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Wissenschaft

Auf dem Meeresboden

Forscher erlauschen das Brummen der Erde

Selbst am tiefsten Meeresgrund herrscht keine Ruhe: Meeressäuger rufen, Schiffsschrauben dröhnen, Erdbeben wummern. Jetzt gelang es, einen erdeigenen Grundton herauszuhören.

REUTERS
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Donnerstag, 07.12.2017   16:19 Uhr

Mit zahlreichen Stimmen grummelt die Erde, allerdings unhörbar - elf Oktaven zu tief, um vom Menschen wahrgenommen zu werden. Erdbeben, Wind, Ozeane, Lawinen, Bergbau und anderer Trubel massiert den Boden, der vibriert wie ein Saiteninstrument.

Jener vielstimmige Klang ist unterlegt von stetem Brummen, gleichsam der Bassbegleitung in einer Jazzkapelle. Der unhörbare Ton liegt im Millihertz-Bereich, seine Schwingungen dauern rund 300 Sekunden - um ein Vielfaches länger als normale Töne.

Was das Grundgeräusch der Erde erzeugt, ist unklar; womöglich entsteht es in Folge der Drehung des Planeten.

Vereinzelt hatten es Forscher geschafft, das Brummen aufzuzeichnen: Mit hochempfindlichen Sensoren im Stollen eines Erzbergwerks im Schwarzwald etwa, tief unter der Erde, wo kein Lüftchen die Messungen stört.

Pioniere am Meeresboden

Jetzt gelang es Geophysikern um Martha Deen vom Paris Institute of Earth Physics nach eigenen Angaben, das Brummen der Erde auch erstmals am Meeresgrund aufzuzeichnen.

57 Erdbebensensoren lauschen dem Vibrieren der Erde am Boden des Indischen Ozeans, östlich von Madagaskar. Zwei Stationen stachen aufgrund der Genauigkeit ihrer Daten hervor, die Aufzeichnungen begeisterten Deen und ihre Kollegen.

Anhand der Datenkurven, die ein Durcheinander Dutzender Geräusche am Meeresboden dokumentierten, wollten die Geophysiker das Brummen demaskieren - ein widriges Unterfangen.

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Selbst am tiefsten Meeresgrund herrscht niemals Ruhe, Schallwellen wandern bis in größte Tiefe: Meeressäuger rufen, Schiffsschrauben brummen, Stürme wüten, U-Boote dröhnen, Sandlawinen rauschen, Erdbeben wummern. Den Grundton der Erde aus diesem Lärm zu filtern, erschien unmöglich.

Schiffsschrauben brummen

Diesmal gelang es anscheinend: Nachdem alle Lärmquellen eliminiert worden, sei in den Aufzeichnungen eine schwache Schwingung von rund 3,5 Millihertz übrig geblieben, berichten Deen und ihre Kollegen im Fachmagazin "Geophysical Research Letters".

Die Wellenfrequenz - sie ist tausende Male kleiner als hörbarer Schall - durchzog die gesamten Aufzeichnungen. Die Folgerung der Forscher: Es handele sich um das Brummen der Erde.Vergleiche mit Aufzeichnungen von Stationen an Land würden ihre These untermauern: Auch dort seien Schwingungen mit rund 3,5 Millihertz als das Erdbrummen identifiziert worden.

Geheimnisse ausplaudern

Die Wissenschaftler wollen den Klang der Erde nutzen, um dem Planeten Geheimnisse zu entlocken. Die Schwingungen sollen quasi das Innere durchleuchten: Sie durchlaufen den Planeten, wobei manche an Schichtgrenzen abprallen wie an einer Wand.

Die Hoffnung der Wissenschaftler: tief im Bauch der Erde verborgene Gesteine nachzuweisen. Das Brummen der Erde würde sozusagen ihre Geheimnisse ausplaudern.

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