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12.01.2013
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Luftverschmutzung in Peking

Atmen kann tödlich sein

Von , Peking
Foto: AFP

Peking ist eine der dreckigsten Städte der Welt - doch inzwischen ist die Luftverschmutzung auf einem Niveau angelangt, das für Westeuropäer kaum vorstellbar ist. Der Dunst verdunkelt die Sonne, die Messwerte der US-Botschaft in Chinas Hauptstadt sprengen die Gefahren-Skala.

Es liegt ein faules, rauchiges Aroma in der Luft. Der Kopf tut einem weh. Die Baukräne auf der anderen Straßenseite sind nur mehr in weichen Umrissen zu erkennen. Und wenn man zwei Minuten mit dem Hund vor der Tür war, sagen die Kinder: "Du riechst nach Lagerfeuer."

Teheran ist unangenehm, Kairo ist übel - aber Peking ist eine Klasse für sich. Am Samstagnachmittag erreichte der Luftqualitätsindex, den die US-Botschaft in der chinesischen Hauptstadt erhebt, einen Spitzenwert von 845. Das bedeutet, dass ein Kubikmeter Luft 845 Mikrogramm Feinstaub enthält - Partikel, die kleiner sind als 2,5 Mikrometer. Teilchen dieser Größe werden "alveolengängiger Feinstaub" genannt, weil sie im Gegensatz zu größeren Partikeln beim Atmen bis tief in die Lunge eindringen können.

Der Wert von 845 Mikrogramm pro Kubikmeter ist extrem hoch. Die Skala der US-Botschaft, die sich an den Parametern amerikanischer Städte orientiert, kennt fünf Stufen - von "gut" (weniger als 50) über "gesundheitsschädlich für empfindliche Gruppen" (weniger als 150) bis "gefährlich" (mehr als 300). Zum Vergleich: In deutschen Städten liegt der Grenzwert für 10-Mikrometer-Partikel bei 50 Mikrogramm. Wird er häufiger als 35 Mal im Jahr überschritten, müssen die Behörden reagieren.

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Smog in Peking: Luftverschmutzung auf Rekordwert
Dass "gefährlich" um mehr als das Doppelte überschritten worden sei, daran kann sich an diesem Samstag in Peking niemand erinnern. Den vor gut einem Jahr gemessenen Höchstwert von 522 nannte ein Korrespondent damals "nichts-wie-weg-hier-apokalyptisch". Diesmal zeigen sich selbst Ausländer, die seit langem in Peking leben, beunruhigt und werfen einander auf Twitter zynische Bemerkungen zu: "Ladet euch ausländische Freunde ein, tretet ins Freie und riecht das berauschende Aroma des Bruttoinlandsprodukts", schreibt einer. "Glückspilze" ruft ein anderer den Bewohnern der südchinesischen Großstadt Kanton zu. Dort beträgt der Index nur 163 - gerade mal "gesundheitsschädlich".

Chinas Pro-Kopf-Ausstoß auf dem Niveau der EU

China ist für etwa 24 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich und damit der größte Luftverschmutzer der Welt. Zwar liegt Chinas Pro-Kopf-Ausstoß - der gern als Maß des individuellen Wohlstands herangezogen wird - weiterhin deutlich unter dem der USA. Allerdings steigt er rapide, hat inzwischen das Niveau in der EU erreicht und dürfte es demnächst übersteigen.

Die chinesische Delegation, die vor acht Wochen zum Uno-Klimagipfel nach Doha aufbrach, wollte China in den Verhandlungen zwar weiterhin als Entwicklungsland behandelt wissen. Doch sie konnte sich die Misere so gut ansehen wie jeder Flugpassagier, der in diesem Winter von Peking abhebt: Selbst an sonnigen Tagen dauert es Minuten, bis ein Jet die Dunstglocke über der Stadt hinter sich lässt. Das ganze nordostchinesische Becken von der Chinesischen Mauer oberhalb der Hauptstadt bis hinunter an die Küste ist von gelb-bräunlichem Smog bedeckt, wie Pilze ragen die Rauchwolken der großen Kraftwerke aus dem Dreck.

Je häufiger sich Tage mit katastrophaler Luftqualität wiederholen, desto stärker wird zumindest der politische Druck. 750.000 Menschen, so wird geschätzt, sterben in China jährlich an den Folgen der Umweltverschmutzung, allein 8600 sind 2012 in den vier größten Städten direkt am Smog gestorben. Den wirtschaftlichen Schaden der auf die Klimaveränderung zurückgeführten extremen Wetterphänomene schätzt die Führung in Peking auf 50 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass weltweit jedes Jahr Millionen von Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung sterben.

Doppelt so lange wie bei seiner letzten großen Rede sprach Chinas scheidender Präsident Hu Jintao auf dem Parteitag vor zwei Monaten über Klima und Umwelt. China müsse seine Politik auf diesen Feldern grundsätzlich verändern: "Wir sollten eine Revolution in der Energieproduktion anstoßen und unseren Gesamtverbrauch begrenzen", sagte er. Denn es gehe darum, "künftigen Generationen ein schönes Heimatland mit grünen Feldern, sauberem Wasser und einem blauen Himmel zu hinterlassen".

Danach schaut es heute in Peking nicht aus. Und so groß Chinas Anteil am nahezu ergebnislosen Verlauf des Klimagipfels in Doha gewesen sein mag - für allzu eindeutige Schuldzuweisungen besteht kein Anlass: Als im November das Wachstum der chinesischen Industrieproduktion wieder zunahm, freuten sich als erstes: die Börsen im Westen.

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