Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

Internationale Raumstation

Was ein Außeneinsatz an der ISS mit Tierschutz zu tun hat

Zwei Kosmonauten montieren eine neue Antenne an die Internationale Raumstation ISS. Sie soll helfen, vor Erdbeben zu warnen, Epidemien zu verfolgen und Tiere zu schützen - aber wie?

MPI für Ornithologie/MaxCine/dpa

Vermessung der Icarus-Antennenanlage

Donnerstag, 09.08.2018   18:38 Uhr

Wenn zwei Kosmonauten am 15. August 2018 die Internationale Raumstation ISS verlassen, werden deutsche Forscher jede Bewegung gespannt verfolgen.

In einem rund siebenstündigen Außeneinsatz wollen Oleg Artemjew und Sergej Prokopjew einen Mast samt Antenne an die Außenhülle des russischen ISS-Moduls montieren. Die Anlage ist das Herzstück von Icarus - einem umfangreichen Projekt, in dem das Verhalten von Tieren weltweit erforscht werden soll.

Forscher statten Tiere dazu mit Mini-Sendern aus. So wollen sie die Wanderungen von Zugvögeln verfolgen und zum Schutz der Arten beitragen. Zudem soll Icarus - so die Hoffnung - in Zukunft als Frühwarnsystem für Epidemien und auch für Naturkatastrophen wie Erdbeben und Vulkanausbrüche dienen.

Schon lange gibt es Berichte, dass Tiere vor solchen Ereignissen unruhig werden - etwa Ziegen, die sich am Ätna auf Sizilien vor Eruptionen auffällig bewegen. Diesen vermeintlichen siebten Sinn wollen Forscher mithilfe von Icarus nutzen. Aus der Schwarmintelligenz von Tieren könne der Mensch grundlegend neue Erkenntnisse gewinnen, sagt Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell.

MEHR ZUM THEMA

100.000 Sender sollen verteilt werden

Die Forscher wollen etwa Papageien in Nicaragua in der Nähe eines Vulkans beobachten, Ziegen im Erdstoß-geplagten Mittelitalien besendern und Bären als Erdbebenwächter auf der ostrussischen Halbinsel Kamtschatka nutzen. "Wir fangen jetzt damit an, Tiere an Orten zu besendern, wo Naturkatastrophen auftreten", sagt Icarus-Koordinatorin Uschi Müller.

Mehr zum Thema

Zunächst sind 1000 Sender geplant, die Zahl soll rasch steigen. "Letztlich wollen wir 100.000 tierische Spürhunde für die Menschheit", sagt Wikelski. "Wenn wir all diese Informationen kombinieren, erhalten wir ein völlig anderes und neues Verständnis vom Leben auf diesem Planeten."

Sender mit sechs Sensoren

Mit dem für Anfang 2019 geplanten Betrieb enden fast zwei Jahrzehnte der Vorbereitung. Kurz nach der Jahrtausendwende hatte Wikelski die Projektidee bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa vorgestellt - und war abgeblitzt, die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos war aufgeschlossener. Als Namen wählte Wikelski Icarus - als Kürzel für International Cooperation for Animal Research Using Space.

Beteiligt sind neben Roskosmos vor allem die Max-Planck-Gesellschaft, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Universität Konstanz. Die deutschen Partner finanzieren die Entwicklung der Technik, die Russen kümmern sich um den Transport und die Installation im All.

Entscheidend für die Forschung sind eigens entwickelte Mini-Sender, die sogar größeren Singvögeln wie etwa Amseln rucksackartig auf den Rücken geschnallt werden können (eine Reportage über das Amsel-Projekt lesen sie hier). Sie wiegen etwa fünf Gramm, sind zwei Kubikzentimeter groß, haben eine 15 Zentimeter lange Drahtantenne und eine Speicherleistung von 500 Megabyte.

MPI für Ornithologie/MaxCine/dpa

Amsel mit Sender

Neben einer Solarzelle und einer Batterie enthalten sie sechs Sensoren. Die Sender übermitteln nicht nur die Position des Tiers, sondern auch seine Beschleunigung, die Ausrichtung zum Magnetfeld der Erde, die Umgebungstemperatur sowie Luftdruck und Feuchtigkeit.

Die ISS umkreist die Erde 16 Mal pro Tag. Mithilfe der Antenne liest sie dabei auf der Oberfläche einen etwa 800 Kilometer breiten Streifen aus. Durch ihre Flugbahn erfasst sie ungefähr die Fläche zwischen den beiden 56. Breitengraden - also zwischen Kopenhagen und Moskau im Norden und Feuerland im Süden. Nähert sie sich einem Sender, sendet der ein kleines Datenpaket hoch.

Mit Flughunden das Ebola-Virus verfolgen

Das Icarus-System auf der ISS kann alle drei Sekunden Signale von etwa 120 Sendern empfangen. Es leitet die Informationen weiter an die Bodenstation, von dort gehen sie an die jeweiligen Forscherteams. Die 500 Euro teuren Sender halten voraussichtlich etwa zwei bis drei Jahre.

Das Verhalten der Tiere ist dennoch schwer zu interpretieren. Wird eine Ziegenherde am Ätna unruhig, weil ein Ausbruch bevorsteht oder weil ein Wolf in der Nähe ist?

Dass auch die Medizin von dem Projekt profitieren kann, soll Wikelskis eigene Forschung zeigen. Der Biologe will in Afrika Flughunde besendern, die in riesigen Schwärmen über den Kontinent ziehen.

Christian Ziegler/MPI für Ornithologie/MaxCine/dpa

Martin Wikelski mit besendertem Flughund

Die Tiere übertragen nach Meinung vieler Forscher das Ebolavirus, etwa wenn Menschen ihr Fleisch essen. Im Falle einer Ebolaepidemie könnte man, so die Hoffnung, anhand der Wanderungsbewegungen der Fledertiere ermitteln, wo der jeweilige Erreger herstammt - und so die bislang unbekannten Ebolareservoire aufspüren.

Es gibt trotzdem noch ein Problem mit Icarus: Die Zukunft der ISS ist bislang nur bis 2024 gesichert. "Ob andere Länder bis zum Jahr 2024 aussteigen, ist nicht so wichtig", sagt Wikelski. "Die Russen wollen die Raumstation bis 2028 betreiben."

jme/dpa

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP