Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

Schutz der Antarktis

Und manchmal knackt das Eis

Hilfsorganisationen buhlen um Promis, die für ihr Anliegen werben. Manche Promis nutzen die Initiativen, um ihr Image aufzupeppen. Oscar-Preisträger Javier Bardem ist jetzt zum Naturschützer geworden.

Foto: REUTERS
Aus Berlin berichtet
Dienstag, 20.02.2018   20:53 Uhr

Er kommt mit dem Schlauchboot zum Fototermin. Gut 40 Journalisten erwarten ihn am Anleger gleich neben dem S-Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. Ein Oscar-Preisträger in der Stadt während der Berlinale - da wird jede Geste gefilmt oder fotografiert. Die Auslöser der Fotokameras klicken.

Doch der spanische Schauspieler Javier Bardem ("Skyfall", "No Country for old Men") ist nicht wegen eines neuen Kinofilms nach Berlin gekommen, sondern für den Schutz der Antarktis. Er kämpft als Greenpeace-Botschafter für die Einrichtung eines riesigen Meeresschutzgebietes im Weddellmeer. Sieben Tage war er mit einem Forschungsschiff dort unterwegs und berichtet nun von seinen Erlebnissen.

Ein Filmstar zieht - das weiß auch Greenpeace

"Ich bin viel rumgekommen auf der Welt, aber noch nie hat mich etwas so überwältigt wie die Antarktis", sagt er. Bardem schwärmt von der Stille - die nur unterbrochen werde vom Knacken des Eises oder den Rufen der Tiere. Er habe Schlösser und Skulpturen aus Eis gesehen. "Die Region muss geschützt werden. Es ist kein Ort für Menschen, höchstens zum Erforschen."

Fotostrecke

Antarktis: Mit Käpt'n Bardem übers Weddellmeer

Dass Bardem zuerst nach Deutschland kommt, ist kein Zufall. Im Berliner Umweltministerium wurden die Pläne für das 1,8 Millionen Quadratkilometer große Schutzgebiet ausgearbeitet, die EU hat den Vorschlag der internationalen Antarktis-Kommission (CCAMLR) vorgelegt, die um eine Überarbeitung gebeten hat. Vielleicht wird der neue Antrag noch im Oktober 2018 eingereicht. Die Annahme ist allerdings ungewiss, weil mehrere Länder, darunter Russland und Norwegen, im Weddellmeer fischen möchten.

SPIEGEL ONLINE

Existierendes und geplantes Schutzgebiet in Antarktis

Greenpeace will das verhindern und sammelt bis Ende März in den Gewässern nahe der Antarktischen Halbinsel wissenschaftliche Belege dafür, dass die Region einen größtmöglichen Schutz braucht. Punktuell erfassen Wissenschaftler das Leben unter Wasser, bestimmen die Arten und versuchen nachzuweisen, dass es sich um besonders sensible Ökosysteme handelt, in denen Fischfang oder sonstige wirtschaftliche Nutzung keinesfalls stattfinden darf.

Die Antarktis ist weit weg von Europa - aber dank Javier Bardem ist die Pressekonferenz im Berliner Ensemble gut gefüllt. Ein Filmstar zieht - das weiß auch die Greenpeace-Campaignerin Sandra Schöttner. Mit wissenschaftlichen Fakten erreiche man nicht so viele Menschen, wichtig sei die emotionale Ansprache, sagt sie. Und dafür nutzt Greenpeace nun Bardem - er sorgt für die nötige Aufmerksamkeit.

Als er die Filmaufnahmen sieht, stehen ihm die Sorgen ins Gesicht geschrieben

"Es gibt ganz unterschiedliche Prominente, die sich für uns engagieren, jeder hat seine eigene Herangehensweise", erklärt Schöttner. Die einen machten es mit viel Humor, Javier Bardem sei sehr ernsthaft. "Wir hätten keinen besseren finden können", sagt sie. Die Antarktis-Kampagne mit ihm sei ein Riesenerfolg. "Wir hatten noch nie so schnell eine Million Unterschriften zusammen."

Bardem klopft auch immer wieder ein paar Sprüche, etwa über seine Fahrt mit dem U-Boot in 300 Meter Tiefe: "Ich wurde hauptsächlich darauf trainiert, bloß nichts anzufassen." Und wenn er sagt: "Ich bin für nichts ein Experte, aber ich war dort."

REUTERS

Oscar-Preisträger Javier Bardem

Ansonsten betreibt er sein Engagement für das Weddellmeer mit Ernsthaftigkeit. Als er die Filmaufnahmen seiner Expedition sieht, stehen ihm die Sorgen ins Gesicht geschrieben: "Ich werde in wenigen Wochen 49 und habe zwei Kinder. Wenn wir nicht handeln, werden sie uns irgendwann fragen: Warum habt ihr nichts getan?"

"Der Messenger stirbt, doch die Message bleibt"

Wie Bardem engagieren sich auch andere Hollywoodschauspieler und Popstars für Umweltschutz, Entwicklungshilfe oder erheben ihre Stimme gegen Armut und Gewalt. Leonardo DiCaprio kämpft für Klimaschutz, Angelina Jolie hat mit Ex-Partner Brad Pitt sogar eine eigene Stiftung gegründet, um gegen die Armut in unterentwickelten Regionen vorzugehen.

Es gibt Agenturen, die Promis an die am besten passende Hilfsorganisation vermitteln. Celebrity Philanthropie wird dieses Geschäftsfeld genannt - kurz Celanthropie. Die Webseite "Look to the Stars" listet die sozialen Engagements von mehr als 4000 "Celebrities" auf. George Clooney zum Beispiel kommt allein auf 36 sogenannte Charities.

AFP

Bardem als Greenpeace-Botschafter in Berlin

Aber es gibt auch den Vorwurf, dass Prominente vor allem deshalb aktiv werden, um ihr Image zu verbessern. Etwa wenn Kim Kardashian ins zerstörte Haiti reist. Javier Bardem kennt den Vorwurf, weist ihn aber zurück: "Ich habe nichts, was ich mit einem Engagement reinwaschen muss", sagt er. "Die Leute, die ich kenne, helfen, weil sie an eine Sache glauben." Er selbst sei nur der Botschafter, das Entscheidende sei jedoch die Botschaft. "Der Messenger stirbt, doch die Message bleibt."

Ministerin Hendricks und ihre Mitarbeiter sind bester Laune

Nach dem Pressetermin fährt Bardem zu Umweltministerin Barbara Hendricks, um mit ihr über das geplante Schutzgebiet in der Antarktis zu sprechen. Was die größten Hürden seien, will der Schauspieler wissen. Ob man die Bremser durch Gespräche überzeugen könne? Ob es im Oktober ein Happy End für das Weddellmeer gebe.

Ministerin Hendricks und ihre Mitarbeiter sind bester Laune. Ein Filmstar kommt nicht alle Tage ins Haus - und noch dazu einer wie Bardem, der die deutsche Regierung in höchsten Tönen lobt. Wer in der Umweltpolitik etwas erreichen wolle, brauche einen langen Atem, erklärt Hendricks. Womöglich werde sich die Debatte um das neue Schutzgebiet über mehrere Jahre hinziehen. "Es ist ein langer Prozess", sagt Hendricks. "Es kann sein, dass wir irgendwann zu spät kommen. Aber im Prinzip ist es zu schaffen."

Bardem ist zufrieden mit dem Tag in Berlin und gibt der Ministerin zum Schluss noch ein Versprechen ab: "Wenn das Schutzgebiet im Oktober beschlossen wird, verkleide ich mich als Pinguin."

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP