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07.12.2012
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Klimakonferenz

Gipfel-Gastgeber Katar verbannt seine Kritiker

Aus Doha berichten Jörg Schindler und
AFP

Protestaktion in Doha: Klimaaktivisten wurden des Landes verwiesen

Wer protestiert, fliegt raus: Klimagipfel-Gastgeber Katar hat Aktivisten, die ein Banner entrollten, des Landes verwiesen. Bei der Verhandlungsführung zeigt der Staat diese Härte nicht - dabei müssten sich die Ölstaaten am Golf dem Klimaschutz besonders verpflichtet fühlen.

Für Mohammed A. und Raied G. endete das Abenteuer Klimagipfel plötzlich. Die beiden jungen Männer aus Algerien und Libyen wurden von Uno-Sicherheitspersonal am Donnerstag dabei erwischt, wie sie im Kongresszentrum der katarischen Hauptstadt Doha ein Banner entrollten. Die Botschaft darauf war keine ungewöhnliche. Wie so viele Klimaaktivisten forderten sie die Weltgemeinschaft auf, nach zweiwöchigem Dauerpalaver endlich nennenswerte Fortschritte zu erzielen.

Da die Protestaktion jedoch nicht autorisiert war, büßten die beiden unabhängigen Aktivisten ihre Gipfelakkreditierung ein - und flogen hochkant aus dem Kongresszentrum. Aber damit nicht genug: Ohne Akkreditierung hatten sie auch kein Visum für Katar. Die beiden Männer mussten innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen, Polizisten im Hotel sollten dafür sorgen, dass das auch passiert.

Es war nicht das erste Mal, dass die arabischen Gastgeber des Weltklimagipfels für Befremden sorgten. Tatsächlich hat sich unter Klimaaktivisten, aber auch in etlichen Regierungsdelegationen im Lauf von zwei Wochen gehöriger Ärger über die Verantwortlichen in dem Scheichtum aufgestaut. So sehr sie sich einerseits bemühen, gute Gastgeber zu sein, so seltsam ist bisweilen ihr Auftreten - und so mager ihre bisherige Bilanz beim Einsatz für den Klimaschutz.

Keine weiteren Fragen erlaubt

Katar hat auf dem Gipfel sein Interesse an Klimaforschung und an Solartechnologie bekundet - vor allem aber mit Ankündigungen. Als am Mittwoch nun eine deutsche Journalistengruppe ein Solar-Testfeld besichtigte und dort einen katarischen Ingenieur befragte, folgte prompt eine erboste Rundmail der Organisatoren: Die Presseleute seien nur befugt gewesen, technische Fragen zu stellen. Antworten zu anderen Themen dürften nicht verwendet werden. Dabei hatten die Journalisten lediglich wissen wollen, wie viel ein katarischer Durchschnittshaushalt für Strom zu zahlen habe. Hier übrigens die Antwort: nichts.

Die Nervosität ist offenbar groß auf Seiten der Gastgeber. Das umso mehr, seit das Gegrummel internationaler Klimaaktivisten und Delegationen über Katar immer lauter wird. Da ist die nur wenig inspirierte Verhandlungsführung der katarischen Präsidentschaft, die ihren Teil dazu beigetragen hat, dass bis Freitagnachmittag auf fast allen Ebenen Lähmung herrschte. "Wir appellieren an Katar und andere arabische Staaten, hier Führungsverantwortung zu zeigen", sagt Hoda Baraka vom Greenpeace Arab World Project. Inzwischen wird damit gerechnet, dass sich die Verhandlungen noch weit in den Samstag ziehen werden.

Doch die Gastgeber haben bislang noch keine einzige Geste des guten Willens vorgelegt - weder durch Finanzzusagen für vom Klimawandel betroffene Länder noch durch eigene CO2-Minderungsziele. Dabei war die Hoffnung groß gewesen, dass der erste Weltklimagipfel in der Golfregion etwas bewegen würde in einem Teil der Welt, der seit Jahrzehnten gutes Geld mit fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas verdient - und damit für massenhaft Treibhausgas in der Atmosphäre sorgt.

