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23.02.2012
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Wissenschaftlerskandal

Klimaforscher entwendet Geheimpapiere von Lobbygruppe

Von
NCSE

Peter Gleick: Führender Forscher auf Abwegen

Die Dokumente sollten die Machenschaften der Industrielobby aufdecken - doch nun blamieren sie ihren Enthüller: Der renommierte Klimatologe Peter Gleick hat sich unter falschem Namen Dokumente einer Lobbygruppe verschafft. Er leitete eine Gruppe für wissenschaftliche Ethik.

Hamburg - Seit gut zwanzig Jahren tobt der Streit ums Klima. Mit immer rüderen Methoden kämpfen Skeptiker, Umweltverbände und Forscher um die Frage: Droht ein gefährlicher Klimawandel, weil der Mensch Treibhausgase in die Luft bläst? Alle Beteiligten investieren hohe Geldbeträge, um ihre Thesen zu verbreiten.

Grundlage des Streits sind die Kenntnisse der Wissenschaft; sie entscheiden letztlich, ob Gefahr besteht. Der Klimareport der Vereinten Nationen, der alle paar Jahre unter Beteiligung Hunderter Experten das Wissen zusammenfasst, kommt zu besorgniserregenden Ergebnissen. Doch die Umwelt aus Meeren, Luft und Erde ist so komplex, dass große Wissenslücken bleiben - sie liefern den Zündstoff für heftige Debatten.

Jetzt erreicht der Streit einen neuen Höhepunkt. Peter Gleick, vorsitzender Wissenschaftler des Umweltforschungsinstitut "Pacific Institute" in den USA, hat zugegeben, sich unter Angabe einer falschen Identität brisante Dokumente des Heartland-Instituts besorgt zu haben, eines Skeptikerverbands, der nach eigenen Angaben Zweifel an der Bedrohlichkeit des Klimawandels verbreiten möchte. Die Papiere verrieten angeblich Geldgeber und Strategien von Heartland.

Das Rätsel des Strategiepapiers

Der Umweltblog Desmogblog hatte die Unterlagen vergangene Woche öffentlich gemacht. Doch die Blamage wendet sich nun gegen die Ankläger. Gleick räumte sein "ernsthaftes Fehlverhalten" ein: Er habe die Unterlagen "unter dem Namen eines anderen" von Heartland erhalten, schreibt Gleick.

Die Echtheit der Unterlagen, die Sponsoren des Instituts verraten, hat Heartland zwar bestätigt. Das bedeutendste Dokument jedoch mit dem Namen "Vertrauliche Mitteilung: Heartland Klima-Strategie 2012" unterscheidet sich in Form, Schrift und Duktus: Es erläutert Strategien, wie Skeptikerthesen verbreitet werden könnten, beispielsweise im Schulunterricht - doch die Herkunft dieses Papiers bleibt unklar. Es handele sich um eine Fälschung, betont das Heartland-Institut.

Gleick sagt, er habe das Dokument "Anfang 2012 anonym zugespielt bekommen". Seine Stellungnahme lässt jedoch Raum für Spekulationen: Er habe keine Änderungen an den Heartland-Dokumenten oder an den Papieren aus der anonymen Kommunikation vorgenommen, schreibt er. Zu dem Vorwurf, er habe Dokumente vollständig erfunden, macht er aber keine Angaben. SPIEGEL ONLINE erhielt auf Anfrage bislang keine Antwort.

Ein tiefer Absturz

Er sei "geblendet gewesen von seiner Frustration" über die Attacken von Klimaskeptikern auf die Wissenschaft, rechtfertigt sich Gleick. Er habe Einladungen für eine offene Debatte des Heartland-Instituts erst unlängst abgelehnt, entgegnet die Skeptikervereinigung. Eine einfache Entschuldigung reiche nun nicht, betont das Institut. Es fordert "vollständige Aufklärung" von Gleick. Juristische Konsequenzen würden folgen. Die Privatsphäre und Integrität vieler Mitglieder und der Ruf des Heartland-Instituts seien verletzt worden.

Gleick war Vorsitzender ausgerechnet der Arbeitsgruppe "Wissenschaftliche Ethik" bei der renommierten American Geophysical Union (AGU). Er ist mittlerweile von der Position zurückgetreten, wie die AGU mitteilt. Im Mai 2010 unterzeichnete der Klimatologe ein Dokument der Nationalen Akademie der Wissenschaften der USA mit dem Titel "Klimawandel und die Integrität der Wissenschaft", in dem sich Forscher zu seriösen Methoden verpflichteten, um auf drohende Umweltgefahren aufmerksam zu machen.

