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26.01.2013
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Meeresforschung

Mein Freund, der Hai

Von
Getty Images

Kaum ein Tier flößt uns mehr Angst ein als der Hai. Dabei geht vom Menschen eindeutig mehr Gefahr aus. Besonders die großen Haiarten gelten als akut bedroht. Naturschützer werben um Sympathien für die Räuber der Meere - mit Tracker-Systemen, mit denen man ihre Wege live verfolgen kann.

"Bieg links ab, Mary Lee!", bat am Wochenende der Blogger Lee Tolliver, doch er wurde enttäuscht: Mary Lee ließ die Bucht von Chesapeake links liegen und zog weiter. Noch aber will Tolliver, der wie Zehntausende andere Fans Mary Lees Weg entlang der Küste Amerikas verfolgt, die Hoffnung auf eine küstennahe Sichtung nicht aufgeben.

Das alles wäre nicht ungewöhnlich, wenn Mary Lee ein Wal wäre. Alle Arten der Cetacea haben ihre Fans, vom quirligen Delfin bis zum gigantischen Blauwal. Rund um die Meeressäuger ist in den letzten Jahrzehnten eine eigene Tourismussparte entstanden. Für viele Menschen ist es ein besonderes Erlebnis, Walen in der Natur zu begegnen. Dass die einst als Nutztiere fast ausgerotteten Meeresriesen Schutz brauchen, ist in den meisten Nationen und Kulturen längst Konsens.

Aber Mary Lee und ihre Artgenossen Maddox, Genie, Oprah oder Maureen sind keine Wale: Sie sind Haie, zudem von einer Art, die wir mehr fürchten als alle anderen. Dass sich jemand wünschen könnte, dass ein Weißer Hai eine Bucht besucht, damit man ihn von nahem beobachten kann, ist neu. Es ist ein Anzeichen dafür, dass es vielleicht gelingen könnte, die Einstellung zu Haien langsam zu verändern: Naturschützer bemühen sich seit langem darum. Denn für Mary Lee und Co. wird es langsam eng.

Der Hai, eine Horrorgestalt

Spätestens seit Steven Spielberg 1975 mit der Verfilmung des Peter-Benshley-Horrorschockers "Der weiße Hai" in die Liga der internationalen Top-Regisseure aufstieg, hat Carcharodon carcharias ein massives Imageproblem. Der größte Raubfisch der Welt gilt uns als die ultimative Bedrohung, als schwimmender Alptraum.

Begegnen wir ihm in seinem Element, braucht man sich über die Rangfolge in der Nahrungskette tatsächlich keine Illusionen machen. Nicht von ungefähr nennt man den Weißhai auch Menschenhai, er gehört zu den Arten, die uns gefährlich werden können.

Den Ruf, den ihm Spielberg und all die anderen, mitunter grenzdebilen Hai-Horrorfilme eingebracht haben, hat sich der große Weiße aber nicht selbst verdient. Schätzungen zufolge kommt es pro Jahr gerade einmal zu drei bis sieben Angriffen von Weißen Haien auf Menschen, und rein statistisch zu höchstens ein bis zwei Todesfällen - und zwar weltweit. Zum Vergleich: Allein durch das Gift der Würfelqualle Chironex fleckeri, die nur im Pazifik, vor Australien und Südostasiens Küsten vorkommt, sterben jährlich rund 70 Menschen.

Weit gefährlicher als umgekehrt sind wir Menschen für den Hai. Prinzipiell kommt der Weiße Hai überall in den Küstengewässern der gemäßigten Zonen vor, tatsächlich aber immer seltener: Er gilt weltweit als im Bestand bedroht. Wie Delfine verfangen sich auch Haie in den Fischernetzen und werden zum ungewollten Beifang. Vornehmlich kleinere Haiarten, prinzipiell aber alle werden legal oder illegal genutzt, um Haiflossen für die Produktion von Haifischflossensuppe zu gewinnen (siehe auch Video). Dazu kommt, dass die großen Haiarten Ziel von Sportanglern sind - analog zur Großwildjagd endet so mancher Weiße Hai präpariert als Trophäe an einer Wand.

Vorbild Whalewatching: Nähe bringt Sympathien

In den letzten Jahren bemühen sich immer mehr Naturschutzorganisationen darum, Sympathien auch für die großen Meeresräuber zu wecken. Denn Schutzmaßnahmen lassen sich leichter für Tiere erreichen, an denen Menschen interessiert sind. Vor den Küsten des südlichen Afrika gibt es da erste Erfolge: Analog zum Whalewatching entsteht dort eine Tourismusindustrie, für die gerade Weiße Haie eine Attraktion darstellen.

