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Wissenschaft

Steuern, Strafen, Recycling

Wie die Welt gegen Plastikmüll kämpft

Plastikmüll ist weltweit ein Problem. Einige Staaten ergreifen harte Maßnahmen im Kampf gegen die Umweltverschmutzung - in Kenia drohen sogar Haftstrafen, wenn jemand eine Plastiktüte nutzt.

DPA

Weggeworfene Plastiktüten

Dienstag, 28.11.2017   13:28 Uhr

Bis zu vier Jahre Haft oder umgerechnet bis zu 32.500 Euro Strafe: Das droht jemandem, der in Kenia mit einer Plastiktüte erwischt wird. Das ostafrikanische Land hat jüngst eines der strengsten Verbote von Plastiktüten weltweit eingeführt. Mit der drastischen Maßnahme schließt sich Kenia rund 40 anderen Ländern an, die mit Beschränkungen oder Verboten der Tüten gegen eins der größten Umweltprobleme weltweit vorgehen wollen: Plastikmüll.

Besonders dramatisch ist die Plastikverschmutzung der Meere. Mindestens acht Millionen Tonnen Plastikmüll landen nach Angaben des Uno-Umweltprogramms Unep jährlich in den Ozeanen. Meerestiere verheddern sich oder verschlucken den Müll. Mit der Zeit zersetzt sich das Material in immer kleinere Teilchen - Mikroplastik, das sich später auch in Trinkwasser und Nahrungsmitteln wiederfindet.

Bis 2050 werde sich der Plastikmüll in den Meeren verzehnfachen, sagt Sam Barratt, der Leiter öffentlicher Kampagnen von Unep. Die Bedrohung wird auch beim Uno-Umweltgipfel in Nairobi vom 4. bis 6. Dezember ein großes Thema sein. "Einweg-Plastik ist einfach so bequem, dass die Welt vergessen hat, die Folgen des Kunststoffs mit einzupreisen", sagt Barratt.

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In Nairobi packt ein Mann seinen Einkauf in eine Stofftüte

Plastiktüten sind dabei eines der großen Probleme. Bis vor Kurzem waren sie in Kenia fester Bestandteil des Lebens, vom Einkauf im Supermarkt oder im Straßenverkauf bis zur praktischen Tragetasche und sogar als Toilette in den Slums. Sie landeten nach dem Gebrauch auf Straßen, in Bäumen, in Abflüssen, an Stränden. Etwa hundert Millionen Tüten wurden der kenianischen Umweltbehörde Nema zufolge jährlich ausgeteilt. In Kenia leben rund 48 Millionen Menschen.

Etliche Staaten haben inzwischen Maßnahmen gegen Plastikmüll ergriffen. Einige Industrieländer haben eine Steuer für die Tüte eingeführt. In Großbritannien kostet sie Barratt zufolge nun fünf Pence (etwa sechs Cent), was die Nutzung der Tüte um etwa 80 Prozent verringert hat.

Harte, aber effektive Maßnahme

Doch in Entwicklungsländern mit einer großen informellen Wirtschaft würde eine Steuer nicht funktionieren. "Ein Verbot ist eine harte, aber sehr effektive Maßnahme", sagt Barratt. Das hat sich auch in Ruanda gezeigt. Der ostafrikanische Staat ist inzwischen berühmt für seine sauberen Straßen, schon am Flughafen werden Besuchern jegliche Plastiktüten abgenommen. Im Nachbarland Kenia wurden nach jahrelangen Verhandlungen und zwei Anläufen endlich im August die Nutzung, Herstellung und der Import von Plastiktüten untersagt.

Was folgt? In Kenia gehen manche davon aus, dass Umweltministerin Judi Wakhungu ein Verbot von Plastikflaschen anvisiert. Dies durchzusetzen dürfte schwierig sein. Allerdings habe das Plastiktüten-Verbot in Kenia den Privatsektor dazu animiert, die Nutzung von Plastik zu verringern, sagt Barratt.

Den Müll systematisch zu trennen und zu recyceln - das ist für Länder wie Kenia derzeit noch eine große Herausforderung. Zwar wird derzeit Plastikmüll teilweise gesammelt und wiederverwertet. Doch die Kosten von Recycling seien derzeit noch weitgehend untragbar, erklärt Umwelt-Aktivist Dipesh Pabari. "Noch gibt es nicht genug Anreiz, um im großen Stil mit der Nutzung von wiederverwertetem Plastik zu beginnen."

