Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

Niedersachsen

Wölfe töten Pferd, Streit über Abschuss

Herden mit großen Nutztieren können sich vor Angriffen schützen, heißt es. Doch in Niedersachsen hat ein Rudel Wölfe ein Pferd getötet. Nun streiten Anwohner und Naturschützer um den Abschuss des Leitwolfs.

DPA
Donnerstag, 14.02.2019   12:17 Uhr

Es war nicht viel, was die Wölfe vom kleinen Isländerpferd Snót übrig gelassen hatten. Hinten auf der Weide lag der Kadaver: abgenagte Rippen und Beinknochen, nur der Kopf der acht Monate alten Stute war noch vollständig. Arnar Halldorsson, gebürtiger Isländer vom Gestüt Hrafnsholt in Nöpke, Niedersachsen, erlitt einen Schock, als er die Überreste fand, sagt er.

Mitte Februar hatte der Hof für Islandpferde nördlich von Hannover dann die offizielle Bestätigung: Für den Tod des gut 100 Kilo schweren Jungtiers war tatsächlich ein Wolf verantwortlich. Es könnte der Rüde mit der Kennung GW 717m gewesen sein. Für den Abschuss des Tieres hat das niedersächsische Umweltministerium bereits eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung erteilt hat. Nur dann dürfen in Deutschland problematische Tiere, die eigentlich streng geschützt sind, getötet werden.

Als die Wölfe kamen, hatten zehn Pferde auf der Weide gestanden. "Sie waren danach komplett erschöpft und legten sich hin, als wir da waren und sie sich sicher fühlten", erzählt Halldorsson. Jetzt stehen sie auf einer Koppel näher am Hof.

Die Fakten zum Wolf in Deutschland

Unter den Nutztieren reißen Wölfe vor allem Schafe und Ziegen. Lange hieß es, dass Herden von großen Tieren sich selbst gegen Wolfsangriffe schützen könnten. Doch das sogenannte Rodewalder Rudel von Wolf GW 717m greift seit dem Frühjahr 2018 immer wieder Rinder und zuletzt mehrere Pferde und Ponys an. Auch ein aus den südamerikanischen Anden stammendes Alpaka fiel ihm schon zum Opfer. Betroffen sind Teile des Landkreises Nienburg, des Heidekreises und der Region Hannover.

Fotostrecke

Wolfsangriff in Niedersachsen: Rüde auf der Abschussliste

Seit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland führen Gegner und Befürworter einen erbitterten Streit. Rüde GW 717m wird von Wolfsschützern in sozialen Medien Roddy genannt. Naturschutzvereine legten Einspruch gegen die Abschussgenehmigung des Landes ein - jetzt ist das Verwaltungsgericht Oldenburg am Zug.

Das niedersächsische Umweltministerium äußert sich nicht dazu, wie es demnächst GW 717m aufspüren will, sollte das Verwaltungsgericht dafür grünes Licht geben. Der bundesweit erste Wolf, der im April 2016 ebenfalls in Niedersachsen mit behördlicher Genehmigung erschossen wurde, hatte einen Sender getragen. Schon damals hatte es Proteste gegen die Tötung des Kurti getauften jungen Wolfes gegeben. Er war in der Lüneburger Heide mehrfach Menschen sehr nahe gekommen. Und erst kürzlich wurde in Schleswig-Holstein der Abschuss eines Wolfes genehmigt, der häufiger über Zäune geklettert war.

SPIEGEL ONLINE

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) Niedersachsen fragt, warum nicht erst versucht wurde, den Leitwolf zu vergrämen oder mit einem Sender auszustatten. Möglicherweise müssten auch Rinderherden mit wolfsabweisenden Zäunen ausgestattet werden, meinen Naturschützer.

Etwa zehn Kilometer nordöstlich des Isländergestüts in Nöpke liegt Rodewald. Schon vor über 70 Jahren sorgte hier ein Wolf für Aufsehen. Der "Würger vom Lichtenmoor" - so der Titel einer Zeitungsserie - wurde im August 1948 nach Dutzenden Rinderrissen von einem Bauern erschossen. Sein präparierter Kopf hängt im Heimatmuseum. Gisela Weier vom Heimatverein hat sich intensiv mit diesem Wolf beschäftigt. "Damals hatten die Menschen eine Riesenangst, Frauen mussten allein ins Moor gehen, um die Kühe zu melken", erzählt sie. Um den Wolf zu finden, sei eine Treibjagd mit tausend Teilnehmern veranstaltet worden.

Im Video: Ein Raubtier mit Imageproblem

Foto: SPIEGEL TV

In Rodewald berichten Einwohner davon, in der Dämmerung Wölfe gesehen zu haben. Den örtlichen Waldkindergarten zäunten Eltern im Herbst aus Sorge um ihre Kinder ein. "Der größte Teil der Menschen hier würde sich besser fühlen, wenn es das Rudel nicht gäbe", meint Weier. Persönlich habe sie gar keine Angst vor dem Wolf, sagt sie. Sie fragt sich, warum nicht alle Welpen in Niedersachsen mit Sendern ausgestattet werden: "Es ist nicht damit getan, dass der Rüde abgeschossen wird."

Das glaubt auch Herbert Ólason, der Leiter des Isländergestüts. Das Tier habe sein Wissen schon an die Welpen weitergegeben."Es ist leichter, in eingezäunten Wiesen Beute zu fangen als in der Wildnis."

Von Christina Sticht, dpa/joe

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP