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22.01.2013
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Geo-Engineering

Forscher erteilen Ozeandüngung eine Absage

NASA/ NOAA

Blauer Planet: Olivin gleichmäßíg in den Meeren zu verteilen wäre extrem aufwendig

Mineralstaub könnte dafür sorgen, dass die Meere mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen und die Ozeane weniger versauern. Doch ein Forscherteam aus Bremerhaven hält die Methode nicht für sinnvoll - unter anderem ist sie viel zu aufwendig.

Hamburg - Im Kampf gegen den Klimawandel hoffen manche auf das sogenannte Geo-Engineering. Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven haben sich nun gegen ein Verfahren ausgesprochen, durch das die Ozeane mehr Kohlendioxid aufnehmen sollen.

Das Auflösen des Minerals Olivin im Wasser soll theoretisch der Ozeanversauerung entgegen wirken und gleichzeitig dafür sorgen, dass in den Meeren mehr CO2 gebunden wird. Olivin ist ein silikathaltiges, kohlenstofffreies Gestein. Die AWI-Forscher untersuchten, welche Auswirkungen die Methode auf die chemische Zusammensetzung des Wassers und die Meereslebewesen hat.

Ihr Ergebnis: Das Wasser kann zwar tatsächlich deutlich mehr Kohlendioxid aufnehmen, und gleichzeitig wachsen Kieselalgen stärker. Der Aufwand für diesen Eingriff mit Olivin wäre jedoch immens, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Environmental Research Letters" berichten.

2009 hatten Forscher des AWI die Düngung des Meeres mit Eisen untersucht, das ebenfalls das Algenwachstum verstärkt. Das Experiment im Südatlantik war auf Kritik bei Umweltschützern gestoßen. Die Ergebnisse des Versuchs waren jedoch enttäuschend. Die Algen holten nur wenig CO2 aus der Atmosphäre.

Riesige Bergbauindustrie wäre nötig

Das Team um Peter Köhler ging in der Studie davon aus, dass jährlich drei Gigatonnen Olivin in den Ozeanen aufgelöst werden. "Dadurch wird das Wasser alkalischer, die Aufnahmekapazität von CO2 steigt", sagte Köhler. Trotzdem könnten diese Mengen nur neun Prozent des heutigen von Menschen verursachten Kohlendioxidausstoßes kompensieren.

92 Prozent der erhöhten Aufnahmekapazität gehen nach Angaben von Köhler auf die chemische Veränderung des Wassers zurück, acht Prozent auf das vermehrte Wachstum von Kieselalgen. Die Gesteinspartikel enthalten Nährstoffe, so dass sich die Algen stärker ausbreiten können und mehr CO2 speichern. "Damit liegt eine Ozeandüngung vor. Momentaner Stand ist, dass solche Maßnahmen nicht erlaubt sind."

Damit sich das Olivin gleichmäßig im Wasser verteilt, müsste es sehr fein gemahlen werden - was große Mengen an Energie verschlingen würde. Nach Schätzungen der Wissenschaftler würden 30 Prozent des im Ozean aufgenommen CO2 bei der Produktion wieder freigesetzt werden. Dazu käme die logistische Herausforderung, Olivin massenhaft abzubauen und über die Weltmeere zu verteilen.

"Man müsste eine Bergbauindustrie in der Größenordnung der heutigen Kohleindustrie schaffen", sagte Köhler. Deshalb kommen die Forscher zu dem Schluss, dass diese Methode keine schnelle Lösung gegen die globale Erwärmung sein kann.

wbr/dpa

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