18.12.2011
Orang-Utans auf Sumatra
Aus dem Käfig in den Dschungel
Aus Jantho berichtet Simone UtlerEr kennt und pflegt die Tiere seit Monaten, doch im entscheidenden Moment setzt Ian Singleton auf einen ausreichenden Sicherheitsabstand. Als das Orang-Utan-Männchen Dennis zum ersten Mal durch die offene Käfigtür in die Freiheit klettert, sich umschaut und dann im Morgenlicht über die Lichtung läuft, sitzt der Biologe mit einem Veterinär und einem Tierpfleger rund 20 Meter entfernt unter einem Baum, neben ihnen ein zum Pusterohr umfunktionierter Besenstiel aus Aluminium und ein Koffer mit Betäubungspfeilen und Medikamenten.
"Auch wenn sie sehr freundlich und knuddelig aussehen - Orang-Utans sind wilde Tiere, die jederzeit angreifen und zubeißen können", sagt Singleton. Sechs bis sieben Jahre alt ist das Tier, schätzen die Forscher. Es ist einer von vier Orang-Utans, die nach langer Gefangenschaft wieder in die Wildnis entlassen werden. Dennis war mit zwei Artgenossen als Publikumsmagnet in einem kleinen Restaurant gehalten worden. "Gerade Tiere, die schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, sind schwer einzuschätzen", sagt Singleton.
Der Brite arbeitet für die Schweizer Umweltschutzstiftung PanEco, die sich zusammen mit ihrem indonesischen Partner YEL für den Schutz der Orang-Utans einsetzt. Im Rahmen des "Sumatran Orangutan Conservation Programme" (SOCP) leitet Singleton eine Quarantänestation im Nordosten Sumatras. Jetzt hat er ganz im Norden der Insel, in der Provinz Aceh nahe der Stadt Jantho, eine neue Auswilderungsstation aufgebaut.
Angekettet, zerbissen, ausgehungert
Um die Tiere dorthin zu bringen, muss das Team einen beschwerlichen Weg zurücklegen. Die Piste, die in das Naturschutzgebiet führt, ist völlig verwildert. Schlaglöcher und lose Steine, tiefe Furchen und Wasserläufe müssen überwunden werden. An einem Hang bekommt der gelbe Geländewagen Schieflage, die Insassen müssen aussteigen. "Die Strecke macht eigentlich richtig Spaß - wenn wir ohne Tiere unterwegs sind", sagt Singleton und kraxelt hinter dem Jeep den Hügel hinauf.
Auf der Ladefläche stehen vier Metallcontainer, die auf einer Seite mit Stangen versehen und innen mit Stroh ausgelegt sind. Darin sitzen Dennis und drei weitere Orang-Utans, die in den nächsten Tagen und Wochen in die Wildnis entlassen werden sollen. Ihnen macht die beschwerliche Reise offenbar nicht viel aus. "Orang-Utans sind sehr gut darin, sich einfach auf sich zu besinnen", sagt Singleton, der seit 23 Jahren mit Menschenaffen arbeitet. Die Tiere auf dem Jeep wirken gelassen, dabei hat jedes von ihnen ein Martyrium durchlebt.
Die Fotos, die Singleton später im Camp auf seinem Laptop zeigt, sind erschütternd. Ein Orang-Utan steckt in einem engen rostigen Käfig, einem anderen schnürt eine Metallkette den Hals ein. Ein Tier ist von Hundebissen entstellt, ein weiteres wurde von 63 Luftgewehrpatronen getroffen. "Und das sind die Tiere, die Glück hatten", sagt Singleton. "Die Mehrheit stirbt."

