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Wissenschaft

Wasserqualität

Wie es wirklich um Deutschlands Seen steht

Nur jeder vierte See in Deutschland erfüllt die europäischen Vorgaben für Wasserqualität. Baden kann man trotzdem unbeschwert. Warum das kein Widerspruch ist.

DPA
Von und
Freitag, 13.04.2018   19:07 Uhr

So richtig doll klingt es nicht, was die Bundesregierung zu berichten hat. Bundestagsabgeordnete der Grünen-Fraktion hatten sich in einer Anfrage erkundigt, wie es um die Umsetzung der "Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt" stehe. Auf 18 Seiten antwortet das zuständige Bundesumweltministerium auf die Fragen - und verstörend oft ist bei verschiedenen Aspekten zu lesen, man sei "noch sehr weit vom Zielbereich entfernt", es sei "absehbar, dass noch zusätzliche Maßnahmen benötigt werden" und so weiter.

Eines der in der Antwort aufgelisteten Probleme: Lediglich 24 Prozent der Seen in Deutschland sind ökologisch in einem guten Zustand, weitere 2,3 Prozent können aus Expertensicht als sehr gut bewertet werden. Der Rest bekommt nur eine mittelmäßige bis schlechte Einschätzung.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke folgert daher, den Seen in Deutschland gehe es schlecht. "Fische und Pflanzen, die hier typischerweise vorkommen, finden in diesen Seen keinen Lebensraum mehr." Die Gewässer würden unter der Vergüllung durch die Landwirtschaft leiden, so Lemke.

Umweltbundesamt

Ökologischer Zustand der Gewässer in Deutschland (für eine Beschreibung das Bild anklicken)

Allerdings ist eine Sache auffällig: Auf die Nutzung der Seen als Badegewässer scheinen die ökologischen Probleme keinen Einfluss zu haben. Das Umweltbundesamt hatte nämlich bei seiner letzten Überprüfung von 13.000 Wasserproben festgestellt, dass 98 Prozent der Badegewässer in Deutschland die Qualitätsanforderungen der EG-Badegewässerrichtlinie erfüllen. Knapp 91 Prozent der Seen wurden sogar mit der Bestnote "ausgezeichnet" bewertet.

Wie geht das nun zusammen?

"Die Badegewässerqualität hängt vor allem davon ab, ob bestimmte krankheitserregende Bakterien im Wasser vorhanden sind oder nicht", erklärt Felix Poetschke, Sprecher des Umweltbundesamtes. Wichtig sind hier vor allem der Erreger Escherichia coli sowie Bakterien aus der Gruppe der Intestinalen Enterokokken. Diese würden darauf hindeuten, dass tierische Exkremente etwa aus Gülle oder aber menschliche Fäkalien aus dem Abwasser direkt ins Wasser gelangt sind.

Das passiert in Deutschland zum Glück eher selten, zumindest an Seen. Flüsse hingegen sind genau aus diesem Grund selten als Badegewässer gelistet: Hier leiten Kläranlagen ihr behandeltes Wasser ein - und das kann durchaus noch mit entsprechenden Bakterien verunreinigt sein. Dagegen würde eine Ozon-Reinigungsstufe im Klärwerk helfen, wie man sie in Bayern zur Verbesserung der Wasserqualität der Isar nutzt.

Bestand an Lebewesen wird verglichen

Ein Gewässer könne fürs Baden oft "trotzdem hervorragend geeignet sein", auch wenn der ökologische Zustand nicht gut sei, sagt UBA-Sprecher Poetschke. Bei der Bewertung des ökologischen Zustands der Gewässer vergleichen Wissenschaftler die tatsächlich im Wasser lebenden Organismen mit dem Bestand, der natürlicherweise dort vorhanden sein sollte.

Problematisch sind zum Beispiel auch die sogenannten oligotrophen Seen, beschreibt der Gewässerökologe Jörg Oehlmann von der Universität Frankfurt. Diese Gewässer seien etwa für die Schwäbische Alb typisch, oder für Niedersachsen und den Norden Nordrhein-Westfalens. Wegen der Gesteinsarten in ihrer Nachbarschaft seien sie eigentlich von Natur aus nährstoffarm. Jahrzehntelang seien in diese Seen aber die Nitratrückstände von Gülledüngung gelangt, das habe das Ökosystem massiv verändert.

