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Wissenschaft

Ostseefischerei

Fangquoten sinken um bis zu 56 Prozent

Schmerzhafte Quotenreduzierung? Zwar dürfen die Ostseefischer künftig deutlich weniger Dorsche fangen. Aber die neue EU-Entscheidung wird von Umweltschützern dennoch als zu lasch kritisiert.

DPA

Dorsche aus Schleswig-Holstein in einer Kiste mit Eis

Dienstag, 11.10.2016   14:22 Uhr

Vor allem um die Fangmengen des beliebten Speisefischs Dorsch hatte es Diskussionen gegeben - nach langen Verhandlungen hat die EU nun die Ergebnisse verkündet:

Demnach dürfen die Fischer im kommenden Jahr deutlich weniger Dorsch aus der Ostsee ziehen. Im Westen sinkt die Fangmenge um 56 Prozent gegenüber 2016, in der östlichen Ostsee um 25 Prozent, hieß es aus dem EU-Fischereiministerium in Luxemburg.

Christian Schmidt (CSU), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, sprach von einer "schmerzhaften, aber angesichts der Bestandssituation erforderlichen Quotenreduzierung". Die Dorschbestände in der Ostsee sind ausgelaugt. Aber auch für viele Ostseefischer geht es um die berufliche Existenz.

Deutsche Fischer können damit nach Angaben von Diplomaten in der westlichen Ostsee 2017 insgesamt 1194 Tonnen Dorsch fangen (von 5597 Tonnen insgesamt), im Osten 2820 Tonnen (von 30.857 Tonnen).

Abwrackprämien für Kutter

Schmidt erklärte: "Die Bestände werden sich weiter erholen können, und unsere Ostseefischer haben eine wirtschaftliche Perspektive." Abwrackprämien für Fischer, die Kutter aufgeben oder vorübergehend stilllegen, sollten weiter gezahlt werden.

Unter dem Strich kürzen die EU-Staaten die Fangmengen deutlich weniger, als von der EU-Kommission vorgeschlagen. Diese wollte die Quote im Westen um 88 Prozent senken. EU-Fischereikommissar Karmenu Vella beschrieb die Verhandlungen als sehr schwierig. Allerdings bewege sich die EU mit den vereinbarten Quoten noch im Rahmen der Empfehlungen von Wissenschaftlern.

Die Minister schreckten angesichts der Nöte der Ostseefischer zwar vor äußerst drastischen Kürzungen zurück. Sie einigten sich aber auf zusätzliche Auflagen. So gibt es auch für Freizeitfischer, die inzwischen ähnlich viel Dorsch aus der Ostsee holen wie gewerbliche Fischer, im kommenden Jahr Obergrenzen.

Höchstens drei Dorsche pro Tag

In der Laichsaison im Februar und März dürfen sie höchstens drei Dorsche pro Tag angeln, im Rest des Jahres fünf. Kommerzielle Fischer dürfen im Februar und März in der westlichen Ostsee acht Wochen lang keinen Dorsch fangen - zwei Wochen mehr als bislang.

Unsere Fische

Seelachs
Deutsche See Fischmanufaktur

Er hat graues Fleisch und ist deshalb nur in Deutschland beliebt, daher ist Seelachs nicht überfischt.
Seezunge
Um sie in die Fangnetze zu scheuchen, wird der Meeresboden mit Ketten durchpflügt. Die Hälfte eines Fangs wird zurückgeworfen, meist tote Babyschollen.
Scholle
DPA

Sie wird meist gemeinsam mit der Seezunge gefangen. Wegen der rabiaten Fangtechnik und der engen Netzmaschen gehen zahlreiche Jungtiere ins Netz.
Dorsch/Kabeljau
Corbis

In der westlichen Ostsee überfischt, in der östlichen Ostsee erholen sich die Bestände. In der Nordsee ist der Bestand so stark dezimiert, dass Forscher immer wieder einen Fangstopp forderten – erfolglos.
Hering
AP

In der westlichen Ostsee stark dezimiert. Die erlaubten Fangmengen wurden gerade um 30 Prozent reduziert. Dem Nordsee-Hering geht es dank niedriger Quoten besser.
Sprotte
In der Ostsee leicht überfischt. Sie wird zu Fischmehl verarbeitet und an Zuchtlachs verfüttert. Für ein Kilo Lachs werden drei bis fünf Kilo Sprotten gebraucht.
Lachs
DPA

Frei lebende Lachse sind so selten wie nie zuvor. Die weltweite Produktion in Aquakulturen übersteigt die Fangmengen aus dem Nordatlantik um das Tausendfache.

Umweltschutzorganisationen haben die Entscheidung zur Absenkung der Quoten als nicht ausreichend kritisiert. Erneut hätten sich die EU-Fischereiminister bei der Quotenvergabe den Interessen der Fischereiindustrie gebeugt, sagte der Greenpeace-Fischereiexperte Thilo Maack. Damit werde weder dem Dorschbestand noch der Ostseefischerei ein Gefallen getan. Mit dem weiteren Absinken des Bestands in der westlichen Ostsee würden auch die Fischereierträge sinken.

Bei anderen Fischbeständen können die Fischer sich über Zuwächse bei den Quoten freuen.