Zu den jüngsten Initiativen gehört das erst 2011 vom auf Natur-Formate spezialisierten Fernsehproduzenten Chris Fischer gegründete Ocearch. Die Organisation fängt Großhaie, erfasst und vermisst sie, nimmt DNA-Proben und versieht die Haie mit Satellitensendern, um ihre Wanderungen zu verfolgen. Auf bisher 15 Expeditionen gelang dieses "Taggen" bei 36 Haien.

Es ist ein Ansatz, der ernste Forschung - die Daten werden zur Verfügung gestellt - ganz bewusst mit Publikums-Appeal verbindet. Natürlich verwertet Fischer die Bilder der Expeditionen auch in seinen TV-Programmen. Die Forschung dahinter, der Punkt ist ihm wichtig, sei aber durch und durch ernst, alles werde wissenschaftlich begleitet.

Größte Popularität genießt inzwischen die Tracker-Seite von Ocearch, über die man nicht nur zahlreiche Informationen über die beobachteten Haie abrufen kann, sondern auch ihre Wege in Echtzeit verfolgen. Das schafft Ansatzpunkte für die Identifikation mit den Großfischen.

Bei Fischer selbst ist die offenbar längst gegeben. Mary Lee hat Fischer nach seiner Mutter benannt. Für Fischer ist sie "ein spezieller Hai", der beeindruckendste, den er vor der US-Küste je gesehen habe: Annähernd fünf Meter lang und über 1200 Kilogramm schwer ist Mary Lee eigentlich der Fleisch gewordene Film-Alptraum. Dass es nun Menschen gibt, die sie nicht fortwünschen, sondern ganz aus der Nähe sehen wollen, ist für Fischer der erhoffte Erfolg der Tracker-Arbeit: Ihm gehe es darum, sagt er, mit Fakten gegen die Angst zu arbeiten.