"Was für ein Schlamassel", sagt Mark Fennel, Vorsitzender der US-amerikanischen Wissenschaftlervereinigung AAAS. Gleick stecke nun im "ethischen Morast". Sein Vergehen rücke die Wissenschaft in schlechtes Licht. Auch Kevin Knobloch, Vorsitzender der Union of Concerned Scientists, distanziert sich von Gleick. Er betont allerdings, dass das Heartland-Institut "Falschinformationen" verbreite.

Gewinner der Grabenkriege

Knobloch erinnert an den sogenannten Climategate-Skandal, als unbekannte Hacker Tausende E-Mails von Klimaforschern klauten. Damals war der Aufschrei womöglich größer, weil sich zeigte, dass staatlich finanzierte und zur Objektivität verpflichtete Forscher sich in Grabenkriege mit ihren Gegnern verstrickt hatten. Der aktuelle Fall hingegen barg zunächst wenige Überraschungen: einer skeptischen Lobbygruppe wurde skeptische Lobbyarbeit nachgewiesen.

"Climategate" hatte aber auch gezeigt, dass die Anstrengungen der Lobbys oft auf Umwegen fruchten: Um zu vermeiden, ihren Gegnern Argumente zu liefern, sprachen Forscher oft nur untereinander in den E-Mails über Wissenslücken. Ihre Gegner jedoch betonten die Unsicherheiten der Wissenschaft dafür umso lauter. Die Folge solcher Schlagabtausche: Lobbyisten punkten mit simplen Parolen , die die Meinung ihrer jeweiligen Anhänger bedienen.

Kriegerische Schlachtrufe

Die Gleick-Affäre sei nun der neueste Akt in dem "polarisierenden Krieg", erläutert der Soziologe Matthew Nisbet in der "Washington Post". Die Mehrheit der Wissenschaftler und die Öffentlichkeit seien einem Kreuzfeuer von Lobbyisten ausgeliefert, das vom aktuellen Wahlkampf in den USA zusätzlich angeheizt würde.

Dass sich die Gräben nun weiter vertiefen könnten, zeigen Reaktionen mancher Forscher und Blogger, die Gleick als "Helden" bezeichnen. Der prominente Klimatologe Michael Mann von der Pennsylvania State University in den USA klagt Heartland an: Kampagnen des Instituts bedrohten die Zukunft künftiger Generationen, sagte er der "Washington Post". Angriffslustig klingt auch der Untertitel seines neuen Buches über seine Erfahrungen in der Forschung: "Klimakriege" - es findet folgerichtig große Beachtung.

Im Gegensatz zu solch martialischen Schlachtrufen bekennt sich der Uno-Klimabericht bei allen Warnungen zu erheblichen Unsicherheiten. Er dokumentiert ein Dilemma, das der Philosoph Silvio Funtowicz bereits 1990 vorausgesehen hatte: Die Klimaforschung gehöre zu den "postnormalen Wissenschaften". Aufgrund ihrer Komplexität unterliege sie großen Unsicherheiten, behandle aber gleichzeitig ein hohes Gefahrenpotential. Politiker und Öffentlichkeit müssten lernen, Entscheidungen auf solcher Grundlage zu treffen.

