Lade Daten...
24.08.2011
Schrift:
-
+

Klimaphänomen El Niño

Schlechtes Wetter verursacht Bürgerkriege

Von Axel Bojanowski
Klimakrisen: Krieg in der Dürre
Fotos
REUTERS/NOAA Environmental Visualization Lab

Wenn Dürre kommt, droht Krieg - und diese Regel gilt für die halbe Welt. Das meinen Geoforscher nun erstmals beweisen zu können. Wütet das Klimaphänomen El Niño, verdoppelt sich die Zahl der Bürgerkriege.

Hamburg - Niemand weiß, wann es so weit ist - doch es passiert immer wieder: Alle paar Jahre wälzt sich im Pazifik eine mehr als tausend Kilometer breite Masse warmen Wassers auf Südamerika zu. Die halbe Welt fürchtet die Strömung, denn sie verändert Wind und Wetter. In vielen Ländern gibt es dann Dürre, anderswo drohen Regenunwetter; und vor Südamerika verschwinden die Fische im Meer. Kurz: Hungerkatastrophen sind oft die Folge dieser sogenannten El-Niño-Ereignisse.

Geoforscher haben den Kollaps früherer Kulturen auf solche Klimaschwankungen zurückgeführt. So sollen beispielsweise die Mayas in Mittelamerika, die Angkor-Zivilisation in Kambodscha und Königreiche in Thailand und Vietnam an ausdauernden Trockenphasen zugrunde gegangen sein, die vermutlich von El Niño ausgelöst wurden. Ähnliche Klimakrisen sind für das Alte Ägypten und China dokumentiert. Nun meinen Forscher sogar beweisen zu können, dass El Niño für Kriege mitverantwortlich ist: In den Jahren 1950 bis 2004 gab es in El-Niño-Jahren doppelt so viele Bürgerkriege wie sonst, berichten Forscher um Solomon Hsiang von der Columbia University in New York im Wissenschaftsmagazin "Nature". Jeder fünfte Bürgerkrieg weltweit werde von El Niño verursacht.

Dass Wetter und Klima Geschichte machen, wurde vielfach belegt. Ein unmittelbarerer Zusammenhang zu Bürgerkriegen wurde aber nur in Einzelfällen vermutet: Beispielsweise könnten Dürre und Kälte in Europa, die von einer riesigen Aschewolke des Vulkans Laki aus Island im Jahre 1784 ausgelöst wurde, die Französische Revolution angestoßen haben. Eine Prognose der Vereinten Nationen von 2005 jedoch, wonach die aktuelle Klimaerwärmung bis 2010 riesige Flüchtlingsströme auslösen würde, erwies sich als falsch. Und einen Beweis für den systematischen Einfluss der Witterung auf bewaffnete Konflikte mussten Experten bislang erst recht schuldig bleiben.

El Niño verursacht jeden fünfte Bürgerkrieg

Nun jedoch glauben Forscher, den Zusammenhang erstmals beweisen zu können: Für ihre Studie werteten Solomon Hsiang und ihre Kollegen 234 Bürgerkriege in dem 54-jährigen Untersuchungszeitraum aus, bei denen jeweils mehr als 25 Menschen umkamen; der Hälfte der Konflikte fielen sogar mehr als tausend Menschen durch Kämpfe zum Opfer. Die Forscher teilten die Welt in zwei Teile:

Das erstaunliche Ergebnis: Während El-Niño-Jahren verdoppelte sich die Zahl der Kriege in den Ländern, die von dem Wetterphänomen betroffen sind. In den übrigen Staaten jedoch schwankte die Zahl der Bürgerkriege kaum, dort gab es ohnehin weniger bewaffnete Konflikte - selbst in Jahren ohne El Niño nur halb so viele wie in den von El-Niño betroffenen Staaten.

Einzelne Ereignisse ragten heraus, sagt Hsiang:

Hitze macht aggressiv

Ihre Studie zeige, dass Klimaschwankungen auch heute Konflikte verschärfen könnten, resümiert Hsiang. "Aber niemand soll glauben, dass Klima unser Schicksal ist", betont ihr Mitautor Mark Cane von der Columbia University. El Niño liefere lediglich "ein Maß" für die Anzahl der Kriege weltweit. Bei großer Armut oder sozialer Ungleichheit könnten Klimaverschlechterungen gesellschaftliche Spannungen verstärken.