Beim Lachs ändert sich wenig: Für 2017 ist erneut eine Fangmenge von 95.928 Tonnen vorgesehen, nur im Golf von Finnland im äußersten Osten gibt es eine Kürzung um ein Fünftel.

Die EU-Staaten handeln jedes Jahr die Fangmengen für das kommende Jahr untereinander aus. Nach den Ostseequoten im Oktober steht im Dezember die Entscheidung über die Fangmengen in der Nordsee und im Atlantik an. Grundlage für die Verhandlungen sind Vorschläge, die die EU-Kommission auf Grundlage wissenschaftlicher Gutachten macht.

joe/dpa

insgesamt 24 Beiträge
i.dietz 11.10.2016
1. Abwägung zwischen 0 Besatz und arbeitslose Fischer
Überall brechen ganze Industriezweige, Branchen, etc. weg - überall wachsen die Zahlen der Arbeitslosen - wenn aber keine Quote für Fische konsequent gesetzt und eingehalten werden, nützt das NIEMAND ! Am allerwenigsten [...]
Überall brechen ganze Industriezweige, Branchen, etc. weg - überall wachsen die Zahlen der Arbeitslosen - wenn aber keine Quote für Fische konsequent gesetzt und eingehalten werden, nützt das NIEMAND ! Am allerwenigsten den Fischern ! Merke: man kann den Kuchen nur ein mal verteilen !
dasdondel 11.10.2016
2. Allerdings
---Zitat--- Allerdings bewege sich die EU mit den vereinbarten Quoten noch im Rahmen der Empfehlungen von Wissenschaftlern. ---Zitatende--- Tatsächlich ? Wie lauten diese Empfehlungen ? Bitte den Link zur ICES nicht [...]
---Zitat--- Allerdings bewege sich die EU mit den vereinbarten Quoten noch im Rahmen der Empfehlungen von Wissenschaftlern. ---Zitatende--- Tatsächlich ? Wie lauten diese Empfehlungen ? Bitte den Link zur ICES nicht vergessen.
Celegorm 11.10.2016
3.
Jein, für den östlichen Bestand liegt die Quote klar über der Fangempfehlung (maximal 26 994t), beim westlichen hingegen unter der Grenze für nachhaltige Fangmengen. Angesichts der Unsicherheit kann man wohl in beiden [...]
Zitat von dasdondelTatsächlich ? Wie lauten diese Empfehlungen ? Bitte den Link zur ICES nicht vergessen.
Jein, für den östlichen Bestand liegt die Quote klar über der Fangempfehlung (maximal 26 994t), beim westlichen hingegen unter der Grenze für nachhaltige Fangmengen. Angesichts der Unsicherheit kann man wohl in beiden Fällen sagen, dass es nicht völlig aus dem Rahmen fällt, andererseits ist angesichts des Zustands v.a. des westlichen Bestands das Signal nicht wirklich glücklich. Was aber so oder so vergessen geht, dass die Fischerei nur ein Faktor ist und nicht zwingend der Wichtigste. Die Ökosystem-Dynamik in der Ostsee verläuft stark von unten nach oben und wird primär vom Zufluss von Nordsee-Wasser getrieben. Wie akzeptabel oder schädlich die jetzigen Quoten sind hängt darum auch davon ab, wie sich die Umweltbedingungen entwickeln..
_gimli_ 11.10.2016
4.
Die Realität sieht so aus, dass die Wissenschaft eine Reduzierung um 88% empfohlen hatte, nun aber entgegen diese Empfehlung nur 56% beschlossen wurden. Die Berufsfischer dürfen also 5597 Tonnen statt 1524 Tonnen fangen. Im [...]
Die Realität sieht so aus, dass die Wissenschaft eine Reduzierung um 88% empfohlen hatte, nun aber entgegen diese Empfehlung nur 56% beschlossen wurden. Die Berufsfischer dürfen also 5597 Tonnen statt 1524 Tonnen fangen. Im Gegenzug wurde für alle Angler ein Fanglimit von 3-5 Fischen pro Tag festgelegt. Man killt also faktisch die Berufsgrundlage für alle Gewerbetreibenden, die vom Angeltourismus abhängen zugunsten eines Berufszweigs, der eh absehbar tot ist, weil er weiterhin über die vertretbaren Maße hinaus Dorsche entnimmt. Und dann wundert man sich, dass die Leute über die Politik in diesem Land den Kopf schütteln. Dazu kommt übrigens noch die Tatsache, dass sich z.B. dänische Fischer gegen die ihnen zugedachten Quoten zur Wehr setzen. Als Fazit darf man davon ausgehen, dass der Dorschbestand weiter zusammenbrechen wird, die Angler und die am Angeltourismus hängenden Branchen aber u.a. wegen einer grottenschlechten Interessenvertretung die Rechnung bezahlen.
moinmoin 11.10.2016
5. Die Angler wieder
Ich finde es ja echt interessant, das Angler ähnlich viel Dorsch fangen, wie kommerzielle Fischer. Kennt jemand die Studie dazu? Mein gesunder Menschenverstand sagt, das kann doch nicht wahr sein.
Ich finde es ja echt interessant, das Angler ähnlich viel Dorsch fangen, wie kommerzielle Fischer. Kennt jemand die Studie dazu? Mein gesunder Menschenverstand sagt, das kann doch nicht wahr sein.

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