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04.12.2012
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Glockentierchen-Fossil

Kokon bewahrte Winzling 200 Millionen Jahre

Hans Kerp

Kein Knochen, keine harte Schale: Von vielen Lebewesen fehlen Fossilien, weil ihre Bestandteile die Jahrmillionen nicht überdauern. Nur manchmal haben Paläontologen Glück: Im Kokon eines Blutegels erspähten sie jetzt einen Einzeller - er ähnelt seinen heutigen Verwandten.

Fossilien ermöglichen faszinierende Einblicke in die Vergangenheit. Vom größten Dinosaurier bis zum kleinsten Ammoniten - mit Hilfe versteinerter Überreste können Wissenschaftler aufklären, wie sich das Leben auf der Erde in den vergangenen Jahrmillionen entwickelte.

Allerdings gibt es auch große Gruppen von Lebewesen, von denen kaum Fossilien zu finden sind. Organismen ohne harte Bestandteile - Knochen, Schalen, Holz - werden nur in seltensten Fällen erhalten. Aus diesem Grund ist der Fund, über den ein Team von deutschen, dänischen und US-amerikanischen Forschern berichtet, so besonders: Sie entdeckten ein Fossil, das den heute lebenden Glockentierchen extrem ähnelt.

Diese im Süßwasser lebenden Einzeller sind weltweit verbreitet und kommen sehr häufig vor. Rund 8000 Arten kennen Forscher - doch fossile Überreste der Einzeller suchte man bisher vergeblich.

Ähnlich konserviert wie in Bernstein

Das nun entdeckte Kleinstlebewesen ist erhalten geblieben, weil es im Kokon eines Egels steckte, schreiben Benjamin Bomfleur von der University of Kansas in Lawrence und seine Kollegen im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". Ähnlich wie Bernstein können diese Kokons, die anfangs aus weichem Material bestehen, das dann jedoch aushärtet, auch fragile Strukturen über Millionen von Jahren bewahren - Dinosaurierfedern etwa, oder eben einen winzigen Einzeller.

Klar zu erkennen ist der etwa 25 Mikrometer lange tropfenförmige Körper des Einzellers. In ihm befindet sich ein hufeisenförmiger Kern, der sogenannte Makronukleus. Auch der rund 50 Mikrometer lange, zu einer Spirale gedrehte Stiel, mit dem sich das Tierchen vor rund 200 Millionen Jahren am Kokon befestigt hat, ist zu sehen.

Heute lebende Glockentierchen verbringen die meiste Zeit an einem Ort, an dem sie sich mit ihrem Stiel verankern. Nur wenn sie nicht genug Nahrung finden, trennen sie den Stiel ab und schwimmen auf der Suche nach einem besseren Standort umher. Haben sie diesen gefunden, bilden sie einen neuen Stiel und docken an. Dass es diese Einzeller schon lange gibt, konnte man zwar annehmen, es fehlte aber ein Fossilnachweis.

Entdeckt haben die Forscher den Winzling nicht durch Zufall, sondern indem sie systematisch eine Sammlung versteinerter Egelkokons untersuchten, die von einer Antarktis-Expedition der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe gesammelt worden waren.

Es ist gut möglich, dass noch andere Kokons solche Funde bergen - und wir mehr über die Kleinstlebewesen erfahren, die bereits zu Zeiten der Dinosaurier oder noch früher auf der Erde lebten.

wbr

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