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Wissenschaft

Mehr Geld, weniger Pestizide

Umweltministerium fordert 100 Millionen Euro für Insektenschutz

Die Bundesregierung will Insekten besser schützen. Umweltministerin Schulze hat nun neue Vorschläge präsentiert. Nicht alle sind begeistert.

DPA

Hummel in Baden-Württemberg

Mittwoch, 10.10.2018   18:13 Uhr

Für den Schutz von Bienen und anderen Insekten will Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) künftig mehr Geld ausgeben und die Regeln fürs Düngen und den Einsatz von Pestiziden verschärfen.

Die Eckpunkte des geplanten Aktionsprogramms Insektenschutz hat das Kabinett schon verabschiedet. Am Mittwoch begann in Berlin die Debatte über Details. Unter anderem schlägt Schulze vor, den Insektenschutz, Forschung und Monitoring zusätzlich mit 100 Millionen Euro im Jahr zu fördern.

Bis zum 7. November kann jeder die Vorschläge online kommentieren. Das Programm muss mit dem Landwirtschaftsministerium abgestimmt werden, das etwa den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden regelt. Im Frühsommer 2019 soll das Kabinett das Programm endgültig beschließen.

Glyphosat: Nur, wenn es nicht anders geht

Schulze schlägt unter anderem vor, das Düngen von Ackerstreifen zu verbieten, die an wichtige Insektenlebensräume grenzen, und in anderen Gebieten das Düngen einzuschränken. In ökologisch besonders schutzbedürftigen Bereichen will das Ministerium Pestizide verbieten. Glyphosat solle nur noch zum Einsatz kommen, "wo und soweit dies absolut nicht anders geht".

Die Forderungen gehen über die von Landwirtschafts- und Umweltministerium gemeinsam beschlossenen Eckpunkte hinaus.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick

Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt hat.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenskonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.

Im September 2018 haben Forscher in einer Studie gezeigt, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten Wissenschaftler Glyphosat dagegen auf Platz 42 als im Vergleich am wenigsten toxisch.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Rund 70 Prozent der in Deutschland lebenden Tierarten sind Insekten. Sie sind wichtig für die Bestäubung von Pflanzen, als Nahrung für andere Tiere und insgesamt für das ökologische Gleichgewicht.

Die derzeit verfügbaren Daten wiesen auf einen gravierenden Verlust hin, sowohl im Hinblick auf die Artenzahlen als auch auf die Populationsgrößen, hieß es am Mittwoch in einer Stellungnahme von Experten, die das Umweltministerium und das Agrarministerium beraten. Mehr dazu lesen Sie hier.

Als Hauptursache gilt der Verlust von Lebensräumen und Nahrungsgrundlagen, etwa durch intensive Landwirtschaft und Bebauung.

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"Keinerlei Widerspruch"

Umweltschutzverbände begrüßten die Vorschläge. Der Naturschutzbund Nabu forderte Sofortprogramme. BUND, Umwelthilfe, der WWF und der Naturschutzring forderten die anderen Ministerien auf, Schulze zu unterstützten - insbesondere Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU).

Das Landwirtschaftsministerium sieht einer Sprecherin zufolge "keinerlei Widerspruch" beim Thema Insektenschutz. Man sei mit dem Umweltministerium im Gespräch.

Der Bauernverband (DBV) bekannte sich zwar auch zum Insektenschutz, zeigte sich aber kritisch: Die Vorschläge müssten "auch die ökonomischen Herausforderungen der Landwirtschaft berücksichtigen", sagte der DBV-Umweltbeauftragte Eberhard Hartelt. Zudem konzentrierten sich die Vorschläge zu sehr auf die Landwirtschaft und blieben in anderen Bereichen allgemeiner.

Den Grünen dagegen gehen die Vorschläge nicht weit genug. Sie seien "zu schwach und werden das Insektensterben nicht stoppen", sagte Steffi Lemke, die naturschutzpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag.

koe/dpa

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