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01.01.2013
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Mammutbaum "Präsident"

Klettertour auf einem Riesen

Von National-Geographic-Autor David Quammen

Er hat Äste so dick wie ein ausgewachsener Baum und fast zwei Milliarden Nadeln: "Der Präsident", ein Riesenmammutbaum in Kalifornien, hört nicht auf zu wachsen - und das seit rund 3200 Jahren.

An einem sanften Hang im Sequoia National Park in der Sierra Nevada steht auf etwa 2100 Meter Höhe ein gewaltiger Baum. Sein Stamm ist rostrot und von dicken Schichten zerfurchter Rinde geschützt. Sein Fuß misst acht Meter im Durchmesser. Wer die Baumspitze erspähen oder die Form der Krone bewundern will, muss den Kopf tief in den Nacken legen: "Der Präsident", wie ihn staunende Betrachter vor 90 Jahren tauften, ist so groß, dass man ihn nicht im Ganzen sehen kann. Er ist ein Riesenmammutbaum, ein Sequoiadendron giganteum, und gehört zu den größten existierenden Baumarten auf unserer Erde.

"Der Präsident" ist, so viel wir wissen, der zweitgrößte Baum der Welt. Das haben Untersuchungen des Wissenschaftlers Steve Sillett von der kalifornischen Humboldt State-Universität bestätigt. "Der Präsident" ist weitaus massereicher als all die Küstenmammut- und Eukalyptusbäume. Seine nach einem Blitzeinschlag abgestorbene Spitze erreicht 75 Meter. Seine vier Hauptäste - jeder so dick wie ein ausgewachsener Baum - stehen etwa in halber Höhe rechtwinklig ab und bilden eine dichte Krone. Zwar ist sein Stamm nicht ganz so wuchtig wie der des größten Riesen - "General Sherman" -, aber dafür ist seine Krone dichter: "Der Präsident" hat fast zwei Milliarden Nadeln.

Und ein Baum hört nicht auf zu wachsen - anders als Landsäugetiere oder Vögel, deren Größe aufgrund der Schwerkraft begrenzt ist. Auch Bäume unterliegen der Schwerkraft, aber nicht wie ein Kondor oder eine Giraffe. Sie verstärken ihre Struktur, indem sie immer mehr Holz produzieren. Darauf ausgerichtet, Nährstoffe aus der Luft und dem Boden zu gewinnen, kann ein Baum im Laufe der Zeit enorm groß werden Riesenmammutbäume sind Giganten, weil sie uralt werden.

Die größte Gefahr für das Leben der Riesen ist der Mensch

Ihr hohes Alter haben sie erreicht, weil sie alle Bedrohungen überlebt haben. Sie sind zu stark, als dass der Wind sie umknicken könnte; ihr Kernholz und ihre Rinde sind mit Gerbsäure und anderen chemischen Stoffen getränkt, die sie vor Pilzfäule schützen; Holzkäfer können ihnen nichts anhaben; ihre dicke Rinde ist feuerbeständig. Blitzschlag schädigt die großen älteren Bäume, bringt sie aber normalerweise nicht zum Absterben.

Die größte Gefahr für das Leben dieser Riesen ist der Mensch. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Tausende Mammutbäume gefällt. Aber das Holz der alten Gewächse erwies sich als so brüchig, dass viele Stämme beim Aufprall auf den Boden zerbarsten. Die Reste taugten kaum zur Holzverarbeitung. Und so wurde 1890 der Sequoia National Park gegründet. Es zeigte sich bald, dass lebende Mammutbäume mehr wert waren als gefällte.

Zu den überraschenden Entdeckungen des Teams um Steve Silletts gehört die Erkenntnis, dass Bäume im Alter schneller wachsen. Der Stamm wird breiter, die Äste werden dicker. Diese Erkenntnis widerspricht einer in der Waldökologie seit langem gültigen Ansicht: dass nämlich die Holzproduktion eines Baums im Alter abnimmt. Sie mag auf einige Baumarten einzelner Gebiete zutreffen, nicht aber auf die Riesenmammutbäume oder andere Arten wie die Küstenmammutbäume. Sillett und seine Mitarbeiter haben dies mit einer einfachen, zuvor noch nie angewandten Methode herausgefunden: Sie kletterten auf die großen Bäume, bis ganz nach oben - und vermaßen jeden Zentimeter.

Mit Erlaubnis der Nationalparkbehörde nahmen sie solche Messungen auch am "Präsidenten" vor - als Teil eines Langzeitbeobachtungsprojekts an Riesen- und Küstenmammutbäumen mit dem Titel "Redwoods and Climate Change Initiative". Silletts Mitarbeiter vermaßen den Stamm in verschiedenen Höhen, desgleichen Äste, Zweige und Knoten. Sie zählten die Zapfen und entnahmen Kernproben mit einem sterilisierten Bohrer.

Mindestens 1530 Kubikmeter Holz und Rinde

So ermittelten sie, dass "der Präsident" aus mindestens 1530 Kubikmetern Holz und Rinde besteht. Und stellten fest, dass der alte Gigant mit seinen 3200 Jahren noch immer kräftig zulegt. Er atmet weiterhin große Mengen Kohlendioxid ein, bindet den Kohlenstoff zu Zellulose, Hemizellulose und Lignin - und das in einer Wachstumsphase, die von sechs Monaten Kälte und Schnee unterbrochen wird.

Da passt es, dass Michael Nichols seine Porträtaufnahme des "Präsidenten" im Schnee machte. Den Plan dazu hatte er mit dem erfahrenen Kletterer Jim Campbell Spickler entwickelt. Sie befestigten Seile am "Präsidenten" und einem hohen Baum in der Nähe - für den Aufstieg und zum Hochziehen der Kameras.

Bevor die Seile abmontiert wurden, kletterte auch Nichols auf den Baum. "Um mich von ihm zu verabschieden", sagte er.

Als Nichols wieder unten angekommen war, kam ich an die Reihe. Nach einer halben Stunde erreichte ich die Krone des "Präsidenten". Ich blickte nach oben, und mir wurde schwindlig. Was für ein erstaunlicher Ort, dachte ich. Und dann: Was für ein erstaunliches Lebewesen.


Auszug aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Januar 2013, www.nationalgeographic.de

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
1. Einspruch !
zeitmesser 01.01.2013
Stimmt so nicht: die Bäume stehen dort ja nicht als Solitäre herum, sondern inmitten anderer Giants. Und da ist das Gesamtbild des "General Sherman" in seiner Umgebung viel beeindruckender als der [...]
Stimmt so nicht: die Bäume stehen dort ja nicht als Solitäre herum, sondern inmitten anderer Giants. Und da ist das Gesamtbild des "General Sherman" in seiner Umgebung viel beeindruckender als der "President". Auch das Gesamtdesign des "Sherman" mit seiner unglaublich schönen Krone (gegen dunkelblauen Himmel gesehen) ist auf diesem Planeten einmalig. --- Wen interessiert denn "die Anzahl der Nadeln" ??!
2.
cideous 01.01.2013
"Der Präsident" ist, so viel wir wissen, der zweitgrößte Baum der Welt." woher stimmt diese Information? Laut Riesenmammutbaum (http://de.wikipedia.org/wiki/Riesenmammutbaum) ist er der drittgröste [...]
"Der Präsident" ist, so viel wir wissen, der zweitgrößte Baum der Welt." woher stimmt diese Information? Laut Riesenmammutbaum (http://de.wikipedia.org/wiki/Riesenmammutbaum) ist er der drittgröste Riesenmammutbaum General Sherman Giant Forest 83,79 31,27 1489[1] General Grant[4] Grant Grove 81,72 32,77 1319,8 President Giant Forest 73,43 28,35 1278,4 und laut List of superlative trees - Wikipedia, the free encyclopedia (http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_superlative_trees) noch lange nicht der gröste Baum der Welt.
3. Nicht der größte, nicht der dickste ...
bernie_witzbold 01.01.2013
... but it is the second largest tree in terms of volume in the world. siehe: President (tree) - Wikipedia, the free encyclopedia (http://en.wikipedia.org/wiki/President_%28tree%29)
Zitat von cideous"Der Präsident" ist, so viel wir wissen, der zweitgrößte Baum der Welt." woher stimmt diese Information? Laut Riesenmammutbaum (http://de.wikipedia.org/wiki/Riesenmammutbaum) ist er der drittgröste Riesenmammutbaum General Sherman Giant Forest 83,79 31,27 1489[1] General Grant[4] Grant Grove 81,72 32,77 1319,8 President Giant Forest 73,43 28,35 1278,4 und laut List of superlative trees - Wikipedia, the free encyclopedia (http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_superlative_trees) noch lange nicht der gröste Baum der Welt.
... but it is the second largest tree in terms of volume in the world. siehe: President (tree) - Wikipedia, the free encyclopedia (http://en.wikipedia.org/wiki/President_%28tree%29)
4. Der Baum ist sehr gross ...
weitWeg 01.01.2013
Hallo und ein Frohes Neues Jahr - spielt es wirklich eine Rolle ob der Baum der groesste oder 2. groesste Baum ist? Ich habe den Baum gesehen und er ist gigantisch. Cheers
Hallo und ein Frohes Neues Jahr - spielt es wirklich eine Rolle ob der Baum der groesste oder 2. groesste Baum ist? Ich habe den Baum gesehen und er ist gigantisch. Cheers
5. Alle Achtung
dr.ponnonner 02.01.2013
Moege er weitere 5000 Jahre leben. Unser Planet Erde ist ein Wunder des Universums.
Zitat von sysopEr hat Äste so dick wie ein ausgewachsener Baum und fast zwei Milliarden Nadeln: "Der Präsident", ein Riesenmammutbaum in Kalifornien, hört nicht auf zu wachsen - und das seit rund 3200 Jahren. Mammutbaum: Der Präsident vom Sequoia National Park - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/mammutbaum-der-praesident-vom-sequoia-national-park-a-874372.html)
Moege er weitere 5000 Jahre leben. Unser Planet Erde ist ein Wunder des Universums.

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