Die neuerliche Affäre jedoch bestätigt wohl, dass die Komplexität des Klimathemas anscheinend allzu hohe Anforderungen an die öffentliche Debatte stellt. Selbst intelligente Wissenschaftler wie Peter Gleick können darüber ihre Vernunft verlieren.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 377 Beiträge
1. Danke Peter Gleick
maschinchen 23.02.2012
Dank Peter Gleick haben wir einen tiefen Einblick bekommen, wie die Leugner-Maschinerie in den USA funktioniert. Wenig überraschend, dass bekannte "Skeptiker" wie Watts, Singer und McIntyre wohl doch kräftig von [...]
Zitat von sysopDie Dokumente sollten die Machenschaften der Industrielobby aufdecken - doch nun blamieren sie ihren Enthüller: Der renommierte Klimatologe Peter Gleick hat sich unter falschem Namen Dokumente einer Lobbygruppe verschafft. Er leitete eine Gruppe für wissenschaftliche Ethik. Wissenschaftlerskandal: Klimaforscher klaut Geheimpapiere von Lobbygruppe - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,816964,00.html)
Dank Peter Gleick haben wir einen tiefen Einblick bekommen, wie die Leugner-Maschinerie in den USA funktioniert. Wenig überraschend, dass bekannte "Skeptiker" wie Watts, Singer und McIntyre wohl doch kräftig von Lobbyisten geschmiert wurden. Entgegen deren Beteuerungen. Heartland sollte nun endlich den Mut beweisen, und sämtliche Geldquellen offenlegen. Droht der Einfluss der Lobbyisten Überhand zu nehmen, wie in den USA, droht die Demokratie Schaden zu nehmen. Hierzulande sind die Skeptiker noch ein lustiger Haufen „bedeutungsloser Rabulisten am rechten Rand der etablierten Politik – dort, wo auch Islamhasser, deutsche Neocons und andere Verächter liberalen »Gutmenschentums« sich tummeln“ (Zitat ZEIT). Dass die Skeptiker in Deutschland aus großen Geldtöpfen bedient werden scheint indes unwahrscheinlich: Zu inkonsistent sind deren Argumente, zu amateurhaft die Webpräsenzen. Trotzdem muss man wachsam bleiben.
2. Was für ein Grabenkampf?
ullibulli09 23.02.2012
Es gibt in der Wissenschaft keinen Grabenkampf mehr über die Frage des Klimawandels. Die Wissenschaft ist sich einig. Es gibt nur noch Unternehmen, die viel Geld in Institute stecken um ihre Interessen mit Pseudo-Wissenschaft zu [...]
Es gibt in der Wissenschaft keinen Grabenkampf mehr über die Frage des Klimawandels. Die Wissenschaft ist sich einig. Es gibt nur noch Unternehmen, die viel Geld in Institute stecken um ihre Interessen mit Pseudo-Wissenschaft zu torpedieren. Das nennt sich nicht Grabenkampf sondern ganz einfach Lobbyismus, passiert in allen Bereichen und ganz besonders in Washington und in Brüssel. Allein in Brüssel kommen auf 1 Bürgervertreter ca. 100 Unternehmensvertreter. Das ist mal ausgeglichen, was?
3. Hier könnte ein Titel stehen
shokaku 23.02.2012
Wo Problem? Libtards wollen doch ethische Masstäbe nur bei Anderen angelegt sehen, während sie für sich selbstverständlich Narrenfreiheit beanspruchen.
Zitat von sysopDer renommierte Klimatologe Peter Gleick hat sich unter falschem Namen Dokumente einer Lobbygruppe verschafft. Er leitete eine Gruppe für wissenschaftliche Ethik.
Wo Problem? Libtards wollen doch ethische Masstäbe nur bei Anderen angelegt sehen, während sie für sich selbstverständlich Narrenfreiheit beanspruchen.
4. Juhu!
SirLurchi 23.02.2012
Nach dem e-Mail-Skandal nun auch noch solche Dinge und das auch noch von einem "Ethiker"! - Wie geil! Bin mal gespannt, was die Glaskugelleser (entschuldigung: "Klimaforscher") sich noch so alles [...]
Zitat von sysopDie Dokumente sollten die Machenschaften der Industrielobby aufdecken - doch nun blamieren sie ihren Enthüller: Der renommierte Klimatologe Peter Gleick hat sich unter falschem Namen Dokumente einer Lobbygruppe verschafft. Er leitete eine Gruppe für wissenschaftliche Ethik. Wissenschaftlerskandal: Klimaforscher entwendet Geheimpapiere von Lobbygruppe - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,816964,00.html)
Nach dem e-Mail-Skandal nun auch noch solche Dinge und das auch noch von einem "Ethiker"! - Wie geil! Bin mal gespannt, was die Glaskugelleser (entschuldigung: "Klimaforscher") sich noch so alles einfallen lassen. Heute lächelt man über die Zeiten, in denen Leuten viel Geld für das Versprechen Gold herzustellen bekamen. In späteren Zeiten wird man über uns lächeln, weil Menschen dafür Geld bekommen haben in der irren Annahme, sie könnten in die Zukunft schauen! - Ich schmeiss mich weg ... ^^
5. Haben wir das Wirklich?
felisconcolor 23.02.2012
Denn sicher ist ja wohl an dem Dokument, das nichts sicher ist. Sicher ist höchstens der ausufernde Lobbyismus auf beiden Seiten. Was in der ganzen Frage leider nicht weiter hilft. Wie in der Atomkraft ist eine [...]
Zitat von maschinchenDank Peter Gleick haben wir einen tiefen Einblick bekommen, wie die Leugner-Maschinerie in den USA funktioniert. Wenig überraschend, dass bekannte "Skeptiker" wie Watts, Singer und McIntyre wohl doch kräftig von Lobbyisten geschmiert wurden. Entgegen deren Beteuerungen. ...
Denn sicher ist ja wohl an dem Dokument, das nichts sicher ist. Sicher ist höchstens der ausufernde Lobbyismus auf beiden Seiten. Was in der ganzen Frage leider nicht weiter hilft. Wie in der Atomkraft ist eine Versachlichung des Themas wohl kaum noch möglich. Beide Seiten sind festgefahren in teilweise haarsträubenden Doktrien und Märchenwelten. Industrie und Umweltverbände geht es doch schon längt nicht mehr um sachliche Aufklärung. Es geht beiden Seiten nur noch ums Geld. Leider fallen hüben wie drüben immer noch Menschen auf diesen Blödsinn rein. Ich für meinen Teil glaube mittlerweile weder der Industrie noch irgendwelchen Umweltfutzies. Sie haben ihre Glaubwürdigkeit alle verspielt

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