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23.02.2012
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Neutrino-Experiment

Loses Kabel blamiert Teilchenphysiker

Von
CERN

Können manche Elementarteilchen schneller als das Licht reisen? Das legte ein spektakuläres Experiment aus dem vergangenen Jahr nahe. Doch nun zeigt sich: Bei der Messung gab es mehrere Fehler - unter anderem verfälschte offenbar ein loses Kabel die Ergebnisse.

Berlin - Der Wert ist eine der entscheidenden Grundlagen unserer Welt: 299.792.458 Meter in der Sekunde. Mit dieser Geschwindigkeit bewegt sich das Licht im Vakuum - und schneller ist nichts. Soweit jedenfalls lautet nach Einstein die gängige Theorie. Immer wieder einmal sorgen jedoch Beobachtungen für Aufregung, bei denen eben doch höhere Werte gemessen wurden. Doch nie ließen sich die Ergebnisse unwiderlegbar reproduzieren.

Im vergangenen Jahr hatten dann aber die Wissenschaftler des internationalen "Opera"-Projekts für Furore gesorgt. Sie wollten überlichtschnelle Neutrinos gesichtet haben. Die winzigen Elementarteilchen - extrem leicht und ohne elektrische Ladung - waren auf einer Messstrecke von den Alpen in die Abruzzen gewissermaßen in eine Radarfalle getappt; die Aufregung in der Forschergemeinschaft war groß - zumal eine zweite Messung die Ergebnisse zu bestätigen schien. Sollte Einstein sich getäuscht haben? Allein diese Vermutung, so hieß es damals, grenze ja bereits an Gotteslästerung. Andererseits arbeitet die Physik genau so: Wenn geprüfte Messergebnisse alten Theorien widersprechen, dann müssen eben neue Theorien her.

Nun gibt es aber große Zweifel an den Messungen vom vergangenen Jahr. "Wir haben es gestern Abend erfahren", bestätigt Cern-Sprecher James Gillies im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die "Opera"-Forscher hatten das Europäische Kernforschungszentrum in Genf informiert, dass es offenbar mehrere Messfehler gegeben hat. "Einer von ihnen könnte dafür gesorgt haben, dass die Geschwindigkeit überschätzt wurde und ein anderer dafür, dass sie unterschätzt wurde", sagt Gillies.

Nächster Neutrinostrahl könnte vorgezogen werden

Die Konfusion ist also groß, die Ergebnisse der ersten beiden Messungen müssen massiv in Zweifel gezogen werden. Ein Neutrinostrahl war bei dem Experiment vom Cern in Genf ins 730 Kilometer entfernte Gran-Sasso-Laboratorium in Italien geschickt worden. Damals hieß es, rund 15.000 Neutrinos hätten die Strecke von der Schweiz nach Italien 60 Nanosekunden schneller hinter sich gebracht, als es die Lichtgeschwindigkeit zuließe. "Wenn sich diese Messungen bestätigen, könnte das unsere Auffassung von der Physik ändern", erklärte der wissenschaftliche Leiter des Cern, Sergio Bertolucci damals.

Doch danach sieht es wohl nicht aus: Das Online-Magazin "ScienceInsider" des US-Wissenschaftsverbands AAAS hatte am Mittwoch über ein angeblich loses Glasfaserkabel berichtet, das zu Messfehlern geführt haben soll. Für die Zeitmessung wurde auf ein GPS-Signal zurückgegriffen. Und das Kabel zur Übertragung dieses Signals zu einem "Opera"-Computer sei offenbar lose gewesen, so der "ScienceInsider". Das Magazin beruft sich auf ungenannte Quellen aus dem Umfeld des Experiments.

Nach Cern-Angaben gibt es noch eine zweite mögliche Fehlerquelle. In diesem Fall geht es um ein Problem an einem sogenannten Intervallzähler. Der soll eigentlich dabei helfen, die GPS-Messungen genauer zu machen.

Eine neue Messung soll nun beide Probleme berücksichtigen. Ihre Ergebnisse könnten darüber entscheiden, ob die überlichtschnellen Neutrinos von "Opera" eben doch nicht mehr waren als eine kurze Kuriosität der Physik - oder ob Einstein am Ende doch Probleme bekommt. Die erste Variante dürfte freilich wahrscheinlicher sein.

Wann es zu einem neuen Versuch kommt, ist bislang noch nicht klar - allzu lange dürfte es aber nicht mehr dauern. "Nach dem bisherigen Plan sollte der nächste Neutrinostrahl im Mai gesendet werden", sagt Cern-Sprecher Gillies. "Angesichts der aktuellen Ereignisse könnte man das aber auch ändern."

Nach den ersten Experimenten hatte die Experimentalphysikerin Caren Hagner von der Universität Hamburg, die ebenfalls in Genf mitforscht, bereits gewarnt: "Kabelprobleme oder menschliche Messfehler - so etwas kann passieren." Es sieht danach aus, als könnte sie recht behalten.