Katar sei womöglich eine exzellente Wahl, hieß es. Das Land scheint sich in den vergangenen Jahren verblüffend schnell vom großen Nachbarn Saudi-Arabien emanzipiert zu haben. Der kleine Staat war der einzige aus dem Golf-Kooperationsrat, der für eine internationale Militärintervention in Libyen votierte. Auch unterstützt er offen die Rebellen in Syrien. Würde Katar auf dem Weltklimagipfel Zugeständnisse machen, hätte das Signalwirkung weit über seine Grenzen hinaus. Dann würden womöglich auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain nachziehen. Die in Sachen Klimaschutz bislang als hermetischer Block dastehenden Golfstaaten wären in Antreiber und Verhinderer gespalten.

Wieder mal keine Erfolge

"Tatsächlich waren Katar, die Emirate und Bahrain bereit zu Zugeständnissen", sagt ein unabhängiger Regierungsberater, der in Doha auch für die Gastgeber tätig war. Verhindert worden sei das jedoch von Saudi-Arabien. Die dominierende Großmacht der Region habe vor Doha Emissäre in die Golfstaaten entsandt und signalisiert, dass man über einseitige Verpflichtungen nicht glücklich wäre. Wenn überhaupt, müssten Zugeständnisse im Klimaschutz mit Forderungen nach Kompensation verbunden werden.

Im Klartext: Sollten die Golfstaaten wegen Klimaschutzmaßnahmen künftig weniger Öl und Gas verkaufen dürfen, müssten die billionenschweren Nationen dafür finanziell entschädigt werden. "Die saudischen Delegationen waren offenbar sehr effektiv", sagt der Regierungsberater resigniert. Auch das sei ein Grund dafür, wieso die Weltgemeinschaft in Doha wieder mal kaum Fortschritte erzielen dürfte. Auch in Verhandlerkreisen heißt es, die Saudis seien die größten Blockierer. Sie seien sehr geschickt darin, in den unterschiedlichen Verhandlungsformaten, "Bomben zu platzieren, die sie jederzeit hochgehen lassen können", klagt ein Regierungsvertreter.

Ganz ohne öffentliche Ankündigungen wird Katar den Klimagipfel nicht zu Ende gehen lassen. Insgesamt vier Staaten aus der Golfregion hätten sich zusammengetan, um beim Uno-Klimasekretariat Klimaschutzmaßnahmen anzumelden, heißt es von den Organisatoren. Details könne man aber noch nicht nennen. Pressekonferenzen werden wieder und wieder verschoben - wohl auch wegen Uneinigkeit im arabischen Lager.

Wie man mit ein etwas PR-Know-how selbst als Ölproduzent einen passablem Eindruck auf dem Klimagipfel machen kann, bewies dagegen Ecuador. Umweltministerin Yvonne Abdel Baki schlug in ihrer Rede vor, die Opec-Staaten sollten für jedes geförderte Barrel eine Steuer aufschlagen - und mit dem Geld einen eigenen Klimafonds für arme Staaten aufmachen: "Wenn die Staaten des Norden nichts hinbekommen, dann sollten wir im Süden eine Lösung finden", so Baki im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Klimawandel wird arabische Welt stärker treffen

Wie das Modell genau funktionieren soll, sagt die Ministerin nicht. Wer zahlt? Wer bekommt Geld? Alles ungeklärt. Man werde weiter darüber reden - Iran und Venezuela hätten Zustimmung signalisiert. Ach ja, und auch Katar. "Ich würde sagen, dass die Chancen 50 zu 50 stehen, dass sich die Öl- und Gasproduzenten auf unseren Vorschlag einigen können."

Vielleicht ist es ja tatsächlich so. Die Kommunikation war jedenfalls mies. Die Weltbank hat übrigens auf dem Gipfel einen Bericht vorgestellt, wonach die arabische Welt überproportional vom Klimawandel betroffen sein wird. Probleme mit der Wasserversorgung bei schnell wachsenden Bevölkerungen, massive Wanderungsbewegungen in die Städte - "Klimawandel ist eine Realität für die Menschen in arabischen Ländern", warnte Inger Andersen, Vizepräsident der Bank für den Mittleren Osten und Nordafrika, bei der Präsentation des Papiers. Der Bericht enthält auch Ratschläge, das Problem anzugehen. Vor allem mahnen die Autoren politische Führungsstärke an. Allerdings wohl eher nicht beim rigiden Umgang mit Kritikern - sondern bei der Lösung des Problems.

