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16.02.2013
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Tscheljabinsk nach Meteoritenhagel

Aufräumen in der Stadt der tausend Scherben

Von , Moskau
Foto: AFP/ 74.RU

Tag eins nach dem Meteoritenhagel im Ural: Die Bewohner von Tscheljabinsk räumen die Trümmer weg und sind heilfroh, dass die kosmische Attacke keine noch schlimmere Katastrophe verursacht hat. Nur vor einer möglichen Strahlenbelastung haben viele Angst.

Swetlana Terentjewa hat noch keine Hilfe bekommen. Die Druckwelle des über der Millionenstadt Tscheljabinsk explodierten Meteoriten hatte Fenster in ihrer Wohnung bersten lassen. Terentjewa rief deshalb bei der Notruf-Hotline der staatlichen Häuserverwaltung an. Der Telefonist antwortete ihr freundlich aber bestimmt, er könne sie "gern symbolisch auf die Liste schreiben - da stehen aber bereits 600 Leute drauf".

Swetlana Terentjewa griff deshalb selbst zum Hammer und nagelte eine dunkle Stoffdecke vor das beschädigte Fenster. Ein wenig Schutz gegen den Frost, denn in Tscheljabinsk herrscht kontinentales Klima, mit warmen Sommern und kalten Wintern. In der Nacht sank die Temperatur auf minus 23 Grad Celsius.

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Meteoritenhagel über Russland: Großreinemachen in Tscheljabinsk
Einen Tag nach dem Meteoritenregen über Russlands Uralprovinz sind die Aufräumarbeiten in vollem Gange. Etwa 1200 Menschen wurden verletzt, aber zum Glück nur einige von ihnen schwer. Am Morgen flog Russlands Katastrophenschutz mit einem Spezialflugzeug eine Schwerverletzte aus dem Vorort Kopejsk nach Moskau aus. Die Druckwelle der Explosion hatte sie von einer Treppe gerissen, sie erlitt schwere Verletzungen an der Wirbelsäule.

Die meisten anderen Verletzten können die Krankenhäuser vermutlich bald verlassen. So wie Alexander Deri, ein älterer Herr mit grauem Vollbart. Als der Meteorit am Freitag mit lautem Krach über die Stadt zog, eilte er zum Zimmerfenster. Ärzte verbanden ihm die Schnittwunden am Kopf mit Mullbinden. "Das habe ich von meiner Neugier", sagt er. Derzeit werden noch rund 40 Menschen in den Kliniken der Stadt behandelt.

Strahlung nicht angestiegen

Die Behörden schätzen die Schäden auf eine Milliarde Rubel, das entspricht 25 Millionen Euro. Gut möglich aber, dass diese Zahl in den kommenden Tagen noch nach oben korrigiert werden muss. Möglicherweise wurden einige der Gebäude schwerer getroffen als bisher angenommen. So wie die 133. Schule in Tscheljabinsk. Freiwillige arbeiten hier Tag und Nacht daran, die Schäden zu beheben und geborstene Fenster auszutauschen, damit der Unterricht am Montag wieder beginnen kann. Doch im Mauerwerk zeigen sich Risse.

Von insgesamt mehr als 3700 beschädigten Häusern sprechen die Behörden mittlerweile. Der Katastrophenschutz hat Spezialtechnik angefordert, die sonst in Erdbeben gefährdeten Gebieten eingesetzt wird: Das Gerät "Struna" soll Gebäude auf Einsturzgefahr überprüfen.

Kaum eine Nachrichtensendung in Russlands Staatsfernsehen endet ohne die Feststellung, die Strahlenbelastung in der Region sei nicht angestiegen. Dahinter steht die Furcht, der Meteoritenhagel könnte eine der Nukleareinrichtungen im Tscheljabinsker Umland in Mitleidenschaft gezogen haben. Der Katastrophenschutz hat acht Flugzeuge entsandt, um die Strahlung in der Uralregion zu überwachen.

Glas wird zu einem kostbaren Gut

In Tscheljabinsk selbst ist Glas zu einem kostbaren Gut geworden. Die Behörden haben zugesagt, alle beschädigten Fenster innerhalb weniger Tage auszuwechseln. Weil es in der Stadt aber nicht genug Fensterglas gibt, hat sich die Provinzregierung an die Nachbarregionen mit der Bitte um Hilfe gewandt.

Gerüchte, manch Einwohner von Tscheljabinsk habe seine alten Fenster mit Absicht zerschlagen, um neue zu bekommen, dementierte Gouverneur Michail Jurewitsch als "Ente". In rund tausend Häusern seien die Fenster bereits ersetzt. 320 Handwerkerbrigaden aus den angrenzenden Provinzen sind als Verstärkung in Tscheljabinsk eingetroffen.

Ein Sprecher des Katastrophenschutzministeriums sagte, Taucher suchten im etwa 80 Kilometer entfernten Tschebarkul-See nach Teilen des Meteoriten. Mindestens ein Brocken soll in den zugefrorenen See gestürzt sein und ein etwa sechs Meter breites Loch in die Eisfläche geschlagen haben. Die Sicht im Wasser war laut den Einsatzkräften aber gleich null und der Grund des Sees mit einer anderthalb Meter dicken Schlammschicht bedeckt.

