, das für die Sensation sorgte. Sie bringen Öl, das in der Tiefsee gefördert wurde. Dabei müssten die Schiffe gar nicht so weit fahren, um an Öl zu kommen - denn wie sich nun gezeigt hat, liegen gigantische Mengen des Rohstoffs nahe der Schifffahrtsrouten, unweit der Küste: Nur 160 Kilometer vor der norwegischen Hafenstadt Stavanger, wo Erdölfirmen wie Statoil residieren, haben Geoforscher jetzt den größten Erdölfund in der Nordsee seit fast 30 Jahren gemacht; er ist zugleich der größte Fund des Jahres weltweit.
Statoil hat dort in nur 110 Meter Wassertiefe nach eigenen Angaben ein Ölfeld mit fast 200 Milliarden Litern entdeckt, es ist ungefähr 30 Milliarden Euro wert - die neuntgrößte Ölquelle in der Nordsee überhaupt. Die Firmen hatten die Hoffnung auf eine große Entdeckung in der Nordsee eigentlich aufgegeben. "Doch der neue Fund zeigt: Selbst Gebiete, die eigentlich als ausgekundschaftet galten, können erhebliche Vorkommen bergen", sagt der Erdölexperte Hans Georg Babies von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). "Es könnte sein, dass es bei Erdölfirmen zu neuer Euphorie kommt."
Erste Reaktionen scheinen seine Ahnung zu bestätigen: "Wir glauben, dass die Nordsee eine helle Zukunft hat", schwärmt der Europachef des Ölkonzerns BP. Vermutlich gebe es noch mindestens 4000 Milliarden Liter zu fördern. Über "neues Leben vor der norwegischen Küste", freut sich der Vizechef von Statoil, Tim Dodson. "Das ist nicht der Anfang vom Ende, sondern erst das Ende vom Anfang", jubelt der norwegische Energieminister Ola Borten Moe. Das Interesse der Firmen an der Ölförderung werde nun steigen.
Rückkehr nach Norwegen
Der neue Fund bedeute "eine Bonanza", frohlockt Torje Fatnes, Broker beim Finanzanalysten SEB Enskilda in Oslo, laut lokalen Medien. Erste Umfragen hätten ergeben, dass Ölfirmen dieses Jahr ein Sechstel mehr in die Lagerstättensuche investieren würden als 2010. Besonders die Verlockung von leicht zu erreichendem Öl nahe der Küste in Verbindung mit dem hohen Ölpreis mache die norwegische Nordsee zu einer Boom-Region, ergänzt der Analyst Trond Frode Omdal von der norwegischen Firma Securities ASA. Tatsächlich hat der norwegische Erdölkonzern DNO International ASA, der zurzeit vor allem im Ausland tätig ist, eine Rückkehr nach Norwegen anklingen lassen: Die Nordsee berge "viele gute Gründe" für eine Erdölsuche, sagte der Geschäftsführer, Helge Eide, der Nachrichtenagentur Bloomberg.
"Die Entdeckung des großen Ölfelds hat uns alle überrascht, die Region galt als ausgekundschaftet", sagt BGR-Experte Babies. Das Öl der Nordsee wird seit den sechziger Jahren ausgebeutet; die größten Felder wurden bis 1985 entdeckt, seither kamen nur noch kleinere hinzu. Die Ölreserven nahe der Küste galten als geplündert, die Bohrinseln rückten immer weiter Richtung Tiefsee vor. Selbst Großbritannien, das einst gewaltige Mengen aus dem Nordseeboden förderte, ist seit 2006 auf Öl aus dem Ausland angewiesen. Norwegens Erdölproduktion überschritt seinen Höhepunkt vor elf Jahren.
Das neu entdeckte Ölfeld würde Statoil zufolge die Ölreserven Norwegens nun um etwa ein Sechstel vergrößern. Das Land könnte seine Tagesproduktion ersten Schätzungen zufolge um ein Siebtel steigern - und das Ende seiner lukrativen Ölförderung vielleicht um ein paar Jahre hinaus schieben. Eine wichtige Nachricht auch für Deutschland, das 14 Prozent seines Erdöls aus Norwegen importiert.
Gemessen am globalen Ölbedarf freilich bringt selbst das neue Vorkommen keinen großen Schub, es deckt gerade mal zwei Wochen der Weltversorgung. Vor allem Giganten-Ölfelder in Arabien stellen den Bedarf sicher. Gleichwohl gehört das neu entdeckte Reservoir vor Norwegen zu den 130 größten überhaupt; weltweit gibt es mehr als 40.000 Ölfelder.
"Unglaublich befriedigend"
Neue Erkundungsmethoden lassen die Firmen nun auf einen Aufschwung in der Nordsee hoffen. Mit sogenannter 3-D-Seismik durchleuchten sie den Meeresboden: Schiffe ziehen Netze mit Sensoren hinter sich her, die Schallwellen registrieren, die den Meeresboden durchdrungen haben - sie sind das Echo künstlicher Explosionen. Auf diese Weise erkennen Geologen genauer als früher, welche Gesteine im Boden liegen. "Doch wirklich Aufschluss geben können letztlich nur Bohrungen", sagt BGR-Forscher Babies.
Das bekamen die norwegischen Öljäger in diesem Frühjahr zu spüren, als gleich sechs Bohrungen hintereinander fehlschlugen, obwohl die Bilder der 3-D-Seismik vielversprechend ausgesehen hatten. Weitere Bohrungen der Norweger jedoch sorgten für Freude: Zehn von 24 brachten dieses Jahr Hinweise auf lohnenswerte Mengen Erdöl. Ausgerechnet in der Nähe des aktuellen Sensationsfunds hatte es in den vergangenen Jahren zwar Fehlschläge gegeben. Doch nun zeigten Bohrungen, dass zwei stattliche Felder miteinander in Verbindung stehen - der Sensationsfund war perfekt: Eine 65 Meter dicke Sandsteinschicht sei auf mehreren Quadratkilometern mit Öl gefüllt, teilte Statoil mit. "Das ist unglaublich befriedigend", freut sich die leitende Geologin von Statoil, Sigrid Borthon Toven.
Jetzt müsse man prüfen, ob ähnliche Gesteine auch anderswo in der Nordsee lägen, sagt Babies. Anhand geologischer Parallelen ermitteln Forscher die zu erwartende Erdölmenge: Haben sich Schichten als ölhaltig erwiesen, suchen Experten, wo die Formationen außerdem zu finden sind. In Kürze, sagt Statoil-Vizechef Dodson, wolle man nun den nächsten Versuch wagen: Wenige Kilometer nördlich des neu entdeckten Feldes gebe es Anzeichen auf einen weiteren großen Fund.

