07.12.2011
Neue Vermessung des Marianengrabens
Die Erde am absoluten Tiefpunkt
Aus San Francisco berichtet Axel BojanowskiDie Gegend bleibt selbst U-Booten und Walen verborgen. Vom Marianengraben, wo sich der Meeresboden auf elf Kilometer unter den Meeresspiegel absenkt, gibt es kaum Bilder. Jetzt präsentieren Forscher auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Gesellschaft (AGU) in San Francisco die bisher präzisesten Ansichten von der tiefsten Stelle der Erdoberfläche.
U-Boote tauchen meist nur einige hundert Meter ab, Wale gehen kaum tiefer als tausend Meter. Forschungskapseln können immerhin für einige Stunden 6000 Meter tief tauchen. Geoforscher um Jim Gardner von der University of New Hampshire in den USA haben nun einen Unterwasserroboter zum Marianengraben geschickt, wo er auch das Challenger-Tief neu vermessen hat, den absoluten Tiefpunkt. Dort lastet das Wasser auf dem Ozeangrund mit mehr als dem tausendfachen Atmosphärendruck, der an Land auf Meereshöhe herrscht.
Seit 1876 gibt es einen Wettlauf der Staaten um das richtige Maß für das Challenger-Tief: Alle haben mit unterschiedlichen Methoden versucht, die exakte Tiefe zu ermitteln. Gardner und seine Kollegen teilen nun mit: Der Graben senke sich bis auf 10.994 Meter ab - die Messung sei auf plus/minus 40 Meter genau.
Diese Zahl dürfte nun Eingang in die Atlanten finden. 200 Kilometer östlich des Challenger-Tiefs zeigen die neuen Karten eine weitere tiefe Einbuchtung: Dort senkt sich das sogenannte HMRG-Tief auf 10.809 Meter unter dem Meeresspiegel. Der höchste Berg der Erde, der Mount Everest, würde im Marianengraben verschwinden - zwei Kilometer Wasser würden ihn bedecken.
Neues Staatsgebiet entdeckt?
Was Jacques Piccard und Donald Walsh auf ihrer Rekordfahrt mit der "Trieste" vor knapp 52 Jahren nur durch ihre Luke als kleinen düsteren Ausschnitt zu sehen bekamen, liegt nun der Weltöffentlichkeit in genauen Umrissen vor Augen: 2500 Kilometer zieht sich der Marianengraben im Westpazifik vor den Marianeninseln entlang; der Grand Canyon wirkt mickrig dagegen. Schallwellen, die der Unterwasserroboter zum Boden geschickt hat, haben die Bilder ermöglicht: Die Wellen ertasten die Form des Meeresgrunds, sie werden am Boden reflektiert.
Hinter den Messungen stehen politische Interessen der USA: Geprüft werden sollte, ob dem Land größere Meeresregionen um die US-amerikanischen Inseln Guam und die nördlichen Marianeninseln zustehen. Eine Meereszone von 200 Seemeilen gehört zum jeweiligen Staatsgebiet. Die Forscher um Gardner haben auf ihren Karten vier Unterwassergebirge identifiziert, die als Verlängerung des amerikanischen Staatsgebiets von Guam und den nördlichen Marianeninseln aus gelten könnten.
Doch auch bei Wissenschaftlern sind die neuen Daten heißbegehrt. Denn die Karten bieten Einblicke in eine der gefährlichsten Regionen. Am Marianengraben stoßen zwei gigantische Erdplatten aufeinander: Der kilometerdicke Meeresboden des Pazifiks ruckelt unter die Philippinische Platte, die er teils in die Tiefe reißt - dabei entstand der Marianengraben.
An den Reibungsflächen der Platten bauen sich extreme Spannungen auf, die sich bei heftigen Beben entladen - Tsunamis drohen. Westlich des Tiefseegrabens erheben sich Vulkane, die Marianeninseln. Sie wurden aus Magma geboren, das im Erdinneren entsteht, wenn sich die Erdplatten übereinanderschieben.
Die neuen Tiefseekarten zeigen aber auch zahlreiche kleinere Unterseeberge, die die Bewegung der Erdplatten blockieren können. Forscher hoffen nun, das Mosaik am Meeresboden komplettieren zu können, um dem Rhythmus der Erdbeben auf die Spur zu kommen.

