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Wissenschaft

Stammbaum

Der Mensch, ein geborener Insektenfresser

Insekten stehen in der westlichen Welt eher selten auf dem Speiseplan. Dabei wäre das im Wortsinn natürlich: Wir stammen von Wesen ab, die nichts anderes fraßen. Den Beweis tragen wir bis heute in uns.

DPA

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Donnerstag, 17.05.2018   10:16 Uhr

Alle Jahre wieder wird der Hype von Paläofood und Insektennahrung durchs mediale Dorf der industrialisierten Welt getrieben. Mit spitzen Zähnen genießen Städter dann den leichten Grusel, den sie meist überwinden müssen, um in Heuschrecken, Maden, Gewürm oder andere Formen vermeintlich archaischer Eiweißquellen zu beißen.

In manchen Teilen der Welt geht man freier und selbstverständlicher damit um und ist damit den menschlichen Ursprüngen wohl tatsächlich näher. Insekten und Weichtiere standen über die gesamte menschliche Evolution auf unserem Ernährungsplan. Und geht man nur weit genug zurück, findet man dort sogar so gut wie nichts anderes mehr: Alle heute lebenden Säugetiere, zeigt eine aktuelle, an der Universität von California erstellte Studie, stammen von Lebewesen ab, die sich ausschließlich von Insekten ernährten.

Vermutet wurde das seit Langem. Säugetiere entstanden keineswegs erst nach dem Ende der Dinosaurier, sondern lebten stets in deren Schatten: Unsere ersten, als säugetierähnlich identifizierbaren Vorfahren lebten bereits kurz bevor die ersten Dinosaurier vor rund 235 Millionen Jahren begannen, eine ökologische Nische nach der anderen zu besetzen.

Und das mit einer Macht, der die Säuger nichts entgegenzusetzen hatten. Was ihnen blieb, lag bodennah oder hoch im Geäst: Sie wichen der Nahrungskonkurrenz zu den Dinosauriern aus, indem sie kleine, heimlich und sicher oft nächtlich lebende Arten ausprägten. Die meisten waren gebaut wie kleine Nagetiere, Eichhörnchen oder Ratten. Die Gebisse der fossil überlieferten Arten aber zeigen, dass sie sich nicht von Nüssen ernährten, sondern wohl eher von Insekten und Weichtieren.

Alle Säugetiere waren einst Insektenfresser

Und das, dokumentierten nun die Forscher der University of Californiaim Fachblatt "Science Advances", zeige sich nicht nur in unserem Genom, sondern in den Genen aller heute lebender Säugetiere: Entweder, sie verfügen noch über Gene, die dazu dienen, Enzyme zu produzieren, mit denen sich die Chitinpanzer von Insekten verdauen lassen. Oder sie verfügen zumindest über nicht mehr funktionale Spuren davon.

Quentin Martinez

Alle Primaten fressen auch Insekten, doch nur die kleinen Makis Südostasiens ernähren sich ausschließlich von Insekten, Weich- und Spinnentieren

Heutige Insektenfresser besitzen Gene, die für die Produktion von bis zu fünf verschiedenen Chitin-verdauenden Enzymen verantwortlich sind - sogenannten Chitinasen. Über genau diese verfügten offenbar auch schon die Ursäuger, denn die Reste dieser Gene finden sich im Genom so verschiedener Tiere wie Elefanten und Tiger, Katzen, Pferde, Kühe oder Primaten - einschließlich des Menschen.

...und wir sind es im Grunde immernoch

107 verschiedene Säugetier-Genome hatten die Forscher analysiert und keine Abweichung von diesem Grundprinzip gefunden. Damit sei erstmals bewiesen, dass die Theorie vom Insektenfressenden Ursäuger trägt: Erst nach dem Verschwinden der Dinosaurier hätten unsere haarigen kleinen Vorfahren demnach damit begonnen, immer mehr der nun frei gewordenen ökologischen Nischen zu besetzen - und dabei auch immer mehr und zunehmend vielfältigere Arten auszuprägen.

Bei den meisten veränderte sich im Prozess dieser Artbildung auch die Ernährungsweise. Viele aber blieben beim Insekt, der ursprünglichen Eiweißquelle - manche ausschließlich, manche teilweise.

Und zu letzteren gehören tatsächlich auch wir Menschen. In unserem Genom finden sich nicht nur Spuren von drei urtümlichen Säugetier-Genen, die unseren Vorfahren die Verdauung von Insekten erlaubten. Wir alle verfügen auch über ein aktives Chitinase-Gen. Einfacher gesagt: Unser Verdauungssystem ist bis heute dafür ausgelegt, Insekten zu verarbeiten.

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Foto: SPIEGEL TV

pat

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