Andere Forscher sind kritischer: Der Gleichschritt von El Niño und Bürgerkriegen sei kein Beweis, dass das Klima für die Konflikte verantwortlich sei, gibt Halvard Buhaug vom Institut für Friedensforschung in Oslo zu bedenken. Der Zusammenhang bleibe "reine Spekulation". Der renommierte Geschichtsforscher Jared Diamond von der University of California in Los Angeles hingegen hält einen Zusammenhang von Trockenphasen und Kriegen für "offensichtlich": "Menschen, die verzweifelt und unterernährt sind, machen die Regierung verantwortlich", sagt Diamond. Die Leute hätten das Gefühl, nichts zu verlieren zu haben - und fingen Bürgerkriege an.

Ob die Klimaerwärmung Bürgerkriege anfachen werde, bleibe dennoch fraglich, sagt der Ökonom Marshall Burke von der University of California in Berkeley. Möglicherweise reagierten Menschen auf kurzfristige Klimaänderungen wie El Niño anders als auf langfristige, gibt er zu bedenken. Und ob El Niño im Zuge der Klimaerwärmung verstärkt auftreten wird, ist ebenfalls unklar: Klimasimulationen kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Kyle Meng, Mitautor der "Nature"-Studie verweist auf Erkenntnisse von Psychologen, denen zufolge Hitze Menschen prinzipiell aggressiv macht. "Ob das jedoch auf ganze Gesellschaften zutrifft", sagt Meng, "ist reine Spekulation".

