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Wissenschaft

Grönland

Neuer Riesenkrater unter dem Eis entdeckt

Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit wollen Forscher in Grönland die Überreste eines gigantischen Meteoriteneinschlags gefunden haben. Es dürfte nicht die letzte Entdeckung dieser Art sein.

NASA/GSFC

Boden unter dem Eis Grönlands - der neue Impaktkrater liegt rechts oberhalb der Bildmitte

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Dienstag, 12.02.2019   15:35 Uhr

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Es gibt ein paar Stellen auf der Erde, an denen kann man gewissermaßen am eigenen Leib erfahren, welche Urgewalten beim Einschlag eines Meteoriten auftreten. Der Barringer-Krater in der Wüste von Arizona ist so ein Ort. Vor rund 50.000 Jahren ist hier ein hauptsächlich aus Eisen bestehender Brocken aus dem All auf die Erde gekracht. Mit etwa 45 Metern Durchmesser war er nicht wirklich groß. Doch wenn man am Rand des 1,2 Kilometer weiten und 180 Meter tiefen Loches steht, das er geschlagen hat, dann glaubt man die Wucht des damaligen Einschlags noch immer beinahe körperlich spüren zu können.

Andere, oft deutlich größere und weit ältere Einschlagkrater auf der Erde sind nicht so einfach zu erkennen. Sie verraten sich am ehesten auf Satellitenbildern so wie

Am Boden der Nordsee haben Forschende Hinweise auf einstige Einschläge entdeckt, unter dem Eis der Antarktis - und auch im frostigen Grönland. Ganz in der Nähe eines erst im vergangenen November öffentlich vorgestellten Einschlagkraters am Hiawata-Gletscher im Norwdesten der Insel wollen Wissenschaftler nun ein weiteres Exemplar gefunden haben. Im Fachmagazin "Geophysical Research Letters" berichtet eine Gruppe um Joseph MacGregor vom Goddard Space Flight Center in Greenbelt (Bundesstaat Maryland) von den Indizien, die darauf hindeuten.

"Aufregend, dass solche Entdeckungen noch möglich sind"

"Wir haben die Erde auf viele verschiedene Arten untersucht, vom Land aus, aus der Luft und aus dem Weltraum - es ist aufregend, dass solche Entdeckungen noch möglich sind", sagt MacGregor. Nach dem Fund des ersten Kraters hatte er sich gezielt Satellitendaten aus Grönland angesehen, in der Hoffnung auf weitere Funde.

Und tatsächlich ließen sich in den Messungen des "Modis"-Spektrometers auf den Nasa-Satelliten "Terra" und "Aqua" sowie im aus kommerziell erhältlichen Satellitendaten hergestellten Höhenmodell "ArcticDEM" Hinweise auf einen weiteren Einschlag finden. Radar- und Gravitationsmessdaten der mit Flugzeugen durchgeführten "Operation IceBridge" untermauerten den Verdacht.

Jonathan Bamber von der University of Bristol, der an den aktuellen Arbeiten nicht beteiligt war, aber mit seinem Team auch nach möglichen Einschlagkratern in Grönland sucht, lobt den Ansatz, aus Höhendaten von Satelliten auf die unter dem Eis liegenden Strukturen zu schließen. Könne man das mit Radarmessungen aus Flugzeugen kombinieren, sei es "ziemlich wahrscheinlich", dass auf diese Weise auch weitere interessante Strukturen gefunden werden könnten.

Auch Olaf Eisen vom Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, ebenfalls nicht mit der aktuellen Veröffentlichung befasst, lobt die Arbeit, nennt die Datengrundlage "plausibel" und die Interpretation "in Ordnung". Besonders verblüffend: Das nun entdeckte Gebiet liegt nur rund 180 Kilometer von der im November verkündeten Einschlagstelle entfernt, nicht weit entfernt von der einstigen, unter dem Eis verborgenen US-Militärbasis "Camp Century". Beide Krater scheinen auch eine vergleichbare Größe zu haben. Der neu entdeckte Krater soll einen Durchmesser von rund 35 Kilometern haben, das Exemplar unter dem Hiawata-Gletscher wird auf etwa 31 Kilometer geschätzt.

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Dass beide Krater auf dasselbe kosmische Ereignis zurückgehen, glauben MacGregor und seine Kollegen jedoch nicht. Als Argument führen sie unter anderem das Eis an, das über den jeweiligen geologischen Strukturen zu finden ist. Im Fall des zuerst entdeckten Hiawata-Kraters lautet die aktuelle Schätzung, dass es ungefähr in den letzten 12.000 Jahren ungestört war. Bei der neu entdeckten Formation geht das Team dagegen von mindestens 79.000 Jahren aus.

Zwillings-Krater aus anderen Teilen der Erde bekannt

Diese Angabe lässt sich nicht ohne weiteres in einen Einschlagzeitpunkt umrechnen - schließlich wäre es theoretisch auch möglich, dass beim Impakt zertrümmertes und durcheinander gewirbeltes Eis über die Jahre in den Arktischen Ozean abgeflossen ist und durch ungestörtes Eis aus dem Inneren der Insel ersetzt wurde.

"Die Fragen der Datierung sind besonders herausfordernd", sagt auch der Brite Bamber. Hinweise liefern unter anderem Simulationen zur Erosion der beobachteten Formationen - und hier kommen die Wissenschaftler beim aktuell entdeckten Krater sogar auf ein vermutetes Alter von 100.000 bis sogar einer Million Jahren.

Auch wenn die Hinweise überzeugend scheinen: Vollkommen sicher kann sich das Team übrigens noch nicht sein, dass die entdeckte Anomalie auch tatsächlich auf einen Einschlag zurückgeht. Doch die Indizien sprächen dafür: "Die einzige kreisförmige Struktur, die an so eine Größe herankäme, wäre eine eingestürzte vulkanische Caldera", sagt MacGregor. "Aber die Gebiete mit bekannter vulkanischer Aktivität in Grönland sind mehrere Hundert Kilometer entfernt."

Außerdem sollte bei einem vulkanischen Ursprung der geologischen Formation dort eine magnetische Anomalie messbar sein. Und das sei nicht der Fall gewesen, so MacGregor. "Die letzte Sicherheit fehlt", kommentiert sein AWI-Kollege Eisen. "Aber das hat das Team auch so dargestellt."

Und dass zwei nicht miteinander in Beziehung stehende Einschlagkrater in so großer Nähe lägen, möge zwar unwahrscheinlich erscheinen. Unbekannt sei das auf der Erde aber nicht. So kenne man Beispiele aus der Ukraine und Kanada. MacGregor sagt daher: "Insgesamt gesehen deuten unsere Belege darauf hin, dass die neue Struktur wahrscheinlich ein Einschlagkrater ist, aber aktuell sieht es unwahrscheinlich aus, dass es sich um einen Zwilling von Hiawata handelt."


Zusammengefasst: Innerhalb weniger Monate haben Forschende zum zweiten Mal Spuren unter dem Eis Grönlands entdeckt, die sie vermuten lassen, dass dort ein großer Meteorit eingeschlagen ist. Auch wenn die beiden Formationen noch nicht einmal 200 Kilometer auseinander liegen, geht das Team davon aus, dass es sich um zwei verschiedene Ereignisse gehandelt hat.

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