Forum

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insgesamt 166 Beiträge
1. Albert ...
Kalle Bond 23.02.2012
.. Einstein sitzt auf Wolke 7 und grinst sich eins! 1:0! Doch nicht so einfach mit der Physik der schnellen Elementarteilchen!
Zitat von sysopINFNKönnen manche Elementarteilchen schneller als das Licht reisen? Das legte ein spektakuläres Experiment aus dem vergangenen Jahr nahe. Doch nun zeigt sich: Bei der Messung gab es mehrere Fehler - unter anderem verfälschte offenbar ein loses Kabel die Ergebnisse. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,817077,00.html
.. Einstein sitzt auf Wolke 7 und grinst sich eins! 1:0! Doch nicht so einfach mit der Physik der schnellen Elementarteilchen!
2. Warum nicht?
Websingularität 23.02.2012
Überlichtschnelle Neutrinos könnte es durchaus geben. Ich bin ja Anhänger dieser Theorie: JosephG (http://www.josephg.de/) Auch wenn diese Webseite nicht von mir ist, hatte da offenbar jemand die gleichen Ideen.
Zitat von sysopINFNKönnen manche Elementarteilchen schneller als das Licht reisen? Das legte ein spektakuläres Experiment aus dem vergangenen Jahr nahe. Doch nun zeigt sich: Bei der Messung gab es mehrere Fehler - unter anderem verfälschte offenbar ein loses Kabel die Ergebnisse. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,817077,00.html
Überlichtschnelle Neutrinos könnte es durchaus geben. Ich bin ja Anhänger dieser Theorie: JosephG (http://www.josephg.de/) Auch wenn diese Webseite nicht von mir ist, hatte da offenbar jemand die gleichen Ideen.
3. Messfehler? - Schade!
albrecht21 23.02.2012
Wahrscheinlich ist es wirklich ein Messfehler. Es spricht einiges dafür. Aber das wäre wirklich SCHADE! Denn eine Bestätigung der Überlichtgeschwindigkeit wäre im Stande, der totalen Verkrustung der heutigen Physik [...]
Zitat von sysopINFNKönnen manche Elementarteilchen schneller als das Licht reisen? Das legte ein spektakuläres Experiment aus dem vergangenen Jahr nahe. Doch nun zeigt sich: Bei der Messung gab es mehrere Fehler - unter anderem verfälschte offenbar ein loses Kabel die Ergebnisse. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,817077,00.html
Wahrscheinlich ist es wirklich ein Messfehler. Es spricht einiges dafür. Aber das wäre wirklich SCHADE! Denn eine Bestätigung der Überlichtgeschwindigkeit wäre im Stande, der totalen Verkrustung der heutigen Physik entgegenzuwirken.
4. "Nun"???
Thorsten_Barcelona 23.02.2012
Ich störe mich etwas an dem "nun" von "nun kommen Zweifel auf". Es gab genug kritische Stimmen, die schon damals ihre Zweifel äußerten, da die Ergebnisse nicht im Einklang mit anderen Beobachtungen [...]
Zitat von sysopINFNKönnen manche Elementarteilchen schneller als das Licht reisen? Das legte ein spektakuläres Experiment aus dem vergangenen Jahr nahe. Doch nun zeigt sich: Bei der Messung gab es mehrere Fehler - unter anderem verfälschte offenbar ein loses Kabel die Ergebnisse. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,817077,00.html
Ich störe mich etwas an dem "nun" von "nun kommen Zweifel auf". Es gab genug kritische Stimmen, die schon damals ihre Zweifel äußerten, da die Ergebnisse nicht im Einklang mit anderen Beobachtungen standen, aber die gesamte Presse, einschließlich SPON, hat das fast komplett ausgeblendet. Aber okay, warten wir bis es sich wirklich bestätigt und das Problem war ein loses Kabel.
5. Die Wissenschaftler bei CERN...
myleskantor 23.02.2012
... haben wissenschaftlich hervorragend und ehrlich gearbeitet. Hervorragend muss nicht fehlerfrei bedeuten! Sie stellten dar: Hier gibt es ein Ergebnis, das wir uns nicht erklären können. Wir haben alles x-mal [...]
Zitat von sysopINFNKönnen manche Elementarteilchen schneller als das Licht reisen? Das legte ein spektakuläres Experiment aus dem vergangenen Jahr nahe. Doch nun zeigt sich: Bei der Messung gab es mehrere Fehler - unter anderem verfälschte offenbar ein loses Kabel die Ergebnisse. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,817077,00.html
... haben wissenschaftlich hervorragend und ehrlich gearbeitet. Hervorragend muss nicht fehlerfrei bedeuten! Sie stellten dar: Hier gibt es ein Ergebnis, das wir uns nicht erklären können. Wir haben alles x-mal geprüft und keinen Fehler gefunden. (Und die sind so auf ihre Reputation bedacht, dass die Überprüfung der Ergebnisse bestimmt den vielfachen Aufwand des Experiments selber erforderte) Dann haben sie die community um Mithilfe gebeten. (Das ist schon alleine ein Beweis für ihre Bescheidenheit. Wer gibt schon gerne zu, nicht alles zu wissen?) Da braucht sich keiner zu schämen. Shit happens. Reset drücken und nochmals starten!

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