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26.12.2012
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Klänge der Natur

Das Knistern der Ameisen

Von Thomas Wagner-Nagy
Hachette Book Group

Musiker Bernie Krause: "Der satte Klang der Wiese war verschwunden"

Knackende Garnelen, knisternde Ameisen, rülpsende Seeanemonen - ein Musiker macht die leisen Klänge der Umwelt hörbar. Seine Aufnahmen zeigen: Menschliche Eingriffe lassen das Konzert der Natur verstummen.

Hamburg - Die Sinfonie der Tiere folgt einer klaren Ordnung: Vor Morgengrauen eröffnen die Insekten das Konzert. Dann setzen Amphibien und Reptilien ein. Früh morgens schließen sich die Vögel an. Schließlich, wenn der Tag schon angebrochen ist, runden Säugetiere das Klangerlebnis ab. Für den Musiker Bernie Krause ist die Abfolge kein Zufall. "Die Tiere setzen genau in der Reihenfolge ein, wie sie auf der Zeitleiste der Evolution entstanden sind."

Für Krause hat die Natur erstaunliche Klänge zu bieten. Er ist um die Welt gereist und hat in verschiedenste Lebensräume hineingehorcht - von Alaska bis Fidschi. Er zeichnete die Geräusche winziger Ameisen und riesiger Wale auf. Heute muss er feststellen, dass die Natur allmählich verstummt und viele seiner Aufnahmen vielleicht nicht mehr zu reproduzieren sind.

Krause ist Gitarrist und steuerte ab den siebziger Jahren seine elektronische Musik sowie Naturaufnahmen zu Filmen wie Apokalypse Now bei und arbeitete mit Bob Dylan, George Harrison und The Byrds zusammen. In 40 Jahren sammelte er die Laute von etwa 15.000 Arten auf etwa 4500 Stunden Aufnahmematerial. Seine Erlebnisse schildert er in seinem Buch "The Great Animal Orchestra".

Im Sommer 1988 nahm er zweimal die Geräuschkulisse einer Wiese vor einem kalifornischen Bergwald auf. Zunächst säumten Kiefern, Tannen und riesige Mammutbäume die von einem Bach geteilte Wiese. Zu hören ist ein Ensemble von Bergwachteln, drei verschiedenen Sperlingsvögeln, Rubingoldhähnchen, einem Spechtvogel namens Kiefernsaftlecker und zahlreichen Insekten.

Beim nächsten Mal waren viele Bäume abgeholzt. Ein Biologe, der die "behutsame und selektive Abholzung" leitete, hatte die Vorher-Nachher-Aufnahmen ausdrücklich genehmigt, erzählt Krause. So kehrte Krause exakt ein Jahr nach den Arbeiten an denselben Ort zurück. Wetter und Tageszeit waren gleich. "Als ich ankam, freute ich mich zu sehen, dass sich äußerlich wenig verändert hatte", erzählt er. "Sobald ich allerdings den Aufnahmeknopf drückte, war klar, dass der einst satte Klang der Wiese verschwunden war", schreibt er. Einzig das Hämmern eines Kiefernsaftleckers ist neben dem plätschernden Bach noch deutlich zu hören.

Krauses Aufnahmen zeigen, wie die Augen trügen können: Äußerlich erschien der Wald zunächst unverändert. Die natürliche Sinfonie hingegen ist verstummt. Das wahre Ausmaß der Katastrophe kann also in diesem Fall nur gehört werden. "Die Abholzungsfirma wollte anschließend nichts mehr von meinen Ergebnissen wissen", beklagt Krause, der im Laufe der vergangenen 25 Jahre mehr als ein Dutzend Mal an dieselbe Stelle zurückkehrte. Die "bioakustische Vitalität" sei nach den Waldarbeiten nicht mehr wiedergekommen.

Auch die Klänge der Unterwasserwelt hat Krause mit speziellen Mikrophonen, sogenannten Hydrophonen, aufgenommen. Er fand ein langgezogenes Korallenriff vor den Fidschi-Inseln im Pazifik, das teilweise mit Leben gefüllt und an anderer Stelle nahezu tot war. An der lebendigen Stelle sind bizarre Klickgeräusche von diversen Krebstieren und Fischen sowie das tiefe Grollen der Oberflächenwellen zu hören.

Nur wenige Meter entfernt bietet das abgestorbene Riff ein gänzlich anderes Klangbild. Wenige Krabben knacken noch vereinzelt. Ansonsten Stille. Erwärmung und Verschmutzung der Ozeane setzen Korallenriffen anscheinend hörbar zu.

So kann es gut sein, dass nicht wenige von Krauses Aufnahmen bereits heute als wertvolles Archivmaterial angesehen werden müssen, auf dem eine ursprüngliche, unwiederbringliche Klangvielfalt festgehalten ist. Er selbst schätzt, dass etwa die Hälfte seiner Aufnahmen nicht mehr reproduzierbar ist, da die Habitate durch menschlichen Lärm geschädigt sind oder gar nicht mehr existieren.

Dass die Gesänge und Geräusche der Tiere eine mitunter lebenswichtige Funktion haben, zeigt das Beispiel des New-Mexico-Schaufelfußes, einer kleinen Krötenart.

Wird das einstimmige Gequake der Frösche durch ein vorbeifliegendes Flugzeug gestört, verstummen die Tiere. Beginnen dann einzelne Kröten wieder zu quaken, reißen sie sich aus dem Schutz der Masse heraus und sind für Fressfeinde leichter zu orten.