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insgesamt 52 Beiträge
1. Wozu auch ...
westerwäller 07.12.2012
... von dem, was die fördern, verbrauchen sie ja nur im Hundertstel-Promillebereich selbst. Nur halt pro Kopf mehr ... Aber unsere Egalisten meinen ja, alle müssten gleich leiden, dann wäre die Welt wieder in Ordnung ....
Zitat von sysop... - dabei müssten sich die Öl-Staaten am Golf dem Klimaschutz besonders verpflichtet fühlen.
... von dem, was die fördern, verbrauchen sie ja nur im Hundertstel-Promillebereich selbst. Nur halt pro Kopf mehr ... Aber unsere Egalisten meinen ja, alle müssten gleich leiden, dann wäre die Welt wieder in Ordnung ....
2. Grund genug
renegat_66 07.12.2012
Der Grund dafür, dass die Klimakonferenz in Dohar und nicht in Berlin, San Francisco oder Sydney stattfindet, liegt doch auf der Hand. Dort sind die Teilnehmer unter sich, geschützt von einer Diktatur, die gegen Gegner nicht [...]
Der Grund dafür, dass die Klimakonferenz in Dohar und nicht in Berlin, San Francisco oder Sydney stattfindet, liegt doch auf der Hand. Dort sind die Teilnehmer unter sich, geschützt von einer Diktatur, die gegen Gegner nicht zimperlich ist. Denn Herrschenden in Katar liegt doch nichts am Wohl des Volkes. Sie möchten gerne ihren Wohlstand ausleben und nach außen tragen. Ich glaube nicht, dass sich dort viele ernsthaft Gedanken über die Klimaerwärmung machen. Ist ihnen ja auch nicht zu verdenken. Ob es im Juli nun 45 oder 47 Grad im Schatten hat... und solange genug Geld für eine Meerwasserentsalzungsanlage da ist, spielt die Trinkwasserverknappung keine Rolle. Aber welches dieser Länder dort denkt schon nachhaltig. Das tun wir ja auch nicht wirklich
3. Als erste
TheBear 07.12.2012
Dabei sollten diese Staaten die ersten sein, die grosse solarthermische Anlagen installieren. Sie haben Geld und Wüste, Fachleute, die dabei helfen können, würden gerne kommen. Noch schlauer wäre es natürlich diese Fachleute [...]
Zitat von sysop- dabei müssten sich die Öl-Staaten am Golf dem Klimaschutz besonders verpflichtet fühlen...
Dabei sollten diese Staaten die ersten sein, die grosse solarthermische Anlagen installieren. Sie haben Geld und Wüste, Fachleute, die dabei helfen können, würden gerne kommen. Noch schlauer wäre es natürlich diese Fachleute in den eigenen Ländern auszubilden. Wäre noch ein weiteres Mittel zu Diversifikation für die Zeit "nach dem Oel".
4. Eine Schande,
wwwwalter 07.12.2012
dass ausgerechnet so ein autoritäres, stinkereiches Land, dass sich bisher kein bischen um Umweltschutz gekümmert hat einen solchen Gipfel veranstalten darf. Eine komplette Farce ist das Ganze. Schade um die vielen Flugkilometer [...]
dass ausgerechnet so ein autoritäres, stinkereiches Land, dass sich bisher kein bischen um Umweltschutz gekümmert hat einen solchen Gipfel veranstalten darf. Eine komplette Farce ist das Ganze. Schade um die vielen Flugkilometer aller Beteiligten, wenn schon klar ist, dass nix Substanzielles herauskommen wird, dann reicht doch wirklich eine Videokonferenz. Das wäre mit Gutem Beispiel vorangegangen... alle vier Jahre ein großes offizielles Meeting mit richtigem Druck, auch was zustandezubringen, und in den anderen Jahren halt Arbeitsgruppentreffen und Videokonferenzen. Wofür jedes Jahr dieses große Tamtam ?
5. Wer Klimagipfel
darthmax 07.12.2012
in solchen Staaten vereinbart, hat sich eigentlich selbst disqualifizert. Hätten einige wichtige Nationen Ihre Teilnahme boykottiert und Klimaforderungen von Katar vorher gefordert, dann wäre sicherlich viel passiert. Aber so, [...]
in solchen Staaten vereinbart, hat sich eigentlich selbst disqualifizert. Hätten einige wichtige Nationen Ihre Teilnahme boykottiert und Klimaforderungen von Katar vorher gefordert, dann wäre sicherlich viel passiert. Aber so, wozu..

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