Wohlgemerkt: Es geht nicht um direkten Gülleeintrag, sondern um die Nitratrückstände. Sie sind es, die das ökologische Gleichgewicht im See verändern.

"Für Sie als Badende ist es ja erst einmal nicht von Belang, ob bestimmte Fischarten nicht mehr im See schwimmen - für die ökologische Qualität aber schon", sagt UBA-Sprecher Poetschke. Anders sehe es aus, wenn es in einem Gewässer tatsächlich zu einer Algenblüte komme - denn auch die Sichttiefe werde in die Bewertung der Badegewässerqualität mit einbezogen.

Problem Überdüngung

DPA

Landwirt mit einem Traktor

Der hohe Einsatz von Dünger in der Landwirtschaft hat nicht nur Folgen für die Gewässer sondern auch für das Grundwasser und damit potenziell auch für Trinkwasser. Seit Jahren wird der Grenzwert für Nitrat im Grundwasser an vielen Stellen überschritten, er liegt bei 50 Milligramm pro Liter. Nehmen Menschen Wasser mit einem höheren Nitratgehalt zu sich, kann das erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben - weil Nitrat im Körper unter Umständen zu schädlichem Nitrit umgebaut wird.

Die Europäische Union hat Deutschland wegen der vielen Überschreitungen bereits 2016 vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Die Ursache für die hohen Nitratwerte liegen vor allem in übermäßigem Einsatz von stickstoffhaltigem Dünger. Das lässt zwar die Pflanzen auf den Äckern sprießen. Aber wenn die Nährstoffe in den Gewässerkreislauf geraten, sorgen sie in Seen, Flüssen und Meeren eben auch für mehr Algen.

Das starke Wachstum verdrängt andere Lebewesen, entzieht ihnen Sauerstoff, Pflanzen und Tiere in den Seen ersticken. Das beklagen Umweltschützer seit langem - und das führt nun auch zur problematischen ökologischen Einstufung der deutschen Seen.

Im vergangenen Jahr wurde in Deutschland das Düngegesetz verschärft. Die Regelung sieht Obergrenzen für die Stickstoffdüngung in Gebieten mit kritischen Werten vor. Zudem sollen vorgeschriebene Abstände zu Gewässern ausgeweitet werden. Doch Umweltschützer beklagen, dass Verstöße etwa durch Industrie oder Landwirtschaft zu selten erkannt würden. Hier brauche es mehr Geld, mehr Personal und den politischen Willen, die Umsetzung vor Ort auch durchzusetzen, so die Umweltschutzorganisation WWF.

Laut einem Bericht der Bundesregierung vom vergangenen Jahr waren an rund einem Viertel der für den Report vorgenommenen Grundwassermessstellen die Nitratgrenzwerte überschritten. Nachgemessen hatten die Experten vor allem in der Nähe von landwirtschaftlichen Flächen.

Auch Phosphor lässt Algen sprießen

Problematisch ist auch das hohe Vorkommen von Phosphor im Grundwasser. Auch dieser Nährstoff gelangt über landwirtschaftliche Flächen in die Gewässer. In dem Regierungsbericht wiesen sogar 65 Prozent der Messstellen zu hohe Werte auf. In der Nord- und Ostsee etwa begünstigt Phosphor das Algenwachstum. Immerhin: Seit einigen Jahren eliminieren Kläranlagen Phosphorverbindungen und Stickstoffverbindungen wie Nitrat.

Allerdings kann es auch zu unerwünschten Nebenwirkungen führen, wenn Seen zu sauber sind. Da sind zum Beispiel die Bodenseefelchen - beziehungsweise der Umstand, dass die beliebten Speisefische eben kaum mehr da sind. Während den Berufsfischern im größten See Deutschlands im Jahr 2011 noch 300 Tonnen davon in die Netze gingen, waren es 2015 nur noch 65 Tonnen.

