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Wissenschaft

Evolution

Wie der Schmetterling zum Rüsseltier wurde

Schmetterlinge, glaubte man bisher, kamen erst mit den Blumen und Blüten in die Welt. Stimmt nicht, behaupten Forscher nun: Die bunten Flattertiere seien weit älter.

AFP
Von
Mittwoch, 10.01.2018   20:42 Uhr

Es gibt wohl kaum ein Insekt, das uns lieber ist als der Schmetterling. Wir verbinden nur Positives mit den tagaktiven Lepidoptera ("Schuppenflügler"): Wie Bienen sind diese Blütenbestäuber Nützlinge.

Schmetterlinge sind nicht nur harmlos, sondern auch schöne, farben- und formenreiche Boten der warmen Jahreszeit. Anders als bei den meisten kleinen Krabbel- oder Flattertieren freut man sich sogar, wenn es zum direkten Körperkontakt kommt. Schmetterlinge und Blumen sind in unseren Köpfen ein festes Paar, das für die sanften, schönen Seiten der Natur steht.

Das Thema Raupen blenden wir dabei genauso aus wie die anderen Teile der Familie - Nachtfalter und Motten. Schmetterlinge sind die Sympathieträger unter den Sechsbeinern, und ohne Blumen nicht vorstellbar.

Doch diese totale Abhängigkeit von Flattertier und Blütenpflanze bestand nicht von Anfang an, behauptet eine aktuelle, in der Fachpublikation "Science Advances" veröffentlichte Studie. Eine Forschergruppe aus den Niederlanden, Deutschland und den USA hatte bis zu 338 Meter tief in Norddeutschlands Boden gebohrt und in den zu Tage geförderten Bohrkernen eindeutige Spuren gefunden: Schuppen von den Flügeln früher Lepidoptera.

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Evolution: Die Suche nach den Ur-Schmetterlingen

Bemerkenswert ist daran nicht nur die erfolgreiche Detektivarbeit mit dem Elektronenmikroskop, mit dessen Hilfe die Forscher die bis zu 0,06 Millimeter kleinen Schuppen fanden. Die gehörten da ja eigentlich nicht hin: Die Proben stammen aus der ausgehenden Trias und dem frühen Jura. Und damals, glaubte man bisher, gab es noch gar keine Schmetterlinge.

Doch mit der Bestimmung auf ein Alter von über 200 Millionen Jahren sind sie nicht nur satte 70 Millionen Jahre älter als jeder andere bisher gefundene Beweis der Existenz von Schuppenflüglern. Sie zeigen auch, dass sie schon 65 Millionen Jahre früher existierten als die Pflanzen, auf die sie angeblich so unbedingt angewiesen sind. Bisher ging man davon aus, dass Lepidoptera erst vor rund 135 Millionen Jahren entstanden, in der frühen Kreidezeit.

Woher der Schmetterling seinen Namen bekam

Folgt man den Forschern, dann waren die triassischen Flatterer schon verhältnismäßig "fertige" Schmetterlinge. Die gefundenen Schuppen ließen sich unter dem Elektronenmikroskop Entwicklungslinien zuordnen, die auch heute noch existieren. Und die meisten davon gehören zu den sogenannten Glossata. Zu deren auffälligsten Merkmalen gehören ihre zu einem "Proboscis" umgearbeiteten Mundwerkzeuge - zu deutsch: ihr Rüssel.

Genau dieser Saugrüssel, den Schmetterlinge eingerollt unter dem Kopf tragen und den sie entrollen und tief in die Kelche von Blüten strecken können, galt bisher als beispielhaft perfekte Anpassung eines Tieres an die physischen Merkmale seiner Futterpflanze. Die Studie behauptet nun, dass es diese Saugrüssel schon weit länger gab als die Blütenkelche, deren Nektar man damit ernten kann.

Die Forschergruppe glaubt, dass der Rüsselapparat als generelle Anpassung zur Aufnahme flüssiger Nahrung entstand. Solche Nahrung hätten ihnen auch fossile Pflanzen aus der Familie der Gymnosperma ("Nacktsamer") geboten: Manche davon dürften ihre Samen in Flüssigkeitstropfen angeboten. Die Anpassung an flüssige Nahrung hätte im über lange Zeiträume extrem trockenen, warmen Klima der ausgehenden Trias dann gleich einen doppelten Zweck erfüllt: Die Tiere mit Wasser versorgt und zugleich die Verteilung von Pflanzensamen ermöglicht.

Wenn das so stimmt, wären Schmetterlinge mit Aufkommen der ersten Blütenpflanzen also schlicht umgestiegen. Erst ab da kam es dann zur Ko-Evolution von Blüten- und Saugapparat.

Der stellt sich heute oft als geradezu extreme Anpassungsleistung dar: Über die längsten Saugrüssel verfügen Lepidoptera, die sich auf tiefkelchige Blüten wie Orchideen spezialisiert haben. Einige tropische Arten bilden Saugrüssel aus, die mit 25 bis 28 Zentimetern Länge fast dreimal so lang sind wie die Körper der Tiere selbst.

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