Forum

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insgesamt 44 Beiträge
1. Kill Track
Pichulonco 26.01.2013
Na, da werden sich die "Sportfischer" sicher freuen nun immer zu wissen wo sie ihre begehrte Trophäe finden können. Der Schuss wird nach hinten losgehen.
Na, da werden sich die "Sportfischer" sicher freuen nun immer zu wissen wo sie ihre begehrte Trophäe finden können. Der Schuss wird nach hinten losgehen.
2. haie
Montanabear 26.01.2013
Es sind nicht sogenannte odder auch echte Sportfischer, die dem Hai gefaehrlich warden, sondern gewissenlose Haiflossenhaendler, die die Haie dezimieren. Haifischflossen sind nach wie vor eine Delikatesse in chinesischen [...]
Zitat von PichuloncoNa, da werden sich die "Sportfischer" sicher freuen nun immer zu wissen wo sie ihre begehrte Trophäe finden können. Der Schuss wird nach hinten losgehen.
Es sind nicht sogenannte odder auch echte Sportfischer, die dem Hai gefaehrlich warden, sondern gewissenlose Haiflossenhaendler, die die Haie dezimieren. Haifischflossen sind nach wie vor eine Delikatesse in chinesischen Gerichten. Wie Tiger und Baeren werden sie oft verkrueppelt einem alngsamen Tod ueberlassen. Die Flossen werden abgeschnitten und der noch lebendige Fisch wird so zurueck ins Wasser geworfen. Aus mir unerfindlichen Gruenden wagt Niemand, dedn Chinesen etwas vorzuschreiben - auch wenn es sowieso ignoriert wird. Ja, sie hegen und pflegen ihre Pandas, aber nur, weil sie ihnen viele Millionen einbringen. Abscheulich !
3. Notwendig
matjeshering 26.01.2013
Haie sind im Meer so notwendig wie Hornissen in der Insektenwelt. Warum beissen manchmal Hunde Menschen? Weil der Mensch sich falsch verhält. Bei Haien ist es genauso. Übrigens bei Hornissen auch. @Pichulonco Grosshaie wie [...]
Haie sind im Meer so notwendig wie Hornissen in der Insektenwelt. Warum beissen manchmal Hunde Menschen? Weil der Mensch sich falsch verhält. Bei Haien ist es genauso. Übrigens bei Hornissen auch. @Pichulonco Grosshaie wie der Weisse Hai werden eigentlich von "Sportfischischern" nicht als primäres Trophäen-Objekt angesehen. Es ist viel zu aufwendig diese wie auch Walhaie oder Orkas zu "angeln". Die gefahr geht eher von Gross-Netzen, wie in Südafrika vor den Badestränden, aus. Das ist der Irrsinn. Oder die professionellen illegalen Fischer, die Haifischflossen wollen. Aber auch da ist es selten der Groß-Hai, der in frage kommt.
4. Walhaie
Montanabear 26.01.2013
Matjeshering (mir laeuft das Wasser im Mund zusammen, die gibt es hier nicht.), das Smithsonian Magazine brachte letzte Woche einen Artikel ueber Walhaie. Photomodelle hatten sich mit diesen sanften Riesen zusammen im Wasser [...]
Zitat von matjesheringHaie sind im Meer so notwendig wie Hornissen in der Insektenwelt. Warum beissen manchmal Hunde Menschen? Weil der Mensch sich falsch verhält. Bei Haien ist es genauso. Übrigens bei Hornissen auch. @Pichulonco Grosshaie wie der Weisse Hai werden eigentlich von "Sportfischischern" nicht als primäres Trophäen-Objekt angesehen. Es ist viel zu aufwendig diese wie auch Walhaie oder Orkas zu "angeln". Die gefahr geht eher von Gross-Netzen, wie in Südafrika vor den Badestränden, aus. Das ist der Irrsinn. Oder die professionellen illegalen Fischer, die Haifischflossen wollen. Aber auch da ist es selten der Groß-Hai, der in frage kommt.
Matjeshering (mir laeuft das Wasser im Mund zusammen, die gibt es hier nicht.), das Smithsonian Magazine brachte letzte Woche einen Artikel ueber Walhaie. Photomodelle hatten sich mit diesen sanften Riesen zusammen im Wasser ablichten lassen, um auf deren Schicksal hinzuweisen. Dabei wurde auch erwaehnt, dass dieser zutrauliche und extreme langsame Hai zunehmend von seinen Flossen befreit und seinem Schicksal ueberlassen wird. Dagegen sind die Verluste in den afrikanischen Gross-Netzen gering. Der gemeine Hai ist nicht bedroht, sondern noch sehr zahlreich. Der Walhai dagegen ist in ernster Gefahr. Was auch hier so empoerend ist, ist die totale Misachtung fuer dieses Tier und die Tatsache, dass auch hier gemordet wird, um irrige und luxusbesessene Menschen zu befriedigen.
5.
vulcan 26.01.2013
Keine Ahnung, wieso in entsprechenden Artikeln immer wieder die Mär aufgewärmt wird, "Der weiße Hai" oder ähnliche Filme hätten diesem sein 'schlechtes Image' verschafft. Das Haie u. U. gefährlich sein können, hat [...]
Zitat von sysopKaum ein Tier flößt uns mehr Angst ein als der Hai. Dabei geht vom Menschen eindeutig mehr Gefahr aus. Besonders die großen Arten gelten als akut bedroht. Naturschützer werben um Sympathien für die Räuber der Meere - mit Trackersystemen, mit denen man ihre Wege live verfolgen kann. Online-Tracking-Systeme beobachten Weiße Haie in Echtzeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/online-tracking-systeme-beobachten-weisse-haie-in-echtzeit-a-879811.html)
Keine Ahnung, wieso in entsprechenden Artikeln immer wieder die Mär aufgewärmt wird, "Der weiße Hai" oder ähnliche Filme hätten diesem sein 'schlechtes Image' verschafft. Das Haie u. U. gefährlich sein können, hat man auch schon vorher gewußt und nur ein Idiot würde nach Ansehen eines 'Haifilms' denselben für einen gefährlichen Schädling halten. Es ist schon richtig - die allergrößte Gefahr für diverse Arten geht von den Schiffen aus, deren widerliche Besatzungen im großen Stil Jagd auf Haifischflossen machen - wie im Artikel beschrieben, wohlgemerkt auf nichts anders. Das ist im freien Weltmeer noch nicht mal illegal und die in der Hauptsache aus Fernost stammenden Schiffe werden es früher oder später schaffen, ganze Artenreihen von Haien auszurotten, da in der Tat niemand etwas gegen diese barbarische Abschlachterei unternimmt - mir ist völlig unverständlich, wie Regierungen sowas durchgehen lassen können, dito Walfang. Hat man einmal gesehen -und sei es nur im TV- was diese Schlächter (das sind in meinen Augen keine Fischer) jährlich buchstäblich millionenfach diesen Fischen antun, kann man sich eigentlich nur einen Kapitän Nemo und eine Nautilus wünschen, die diesem Treiben ein Ende machen. Es steht ja wohl kaum zu erwarten, dass der Verkauf von irgendwelchen idiotischen Produkten aus den Flossen der elend verreckten Tiere von einer Regierung wie z. b. der Chinas, mal verboten wird. Wie so oft - der Mensch, ein rücksichtsloser Widerling...na ja, zumindest eine ganze Anzahl.

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