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Wissenschaft

Gefährlicher Hundeangriff

"Nur wenige können die Anzeichen richtig deuten"

Über die Einschläferung des Hundes Chico wird heftig gestritten. Warum greifen Hunde Menschen an? Die New Yorker Hundeforscherin Alexandra Horowitz erklärt, wie kritisches Situationen entstehen.

DPA

Pinscher-Terrier-Mischling (Archivbild)

Ein Interview von
Donnerstag, 12.04.2018   17:55 Uhr

In Hannover hat ein Staffordshire-Terrier-Mischling zwei Menschen getötet. Gegen seine Einschläferung regt sich nun Protest: Hunderttausende haben eine Petition dagegen unterschrieben.

Warum aber werden Hunde zu einer tödlichen Gefahr für ihren besten Freund, den Menschen? Alexandra Horowitz erforscht an der Columbia University in New York, wie Hunde die Welt und uns Menschen wahrnehmen.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Wie betrachtet ein Hund uns Menschen?

Horowitz: Hunde wurden von uns Menschen domestiziert. Wir haben die Tiere gezüchtet, die heute mit uns leben. Einige Hunde haben besondere Fähigkeiten. Sie reagieren aufmerksam auf Fremde, halten Herden zusammen, können Fährten erschnuppern. Aber für all diese Hunde sind wir Menschen Teil ihrer Familie.

SPIEGEL ONLINE: Warum greifen Hunde dann Menschen überhaupt an?

Horowitz: Es gibt nicht den einen Grund, warum ein Hund zubeißt. Abgesehen von tödlichen Attacken sind viele Bisse harmlos. Wenn ich mit meinen Hunden spiele, benutzen sie dabei auch ihr Maul. Das ist nicht die Art von "Biss", bei denen jemand zu Schaden kommt. Hunde sind sehr stark auf Kooperation mit uns Menschen gepolt. Sie beißen am ehesten zu, wenn sie Angst haben, von jemandem überrascht oder erschreckt werden oder sich direkt angegriffen fühlen. Sie beißen auch eher zu, wenn man sie darauf trainiert, andere Hunde anzugreifen, und wenn sie für aggressives Verhalten belohnt werden.

Im Video: Hundepsychologie - Kontrollverlust am anderen Ende der Leine

Foto: SPIEGEL TV

SPIEGEL ONLINE: Für wen besteht besondere Gefahr?

Horowitz: Kinder verhalten sich aus Sicht eines Hundes oft unberechenbar: Sie tauchen plötzlich auf, greifen zu, wollen das Tier umarmen, an ihm ziehen oder es necken. Hunde können dann mit ihrem Maul antworten. Aber generell kann man nicht sagen, dass eine bestimmte Personengruppe besonders gefährdet ist.

SPIEGEL ONLINE: Warnen Hunde, bevor sie zubeißen?

Horowitz: Ein Angriff kommt nicht aus dem Nichts. Hunde geben tatsächlich Warnzeichen ab. Sie zeigen zum Beispiel Unwohlsein, sie knurren oder fletschen die Zähne. Sie ziehen sich zurück, schauen weg, versuchen, der Situation aus dem Weg zu gehen. Sie hecheln schneller. Es gibt viele solche Anzeichen. Aber nur wenige Menschen können sie richtig deuten. Eigentlich sollte das jeder Hundebesitzer können. Denn wenn man die Signale von Hunden beachtet, kann ein Biss oft vermieden werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Urahnen der Hunde, die Wölfe, leben in Rudeln. Muss sich ein Hundebesitzer seinen Platz im Rudel erkämpfen, um vom Hund respektiert zu werden?

Horowitz: Hunde und auch Wölfe leben im Familienverband. Bei Hunden, die als Haustiere gehalten werden, gehören wir Menschen zur Familie des Hundes. Es ist, wissenschaftlich gesehen, Nonsens, dass ein Mensch kämpfen muss, um vom Hund respektiert zu werden. Die Hunde betrachten uns als Mitglied ihrer Familie - so wie wir auch Hunde als Teil der Familie wahrnehmen.

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