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Wissenschaft
Knochensplitter

Evolution

Forscher widersprechen Dino-Abstammung der Vögel

Stephen A. Czerkas

Fossil des Scansoriopteryx: Fälschlich den Dinosauriern zugeordnet?

Von
Montag, 14.07.2014   09:20 Uhr

Sind unsere Vögel doch keine direkten Nachfahren der Dinosaurier? Paläontologen kommen nach Analyse eines umstrittenen Fossils zu diesem Schluss. Die Studie belebt auch einen alten Streit: War die Entwicklung des Flugs ein Aufstieg - oder ein gebremster Fall?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe mich in den letzten Jahren an den Gedanken gewöhnt, dass Vögel die Nachfahren flinker, zweibeinig laufender Raubsaurier sein sollen. In den letzten 25 Jahren hat sich die Theorie weitgehend durchgesetzt, dass der Vogelflug von gefiederten kleinen Räubern entwickelt wurde, die Federn erst anders nutzten (Wärmeisolation, Balzverhalten) und deren tragende Eigenschaften schließlich als evolutionären Vorteil "entdeckten".

Die meisten Forscher gehen heute davon aus, dass der gefiederte Flug möglicherweise mehrfach entwickelt wurde, letztlich aber nicht der Gleitflug vom Baum herab, sondern das aktive Abheben vom Boden zur evolutionär erfolgreichen Entwicklungslinie der Vögel geführt habe. Stephen Czerkas vom Dinosauriermuseum in Blanding, im US-Bundesstaat Utah, und Alan Feduccia von der University of North Carolina widersprechen all dem nun im Fachmagazin "Journal of Ornithology".

Sie haben sich das Fossil eines Scansoriopteryx (wahrscheinlich synonym mit Epidendrosaurus) aus den chinesischen Daohugou-Schichten mit neuen Methoden angesehen. Scansoriopteryx ("kletternder Flügel") wurde Anfang der Neunziger ausgegraben und 2002 erstmals wissenschaftlich beschrieben und klassifiziert: Fucheng Zhang von der Chinese Academy of Sciences in Peking und Kollegen ordneten das zierliche, nur sperlingsgroße Tier den Coelurosauriern zu.

Damit wurde Scansoriopteryx zum Teil der Indizienkette, die Vögel als letzten Abkömmling der Coelurosaurier interpretieren. Dieser inzwischen weitgehend den wissenschaftlichen Konsens repräsentierende Meinung zufolge entwickelten sich Vögel direkt aus den kleinen Maniraptora, für deren Federkleid es inzwischen zahlreiche fossile Belege gibt.

Die Baum-Boden-Frage

Nach digital-mikroskopischen Untersuchungen der Knochen von Scansoriopteryx, die Czerkas und Feduccia nutzten, um eine erste 3D-Visualisierung des Skeletts zu schaffen, kamen die Forscher jedoch zu einem ganz anderen Schluss: Scansoriopteryx, argumentieren sie, mag ja ein Vogel-Vorfahr gewesen sein. Nur ein Dinosaurier war er nicht, behaupten sie: Die Klassifizierung als Coelurosaurier sei falsch, in Wahrheit habe es sich bei Scansoriopteryx um einen Vertreter der Archosaurier gehandelt.

Archosaurier sind eine Gruppe innerhalb der Wirbeltiere, die vor der Entwicklung der Dinosaurier steht, sie gehören zu deren direkten Vorfahren. Auch Dinosaurier sind deshalb Teil dieser Gruppe, aber eben nicht jeder Archosaurier ist deshalb ein Dinosaurier. Heutige Vertreter dieser Gruppe sind beispielsweise Krokodile - und wenn Czerkas und Feduccia recht hätten, wären diese nun die nächsten Verwandten der Vögel, und nicht etwa Dinosaurier.

Wenn aber Vögel Nachfahren von Archosauriern seien, stellt das laut Czerkas und Feduccia auch die These von der Entstehung des Vogelflugs erneut infrage. Scansoriopteryx, davon geht man aus, war einer dieser an Armen und Beinen gefiederten kleinen Gleiter, die Baumstämme emporkletterten und sich von dort herabstützend segelnd fortbewegten und jagten. Der Vogelflug habe sich also nicht über "laufende Formen" entwickelt, sondern sei "arboreal" entstanden - also vom Baum herab.

Stephen A. Czerkas

Rekonstruktion: Scansoriopteryx mit angedeuteten Arm- und Beinschwingen

All das leiten die Paläontologen daraus ab, dass die Detailuntersuchung des Scansoriopteryx ein "Fehlen grundlegender Dinosaurier-Eigenschaften" gezeigt habe, zugleich aber deutlich ursprünglichere Nichtdinosaurier-Eigenschaften, im Verbund mit "vogelartigen Ausprägungen". Scansoriopteryx sei folglich kein Dinosaurier, sondern ein Archosaurier auf dem Weg zum Vogel gewesen.

Ist die These von der Dino-Abstammung der Vögel damit vom Tisch? Wenn Czerkas und Feduccia recht haben, wirft es zumindest neue Fragen auf. Die "Boden oder Baum"-Frage ist noch lange nicht geklärt: Der fossile Befund hat in den letzten Jahren sowohl kleine, bodenjagende Theropoden mit Flügelansätzen erbracht, als auch Maniraptora, die offenbar eher baumbewohnende Gleiter waren.

Ring frei zur nächsten Runde?

Falls Scansoriopteryx wirklich ein Archo- und kein Dinosaurier gewesen sein sollte, heißt das noch nicht, dass das auch für andere Vogelahn-Kandidaten gegolten haben muss - dieser Nachweis wäre noch zu führen. Die Studienautoren führen hier erste Indizien an, die auch andere bisher als Dinosaurier verortete Spezies wie Microraptor infrage stellen: Sie halten etwa Merkmale des Hüftgelenks dieses kleinen Fliegers für Hinweise darauf, dass auch der ein Archo- und kein Dinosaurier gewesen sein könne.

Czerkas und Feduccias Studie ist also auf jeden Fall neues Futter für eine traditionsreiche Debatte. Die Diskussion über die Vogel-Herkunft ist eine der längsten und hitzigsten in der Geschichte der Paläontologie. Als erster sinnierte schon im Jahr 1858 der Evolutionstheoretiker Alfred Russel Wallace darüber. Zehn Jahre später war sich Thomas Henry Huxley da schon sehr sicher: Er verglich Archaeopteryx mit Compsognathus und konstatierte, dass Vögel aus kleinen Theropoden hervorgegangen sein müssten.

Noch aber fehlten fossile Belege dafür, dass Theropoden irgendwann Federn entwickelt hatten. Auch John Ostrom, der die Theorie ab Mitte der Sechziger mit Vergleichen der Merkmale von Vögeln und Theropoden belebte, musste bis Mitte der Neunziger warten, bis eine wahre Flut von gefiederten Fossilien in China gefunden wurde.

Spätestens seitdem ist es auch unter den meisten Paläontologen Konsens, dass Vögel das sind, was von der so arten- und formenreichen Gruppe der Dinosaurier übrig geblieben ist. Für die vehementesten Fürsprecher dieser These sind die Dinos darum nie ausgestorben - sie fliegen noch heute.

insgesamt 12 Beiträge
white eagle 14.07.2014
1.
Die falsche Fragestellung Eine direkte Abstammung kann es so oder so, nicht geben. Der allein vordergründige Blick, dem die Naturwissenschaft verpflichtet ist (um als solche zu gelten) verstellt den Blick auf die tieferen [...]
Die falsche Fragestellung Eine direkte Abstammung kann es so oder so, nicht geben. Der allein vordergründige Blick, dem die Naturwissenschaft verpflichtet ist (um als solche zu gelten) verstellt den Blick auf die tieferen Dimensionen aus denen sich aus der Ganzheit neue Entwicklungsimpulse ergeben. Das, was die Wissenschaft Zufall nennt, ist in Wahrheit das in Erscheinungtreten tieferer Dimensionen. Wer einen kleinen Einblick in eine ganzheitlich wissenschaftliche Sicht gewinnen möchte, kann damit einen guten Anfang machen. Vom Sinn des Kosmos (http://geheimnisdesmenschen.blogspot.de/search/label/Vom Sinn des Kosmos).
Don Pedro 14.07.2014
2. Aha..
Also, ein anderer Blick auf ein Thema ist ja immer interessant. Aber der Link ist so hilfreich wie einer zu Google.. Bitte präzise oder gar nicht.. Einfach nur irgendeine Esoterik Seite verlinken hilft niemandem.. Schade..
Also, ein anderer Blick auf ein Thema ist ja immer interessant. Aber der Link ist so hilfreich wie einer zu Google.. Bitte präzise oder gar nicht.. Einfach nur irgendeine Esoterik Seite verlinken hilft niemandem.. Schade..
cetonia 14.07.2014
3.
white eagle öffnet uns den Blick in tiefere Dimensionen. Um genau zu sein, in GANZ tiefe! Sagen wir mal, Dimension "minus 6,84". Könnten Czerkas und Feduccia eventuell erklären, weshalb die "arboreale [...]
white eagle öffnet uns den Blick in tiefere Dimensionen. Um genau zu sein, in GANZ tiefe! Sagen wir mal, Dimension "minus 6,84". Könnten Czerkas und Feduccia eventuell erklären, weshalb die "arboreale Lebensweise" keine natürliche und seinerzeit somit evolutiv notwendige Erweiterung der "laufenden Lebensweise" sein soll? Na gut, dann hat es eben Krokodile gereget und ein paar davon sind in den Bäumen hängen geblieben...
Whywolf Princess 14.07.2014
4.
Immer schön, wenn Wissenschaftler meinen /den/ einen Fund gemacht zu haben mit dem sich alles ändert. Konvergente Entwicklungen, oder gar Fehler bei der Auswertung des Fossils werden einfach nicht berücksichtigt. Man muss ja [...]
Immer schön, wenn Wissenschaftler meinen /den/ einen Fund gemacht zu haben mit dem sich alles ändert. Konvergente Entwicklungen, oder gar Fehler bei der Auswertung des Fossils werden einfach nicht berücksichtigt. Man muss ja von sich reden machen. Was natürlich trotz allem nicht ausschließt das unsere heutigen Vögel näher mit Archosauriern verwandt sind als mit Maniraptora. Aber das mit einem Fund und Indizien an Microraptor gui zu belegen ist abenteuerlich. Wenn das so weiter geht bringt uns tatsächlich noch die Genetik mit den Auswertungen von Junk DNA und Mutationsraten schneller ans Ziel, als die klassische Paläontologie.
der.tommy 14.07.2014
5. @white eagle
Sie verstehen das Zitat von Stephen Weinberg falsch, und der Autor der von ihnen zitierten Internetseite auch. Weinberg fordert kein Umdenken mit Hinblick auf wissenschaftliche Methoden, er ist nur traurig darüber, dass die [...]
Sie verstehen das Zitat von Stephen Weinberg falsch, und der Autor der von ihnen zitierten Internetseite auch. Weinberg fordert kein Umdenken mit Hinblick auf wissenschaftliche Methoden, er ist nur traurig darüber, dass die Wissenschaft uns keine Antwort auf die Frage nach "dem Sinn des Lebens" liefern kann oder explizit eine Rechtfertigung für moralische Grundsätze und ähnliches. Das kann man, von einem gewissen Standpunkt aus, durchaus als traurig betrachten, aber Weinberg wollte damit sicher nicht sagen, dass die wissenschaftliche Methode als solche falsch ist um Kenntnisse über das Universum zu gewinnen. Daraus zu schlussfolgern, dass sämtliche Wissenschaften (vor allem die Physik und die Chemie) den Menschen mit einbeziehen müssen um zur Wahrheit zu kommen ist hahnebüchen. Da kann ich nämlich ganz plump entgegnen, dass das Universum ohne mich, ohne sie und auch ohne irgendein Lebewesen ganz super klar kommen würde. Leben ist für das Universum keineswegs notwendig. Die einzigen Prozesse die Abläufen sind bedingt durch die Physik und die Chemie. Die kommen ganz super ohne Menschen aus. Im Gegensatz zu der von ihnen aufgestellten Forderung ist es nämlich so, dass einer der größten Fortschritte der wissenschaftsgeschichte der Punkt war, an dem man erkannte, dass der Mensch aus der Betrachtung physikalischer Prozesse oder chemischer Prozesse gewissermaßen herausgelassen werden sollte. Es ist kein notwendiges Kriterium für eine gute Wissenschaft, die Antwort auf den Sinn des Lebens zu geben. Zumal völlig unklar ist, ob es einen solchen überhaupt gibt. Nach allem wie sich das Universum darstellt, hat es günstige Bedingungen für die Entstehung von Leben (Prinzip der Mittelmäßigkeit), somit war unsere Entstehung zwar zufällig, aber nichts besonderes.
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  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
  • Bücher vom Autor bei Amazon.
  • Bei Thalia.

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