Schuld daran sind wohl auch die dank Umweltschutzmaßnahmen in den Anrainerstaaten wieder niedrigeren Phosphatwerte im Wasser. Jahrzehntelang hatten Düngemittelrückstände im See die Algen sprießen lassen, die Felchen freuten sich über Nahrung im Übermaß. Seit das Phosphat wieder weniger wird, finden die Felchen nun deutlich weniger Futter. Irgendwas ist eben immer.

insgesamt 34 Beiträge
alpstein 13.04.2018
1. Ergänzung :
Bio- Landwirtschaft verwendet nur natürlichen Dünger : Gülle und Mist . Vor allem Gülle enthält überproportional viel Stickstoff, vor allem als giftigen Ammoniak. Mineraldünger liesse sich zwar genau nach den [...]
Bio- Landwirtschaft verwendet nur natürlichen Dünger : Gülle und Mist . Vor allem Gülle enthält überproportional viel Stickstoff, vor allem als giftigen Ammoniak. Mineraldünger liesse sich zwar genau nach den Erfordernissen mischen und dosieren, aber die Bio- Ideologie lässt das nicht zu
lobivia 13.04.2018
2. Eins nach dem anderen!
Der Artikel fasst es sehr gut zusammen. Die fehlenden Organismen stören den Schwimmer nicht. Aber die Algenblüte und das durch anaerobe Abbauprozesse unappettitlich riechende und trübe Wasser, was eine quasi zwingende Folge [...]
Der Artikel fasst es sehr gut zusammen. Die fehlenden Organismen stören den Schwimmer nicht. Aber die Algenblüte und das durch anaerobe Abbauprozesse unappettitlich riechende und trübe Wasser, was eine quasi zwingende Folge ist, dann doch. Auch wenn er kein "Öko" ist. Hat eine Branche, die bundesweit nur noch zwei Prozent der Berufstätigen beschäftigt, das Recht so zu handeln?
cicero_muc 13.04.2018
3. Da sollte man ein Auge drauf haben
So ein See oder ein kleines Gewässer sind schon eine Bereicherung der Lebensqualität für alle - egal ob sie nun den See aktiv nutzen oder nicht. Wir sollten da schon ein besser Augenmerk haben und diese Gewässer als [...]
So ein See oder ein kleines Gewässer sind schon eine Bereicherung der Lebensqualität für alle - egal ob sie nun den See aktiv nutzen oder nicht. Wir sollten da schon ein besser Augenmerk haben und diese Gewässer als Resource erhalten. .
fehleinschätzung 13.04.2018
4. drunter und drüber
Fakt ist, das es durch Importfutter eine Zunahme an Stickstoff im Land ist. "Ackerwasser" wird normalerweise nicht durch eine Kläranlage gesäubert. Entweder es versickert und landet im Grundwasser oder es läuft ab [...]
Fakt ist, das es durch Importfutter eine Zunahme an Stickstoff im Land ist. "Ackerwasser" wird normalerweise nicht durch eine Kläranlage gesäubert. Entweder es versickert und landet im Grundwasser oder es läuft ab und geht über Bäche in Seen oder Flüsse. Den Rest darf sich jetzt jeder selbst denken...
thomasp1965 14.04.2018
5. Wenn ein reiches Land
wie D es nicht schafft, seine Gewässer und Umwelt in Ordnung zu halten, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn in ärmeren Ländern die Umwelt zum Teufel geht und damit der Planet. Erbärmliches Ergebnis der Umweltpolitik. Man [...]
wie D es nicht schafft, seine Gewässer und Umwelt in Ordnung zu halten, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn in ärmeren Ländern die Umwelt zum Teufel geht und damit der Planet. Erbärmliches Ergebnis der Umweltpolitik. Man könnte das Ministerium genausogut auflösen, dann sparen wir wenigstens das Geld für Staatssekretäre und Minister. Der Mensch glaubt er wäre die Krone der Schöpfung, in Reality ist er er ein hirnloser, zerstörerischer Parasit.

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