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
1. ...
glen13 24.08.2011
Es ist auch bewiesen: Nachts ist es kälter als draußen.
Zitat von sysopWenn Dürre kommt,*droht Krieg - und diese Regel gilt für die halbe Welt. Das meinen Geoforscher nun erstmals beweisen zu können. Wütet das Klimaphänomen El Niño, verdoppelt sich die Zahl der Bürgerkriege. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,782166,00.html
Es ist auch bewiesen: Nachts ist es kälter als draußen.
2. Läuse und Flöhe
werner thurner 24.08.2011
"Schlechtes Wetter verursacht Bürgerkriege" so lautet die Überschrift. Und das scheint mir falsch zu sein. Eingriffe von Aussen (Waffenlieferungen) und Hilfe von Aussen (wie die NATO in Libyen) tun dies auch. [...]
Zitat von sysopWenn Dürre kommt,*droht Krieg - und diese Regel gilt für die halbe Welt. Das meinen Geoforscher nun erstmals beweisen zu können. Wütet das Klimaphänomen El Niño, verdoppelt sich die Zahl der Bürgerkriege. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,782166,00.html
"Schlechtes Wetter verursacht Bürgerkriege" so lautet die Überschrift. Und das scheint mir falsch zu sein. Eingriffe von Aussen (Waffenlieferungen) und Hilfe von Aussen (wie die NATO in Libyen) tun dies auch. Bodenschätze (Öl,Gas, etc), Opium, Ethnien und geostrategische Lage, bei gleichzeitigen für die Propaganda ausnutzbaren demokratischen Defiziten befördern sehr viel mehr Bürgerkriege als schlechtes Wetter.
3. Das Wetter hat Schuld
aquarius2 24.08.2011
Es sind also nicht geldgierige Industrielle oder schizophrene Politiker und Militärs, die eine Neuaufteilung von Kontinenten oder den Zugriff auf Bodenschätze anstreben, sondern das Wetter. Das Wetter kann man aber nicht [...]
Zitat von sysopWenn Dürre kommt,*droht Krieg - und diese Regel gilt für die halbe Welt. Das meinen Geoforscher nun erstmals beweisen zu können. Wütet das Klimaphänomen El Niño, verdoppelt sich die Zahl der Bürgerkriege. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,782166,00.html
Es sind also nicht geldgierige Industrielle oder schizophrene Politiker und Militärs, die eine Neuaufteilung von Kontinenten oder den Zugriff auf Bodenschätze anstreben, sondern das Wetter. Das Wetter kann man aber nicht bombardieren. Womit soll dann die Plünderung der Staatskassen zur Ankurbelung der Rüstungsproduktion begründet werden? Uns Deutsche, als drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt würde diese (Wetter-)Erkenntnis und die fehlende Begründung zur Kriegsvorbereitung hart treffen. Es müssen andere Begründungen her, wenn man weltweiten Frieden verhindern will.
4. .
Meshada 24.08.2011
Nein, nicht wirklich. Die Politiker, Industriellen, Adligen, Fürsten, Kaufleute gibt es auch. In Nicht-Dürrezeiten üben diese auch Druck auf das Volk aus - allerdings meist soviel Druck, dass das Volk diesen aushalten kann, [...]
Zitat von aquarius2Es sind also nicht geldgierige Industrielle oder schizophrene Politiker und Militärs, die eine Neuaufteilung von Kontinenten oder den Zugriff auf Bodenschätze anstreben, sondern das Wetter.
Nein, nicht wirklich. Die Politiker, Industriellen, Adligen, Fürsten, Kaufleute gibt es auch. In Nicht-Dürrezeiten üben diese auch Druck auf das Volk aus - allerdings meist soviel Druck, dass das Volk diesen aushalten kann, trotz vieler Tote. In Dürrezeiten steigt der Druck an, da das Elend wächst - und sich irgendwann dann Bahn bricht, zum Beispiel in Bürgerkriegen. Korrupte Politiker verstärken dies noch, kluges Wirtschaften schwächt es ab. Ein Volk, welches zum Beispiel Nahrungsspeicher anlegt, wird von Dürreperioden weniger beeinflusst. Wie gesagt, das Wetter ist nicht Hauptschuldiger - es ist nur quasi wie der Tropfen, der ein Faß zum Überlaufen bringen kann. Und damit Auslöser, aber nicht Grund.
5. umweltinduzierte Konflikte
shatreng 24.08.2011
In der Politikwissenschaft wurde der grundlegende Zusammenhang von Umweltzerstörung und Konflikten bereits Mitte der 1990er Jahre von einer schweizer und einer kanadischen Forschergruppe bestätigt. Dabei geht es nicht darum, [...]
In der Politikwissenschaft wurde der grundlegende Zusammenhang von Umweltzerstörung und Konflikten bereits Mitte der 1990er Jahre von einer schweizer und einer kanadischen Forschergruppe bestätigt. Dabei geht es nicht darum, einen monokausalen Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und Konflikten aufzuzeigen. Der Wirkungszusammenhang ist komplexer. Man geht davon aus, dass der Mensch in seine Umwelt bzw. in Ökosysteme eingebunden ist. Die Umwelt versorgt den Menschen dabei mit regenerativen Ressourcen wie frische Luft, fruchtbare Böden und Trinkwasser. Durch Eingriffe des Menschen können Ökosysteme aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Das Ökosystem kann dadurch die regenerative Ressource nicht mehr in der selben Qualität bereitstellen. Der Mensch hat somit die Umwelt degradiert. Diese Umweltdegradationen haben negative Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen und verursuchen somit Konflikte. Da Konflikte jedoch soziale Phänomene sind, können diese - nach Meinung der Forscher - auch nur über selbige erklärt werden. Daraus ergibt sich folgender Wirkungszusammenhang: anthropogene Umweltzerstörungen bewirken sozio-ökonomische Effekte wie Armut, Hunger, Abwanderungsbewegungen. Diese wiederrum verursachen Konflikte. Damit diese Konflikte jedoch gewaltätig eskalieren, bedarf es verschiedener konfliktverschärfender Kontextfaktoren wie die Möglichkeit sich zu bewaffnen, eine unzureichende Ausprägung rechtsstaatlicher Institutionen und ziviler Konfliktregelungsmechanismen, unausweichliche sozio-ökonomische Zustände, also bspw. keine Alternative zur derzeitigen Produktionsweise. Dieses ganze Bündel: Umweltdegradation -> sozio-ökonomische Effekte (bei gleichzeitigen Wirken konfliktverschärfender Faktoren) -> bewaffneter Konflikt. Die Intensität der Konflikte ist stark abhängig von den Kontextfaktoren. Während die OECD-Staaten bspw. über Instrumente, Mechanismen und Institutionen verfügen "Umweltkonflikte" friedliche zu bearbeiten, trifft dies auf einen Großteil der sog. Dritten Welt nicht zu. Der Wissenschaftliche Beirat Umweltveränderungen der Bundesregierung hat versucht eine Karte globaler Umweltkonflikte zu erstellen: http://www.wbgu.de/fileadmin/templates/dateien/veroeffentlichungen/hauptgutachten/jg2007/wbgu_jg2007_ex02.pdf Im Nord-Osten Kenias (Turkanadistrikt) findet man einige Belege für den oben beschriebenen Ansatz. Dort kommt es in den letzten Jahren zu einer Zunahme der Anzahl und Intensität von Dürren. Normadische Hirtenvölker verlieren ihre Viehherden und sind von extremen Wassermangel bedroht. Die gesamte Region ist politisch und wirtschaftlich marginalisiert. Aus dem benachbarten Sudan und Uganda kommen Kleinwaffen in die Region, worauf sich die Hirtenvölker bewaffnete Konflikte liefern. Ich denke dieses Szenario betrifft eine Vielzahl von Entwicklungsgesellschaften mit einem großen Agrarsektor, weshalb der Klimawandel - zumindest für diese Regionen - eine Bedrohung der Sicherheit darstellt, worauf die letzten drei UN-Generalsekretäre seit Jahren hinweisen.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Verwandte Themen

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter RSS
alles zum Thema El Niño
RSS
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten