18.07.2012
Veränderte Lebensräume
Europa verliert seine schrägsten Vögel
Pirol, auch Goldamsel genannt: Auf dem Rückzug
Hamburg/London - In Europas Vogelwelt haben es Spezialisten schwer. In den vergangenen knapp 20 Jahren ging die Zahl der nur an bestimmte Lebensräume angepassten Vogelarten rapide zurück. Durchgesetzt haben sich stattdessen die Generalisten - diejenigen, die in fast jeder Umgebung überleben können. Das hat ein internationales Forscherteam in einer Studie in sechs europäischen Ländern und an 234 Vogelarten festgestellt.
Die Ergebnisse zeigten deutlich eine rapide Verschiebung in den Vogelgemeinschaften. Typische Wald- oder Feldvögel verschwänden zunehmend, dafür breiteten sich vielseitige Arten in ganz Europa stärker aus, berichten die Forscher im Fachmagazin "Biology Letters". Die Vogelwelt verschiedener Gebiete gleiche sich dadurch immer stärker an, die Artenvielfalt sinke.
"Dies ist die erste Studie, die eine so fundamentale und schnelle Umverteilung auf kontinentaler Ebene quantitativ erfasst", schreiben Isabelle Le Viol vom Muséum national d'Histoire naturelle in Paris und ihre Kollegen. Ursache dieser Entwicklung sind ihrer Ansicht nach hauptsächlich der Mensch und seine Aktivitäten.
Ein Grund sei die veränderte Landnutzung - beispielsweise durch intensive Landwirtschaft, Rodungen und dichtere Besiedlung. Aber auch der Klimawandel verändere die Landschaft und die Lebensbedingungen und wirke sich damit auf die Artenverteilung aus.
Zu den Vogelarten, die in einer großen Spannbreite von Lebensräumen vorkommen und sich gut auch an die Stadtumgebung anpassen konnten, gehören beispielsweise Spatzen, Stockenten und Kohlmeisen. Spezialisten in Bezug auf ihren Lebensraum sind dagegen beispielsweise Rebhühner, die in Feldern brüten, oder der in Wäldern lebende Pirol.
14 Millionen Beobachtungsdaten
Besonders stark seien die spezialisierten Vogelarten in Schweden, Frankreich und Großbritannien zurückgegangen, wie die Forscher berichten. In Tschechien und den Niederlanden sei der Trend ähnlich negativ, aber nicht signifikant gewesen. Nur im spanischen Katalonien hätten die Spezialisten sogar leicht zugenommen. Unterschiedlich starke Veränderungen in der Landnutzung könnten für die verschiedenen Entwicklungen verantwortlich sein.
"So war zum Beispiel zwischen 1990 und 2000 die Urbanisierung in den Niederlanden am stärksten, Veränderungen in der Waldbedeckung gab es dagegen vor allem in Frankreich und Großbritannien und in Frankreich intensivierte sich auch die Landwirtschaft", berichten die Forscher.
Für ihre Studie hatten die Wissenschaftler die Zusammensetzung von Vogelgemeinschaften von 1990 bis 2008 an mehr als 10.111 Standorten erfasst. Diese lagen in sechs europäischen Ländern: in Schweden, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Tschechien und in Spanien. Insgesamt werteten sie fast 14 Millionen Beobachtungsdaten von 234 Vogelarten aus.
Jede der erfassten Vogelarten stuften die Forscher nach ihrem Grad der Spezialisierung auf einen bestimmten Lebensraum ein. Arten, die nur in einem Habitat, beispielsweise Laubwäldern, vorkamen, erhielten einen höheren Spezialisierungsindex als weit verbreitete und wenig anspruchsvolle Arten. Die Biologen werteten dann aus, wie sich dieser Index im Laufe der Jahre für die verschiedenen Standorte veränderte.
boj/dapd