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24.04.2012
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Lichtphänomen

Fata Morgana malt Luftschloss in den Pazifik

Von
Mila Zinkova

"Was ist denn auf dem Ozean los?", staunten Spaziergänger. Steht vor der Küste Kaliforniens ein Schloss, eine Insel, ein Gebirge? In Wirklichkeit zeichnete eine seltene Lichtspiegelung eine riesige Fata Morgana an den Horizont.

San Francisco - Der britische Seefahrer John Ross war im Jahr 1818 aufgebrochen, um den Wasserweg durch das Arktiseis zu erkunden, die Nordwest-Passage. Die Mission scheiterte, weil scheinbar ein Gebirge den Schiffen den Weg versperrte. Es gäbe die Passage nicht, verkündete Ross nach seiner Rückkehr. Schon ein Jahr später entlarvten andere Seefahrer den Irrtum: Ross war auf eine Fata Morgana hereingefallen.

Gebirge im Meer, Wasserfälle am Himmel, Oasen in der Wüste - trügerische Lichtreflexionen haben Menschen häufig in die Irre geleitet. Kürzlich kam sogar die Theorie auf, eine Fata Morgana habe die Titanic ins Verderben geführt: Sie habe den todbringenden Eisberg unsichtbar gemacht, behauptete der Wissenschaftsautor Tim Maltin in einer Fernsehdokumentation. Bestätigt werden kann seine Theorie wohl nie - Fata Morganas sind flüchtig, sie verschwinden schnell.

Die Fotografin Mila Zinkova jedoch hat ein großes Exemplar dieser Scheingebilde festgehalten. "Was ist denn da los?", hätten Spaziergänger beim Anblick der Erscheinung am 2. November 2011 vor der Küste San Franciscos erstaunt gefragt, erzählt Zinkova, die ihr Bild nun veröffentlicht. Am Horizont vor Kalifornien schien ein fernes Land aufgetaucht, ein mächtiges Gebirge türmte sich, wo zuvor Himmel war. Manche Touristen glaubten an ein Schloss.

Gefangene Lichtstrahlen

Bald wurde klar, dass es allenfalls ein Luftschloss war, denn die Erscheinung veränderte sich. Sie wurde kleiner, bekam Löcher. Mila Zinkova kannte das schon. "Seltener Besuch", sei die Fata Morgana vor der Küste San Franciscos, schwärmt sie. "Zwei bis dreimal im Jahr" erscheine das dort als "Fairy Morgana" bekannte Phänomen am Horizont.

Seinen Ursprung hat die Lichtsensation in der Halbinsel Point Reyes, die normalerweise bei guter Sicht als schmale Landzunge 50 Kilometer nordwestlich von San Francisco zu sehen ist. An manchen Tagen verwandeln besondere Luftmassen die kleine Landzunge in ein gewaltiges Fantasie-Gebirge.

Fata Morganas erscheinen, wenn sich Luftmassen ganz unterschiedlicher Temperatur übereinander legen. Vor Kalifornien etwa schwebt dann warme Luft über kaltem Meeresdunst. Das Licht von der Halbinsel Point Reyes am Horizont ist in der kalten Luft gefangen: Es gelangt nicht hinaus, weil die Strahlen an der Grenze zur Warmluft abgelenkt werden.

Wie beim Fliegenden Holländer

Das Auge wird dadurch getäuscht: Lichtstrahlen, die normalerweise in der Höhe verschwunden wären, prallen an der Grenze der Luftmassen ab wie an einem Spiegel. Sie biegen sich nach unten zum Betrachter an der Küste Kaliforniens. Weil das Licht von der Halbinsel nun scheinbar von oben kommt, entsteht der Eindruck, am Horizont stünde ein gewaltiges Gebirge - obwohl dort lediglich die flache Halbinsel verläuft.

Der Effekt ist der gleiche, der Fantasie-Oasen in die Wüste projiziert: Die Lichtablenkung sorgt dafür, dass der Himmel auf dem Wüstenboden zu sehen ist - die Erscheinung wirkt wie ein See. Ein ähnlicher Eindruck entsteht auf sommerlichem Asphalt, wenn das Licht flirrende Luft auf die Straße projiziert.

Auch die Geschichte vom Fliegenden Holländer soll auf eine Fata Morgana zurückzuführen sein: Spiegelung des Lichts an einer Luftmassengrenze hat demnach ein Segelschiff in den Himmel über das Meer gemalt.

Fotografen kennen Orte, an denen die Chancen auf spektakuläre Fata Morganas gut stehen: In Alaska etwa, in Finnland oder in der Straße von Messina vor Sizilien. Von dort soll das Phänomen auch seinen Namen haben. Italiener schrieben die rätselhaften Erscheinungen vor Sizilien der magischen Fee (italienisch: Fata) Morgana aus der Artus-Sage zu.

Mittlerweile lässt sich das Phänomen zwar wissenschaftlich erklären, seine Faszination aber hat es bewahrt - wie das Foto aus San Francisco eindrucksvoll beweist.

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