Die Nasa hat inzwischen Schätzungen der Stärke der Explosion veröffentlicht, die den Ural getroffen hat: Der Meteorit sei in sehr flachem Winkel in die Erdatmosphäre eingetreten, die Explosion habe die Sprengkraft von mehreren hundert Kilotonnen gehabt. Die 1945 über dem japanischen Hiroshima gezündete Atombombe hatte dagegen gerade einmal eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen.

Wäre der Meteorit "größer gewesen, es hätte eine Tragödie werden können", sagte Gouverneur Jurewitsch: "Der gestrige Tag ist ein zweiter Geburtstag für die Region und alle ihre Bewohner."

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insgesamt 36 Beiträge
1. Böse Atome
matthias_b. 16.02.2013
"Nur vor einer möglichen Strahlenbelastung haben viele Angst" Ja, und zwar deutsche Medien und Grüne.
"Nur vor einer möglichen Strahlenbelastung haben viele Angst" Ja, und zwar deutsche Medien und Grüne.
2. Großes Glück
jupiter999 16.02.2013
Mit einer Detonationsstärke von mehreren hundert Kilotonnen war es ein großes Glück das der Meteorit schon früh in so großer Höhe explodiert ist. Hätte er bis auf wenige hundert Meter über Tscheljabinsk durchgehalten [...]
Mit einer Detonationsstärke von mehreren hundert Kilotonnen war es ein großes Glück das der Meteorit schon früh in so großer Höhe explodiert ist. Hätte er bis auf wenige hundert Meter über Tscheljabinsk durchgehalten bevor es ihn zerriß, dann hätte die Druckwelle jedes Gebäude mit mehr als zwei Stockwerken wegefegt und die komplette Stadt dem Erboden gleichgemacht. Die Verletzten sollten sich mit dieser Gewissheit trösten. Tatsächlich sind die Bewohner der Stadt alle große Glückspilze.
3.
Steuerzahler0815 16.02.2013
25 millionen euro schaden nur? in meiner heimatstadt hat das austauschen der glasscheiben der örtlichen schule gegen energiesparende glasscheiben 29 millionen euro gekostet...
25 millionen euro schaden nur? in meiner heimatstadt hat das austauschen der glasscheiben der örtlichen schule gegen energiesparende glasscheiben 29 millionen euro gekostet...
4. Nur vor einer möglichen Strahlenbelastung haben viele Angst.
besso 16.02.2013
Natürlich! Strahlenbelastung! Ich habe Angst! Hilfe! Kommen die bösen Strahlen auch zu uns ins 4te Reich? Kann die ökologisch bewußt (und besorgt) lebende Hausfrau die Kinder jetzt noch nach draußen lassen? Was ist mit [...]
Natürlich! Strahlenbelastung! Ich habe Angst! Hilfe! Kommen die bösen Strahlen auch zu uns ins 4te Reich? Kann die ökologisch bewußt (und besorgt) lebende Hausfrau die Kinder jetzt noch nach draußen lassen? Was ist mit Freilandsalat? Warum sind Meteoriten noch nicht verboten? Warum tut keiner was? Was macht die EU dagegen? Wie wäre es mit einer Lichterketten-Mahnwache vor dem astronomischen Institut? Dürfen Flugzeuge aus dem verstrahlten Gebiet im teutschen Ökoreich noch landen? Wer betreut die verängstigten Kinder psychologisch (und kostenlos)? Müssen Meteoriten nicht in Gorleben zwischengelagert werden? Was ist eigentlich aus der natürlichen Strahlung geworden? Gibt es die noch oder wurde sie von den Öko-Intelligenzbestien abgeschafft? Oder weggelabert? Und wer verhindert, daß die Bevölkerung mal aufgeklärt wird? Fragen über Fragen! Wer kennt die Antwort?
5. Bitte nur Sonnenstrahlen in Ihr Gemüt!
hansjot23 16.02.2013
Nicht weit von Tscheljabinsk entfernt gibt es eine sogenannte "geheime Stadt", wo Nuklear-Anlagen betrieben wurden/werden und wo es einmal einen nie aufgeklärten Vorfall gab, der offenbar zu enormer Belastung durch [...]
Nicht weit von Tscheljabinsk entfernt gibt es eine sogenannte "geheime Stadt", wo Nuklear-Anlagen betrieben wurden/werden und wo es einmal einen nie aufgeklärten Vorfall gab, der offenbar zu enormer Belastung durch strahlendes Material geführt hat. http://de.wikipedia.org/wiki/Osjorsk_(Tscheljabinsk) Das muss zwar nicht in einem Zusammenhang stehen mit dem, was jetzt passiert ist, aber es ist doch interessant, davon Kenntnis zu nehmen - unabhängig von Parteimeinungen und Pauschalierungen...

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