"Wenn ihr Überleben von ihren Geräuschen abhängt, brauchen die Tiere klare Bandbreiten, um sich bemerkbar zu machen", sagt Krause. Ähnlich wie wir bestimmte Instrumente aus einem Orchester oder Stimmen aus einer Menschengruppe heraushören können, nutzen auch Tiere unterschiedliche Frequenzen als Kanäle, um sich bemerkbar zu machen. "In vielen Teilen der Welt geht den Tieren diese akustische Nische durch den Menschen verloren", warnt Krause.

Doch es gibt sie noch, die unberührten Naturparadiese: abgelegene Gegenden Alaskas und Kanadas, die Pampas von Argentinien und Uruguay, die Feuchtgebiete Brasiliens sowie geschützte Regionen in Papua-Neuguinea. Hier kann man das Orchester der Natur noch ohne menschliches Hintergrundrauschen erleben.

Die deutschsprachige Version von "The Great Animal Orchestra" erscheint im August 2013 im Kunstmann-Verlag.

Forum

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insgesamt 6 Beiträge
1. lol
Layer_8 26.12.2012
Leute, geht mal im Dschungel übernachten. z.B in Malaysia, Taman Negara. Entweder ihr könnt da nachts schlafen oder nicht. Nicht wegen der (geringen) Tigergefahr, sondern das ganze Insektenkonzert dort. Hätte da gerne mal [...]
Zitat von sysopHachette Book GroupKnackende Garnelen, knisternde Ameisen, rülpsende Seeanemonen - ein Musiker macht die leisen Klänge der Umwelt hörbar. Seine Aufnahmen zeigen: Menschliche Eingriffe lassen das Konzert der Natur verstummen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/stoerung-durch-den-menschen-laesst-tiere-weltweit-verstummen-a-874138.html
Leute, geht mal im Dschungel übernachten. z.B in Malaysia, Taman Negara. Entweder ihr könnt da nachts schlafen oder nicht. Nicht wegen der (geringen) Tigergefahr, sondern das ganze Insektenkonzert dort. Hätte da gerne mal ein akustisches Fourierspektrum aufgenommen. P.S. Der Sternenhimmel dort war, nebenbei bemerkt, auch fantastisch. Und komischerweise gab's dort kaum Moskitos.
2. Breitbandrauschen der Zivilisation
roymartina 26.12.2012
Es ist in Deutschland sehr schrierig Flora und Fauna akustisch einzufangen, ohne ein statisches Maschinengeräusch aus der Nähe oder weiten Ferne dabei zu haben.
Es ist in Deutschland sehr schrierig Flora und Fauna akustisch einzufangen, ohne ein statisches Maschinengeräusch aus der Nähe oder weiten Ferne dabei zu haben.
3.
meinmein 26.12.2012
Genau. Der Mensch macht alles kaputt. Erst seine Lebensgrundlage, zum Schluß rottet er sich selber aus. Es ist alles ganz furchtbar, wir werden alle sterben. Immer schön weiter Horrormeldungen verbreiten, damit gar nicht [...]
Zitat von roymartinaEs ist in Deutschland sehr schrierig Flora und Fauna akustisch einzufangen, ohne ein statisches Maschinengeräusch aus der Nähe oder weiten Ferne dabei zu haben.
Genau. Der Mensch macht alles kaputt. Erst seine Lebensgrundlage, zum Schluß rottet er sich selber aus. Es ist alles ganz furchtbar, wir werden alle sterben. Immer schön weiter Horrormeldungen verbreiten, damit gar nicht erst Lebensfreude aufkommt. Depressive Menschen sind leichter zu regieren.
4. hmmm
Layer_8 26.12.2012
Das "statische Maschinengeräusch" kann man im Fourierspektrum ausblenden. Da gibt's nämlich wohl ne markante Hauptlinie. Zurücktransformiert bleiben dann nur noch die anderen Geräusche.
Zitat von roymartinaEs ist in Deutschland sehr schrierig Flora und Fauna akustisch einzufangen, ohne ein statisches Maschinengeräusch aus der Nähe oder weiten Ferne dabei zu haben.
Das "statische Maschinengeräusch" kann man im Fourierspektrum ausblenden. Da gibt's nämlich wohl ne markante Hauptlinie. Zurücktransformiert bleiben dann nur noch die anderen Geräusche.
5. ...
Newspeak 27.12.2012
Bei allen Diskussionen zu ökologischen Fragen, kommen zwei Dinge zu kurz: 1) Die Natur kennt keinen status-quo. Es ist sozusagen NICHT natürlich, daß Ökosysteme ewig stabil sind, daß sich Lebensräume nie verändern, daß [...]
Bei allen Diskussionen zu ökologischen Fragen, kommen zwei Dinge zu kurz: 1) Die Natur kennt keinen status-quo. Es ist sozusagen NICHT natürlich, daß Ökosysteme ewig stabil sind, daß sich Lebensräume nie verändern, daß Artenvielfalt herrscht. Auch ohne den Einfluß des Menschen sterben regelmäßig fast alle existierenden Arten aus, vielleicht gehören wir auch irgendwann einmal dazu, und oft genug zerstört der Mensch nicht nur Artenvielfalt, sondern befördert sie auch genauso ungewollt. 2) Der Mensch hat ein Recht, wie jedes andere Lebewesen auf diesem Planeten, seine Umwelt zu gestalten, unter Ausnutzung aller Ressourcen und auch dann noch, wenn andere Arten darunter leiden. DAS machen nämlich auch Termiten so und Bakterien und auch andere Säugetiere, wenn sie das können.

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