REUTERS

Bootsbauer Ali Skanda arbeitet an dem Schiff aus recyceltem Plastik

Um zu zeigen, was mit recyceltem Plastik alles möglich ist, baut Pabari mit der Initiative FlipFlopi auf der kenianischen Insel Lamu ein etwa 18 Meter langes Segelboot aus wiederverwertetem Kunststoff. Für das Dhow - ein traditionelles Boot, mit dem die Küstenbewohner Kenias und Tansanias seit Jahrzehnten segeln - wird Plastikmüll verwendet, der für das Projekt in einer eigenen Fabrik recycelt wird. 200.000 an den Stränden angespülte bunte Flip-Flops sollen den Rumpf des Schiffes verzieren.

Von Gioia Forster, dpa/wbr

insgesamt 8 Beiträge
jujo 28.11.2017
1. ....
Es wäre schon sehr viel geholfen wenn die Plastiktüten aus den Geschäften verbannt würden. Dazu braucht es nicht mal ein Gesetz!
Es wäre schon sehr viel geholfen wenn die Plastiktüten aus den Geschäften verbannt würden. Dazu braucht es nicht mal ein Gesetz!
Cugel 28.11.2017
2. Engelein kommet
Und wenn wir plötzlich alle Engel wären, dann bräuchte es nicht mal ein Strafgesetz.
Zitat von jujoEs wäre schon sehr viel geholfen wenn die Plastiktüten aus den Geschäften verbannt würden. Dazu braucht es nicht mal ein Gesetz!
Und wenn wir plötzlich alle Engel wären, dann bräuchte es nicht mal ein Strafgesetz.
Knossos 28.11.2017
3.
Doch; braucht es anscheinend. Das hier indiziert deutlich, wie wie Belange einer erstickenden Umwelt den Konsumenten tangieren: (Zitat) "In Großbritannien kostet sie Barratt zufolge nun fünf Pence (etwa sechs Cent), [...]
Zitat von jujoEs wäre schon sehr viel geholfen wenn die Plastiktüten aus den Geschäften verbannt würden. Dazu braucht es nicht mal ein Gesetz!
Doch; braucht es anscheinend. Das hier indiziert deutlich, wie wie Belange einer erstickenden Umwelt den Konsumenten tangieren: (Zitat) "In Großbritannien kostet sie Barratt zufolge nun fünf Pence (etwa sechs Cent), was die Nutzung der Tüte um etwa 80 Prozent verringert hat." Dem Gemeingeist vermochten weder Folgen der Umweltverschmutzung vor eigenem Auge noch Eindrücke aus jahrzehntelang gelieferten Berichten zu geschädigter Natur der Relevanz von 6 Cent gleichzukommen. Dabei stammt diese frappierende und alarmierende Erkenntnis aus einem entwickelten Land. Im Großteil der Welt wäre es folglich fraglich, ob die belebte Natur den Menschen überhaupt etwas wert ist. Der SPIEGEL berichtete einmal zur von abergläubischen Chinesen angerichteten Verwüstung unter Wildtierpopulationen. Dazu merkte das Magazin an, daß dieser Verbraucheranteil weltweiter Wilderei sich besänne, wenn er nur wüßte, welch Schaden angerichtet wird. Das zu lesen überraschte mich und gab mir Hoffnung, falls die chinesische Regierung sich jemals dazu überwinden könnte, in der Sache intensive Aufklärungskampagne aufzufahren. Spätesten mit obiger Information zur 6-Cent-Relevanz in GB erweist sich wohl, daß der SPIEGEL sich seinerzeit getäuscht haben dürfte / es um deskonstruktivistisches Denken auf der Welt weit bescheidener bestellt ist, als man zu hoffen gewagt hätte. Niederschmetternd.
jullek 28.11.2017
4.
Die erste Maßnahme sollte sein, unnütze oder überdimensionierte Verpackungen zu verbieten. Dann hätte man schon ein Drittel weniger Müll.
Die erste Maßnahme sollte sein, unnütze oder überdimensionierte Verpackungen zu verbieten. Dann hätte man schon ein Drittel weniger Müll.
JackNapier 29.11.2017
5. Plastiktüten sind doch das geringste Problem
Hackfleisch, Wurst, Steak, Käse, Joghurt, Brot..... alles kommt in Kunststoffverpackungen. Wo ist das (Wachs)Papier geblieben? Wo die Theken, bei denen das Fachpersonal alles abgewogen und in Papier eingepackt hat und danach den [...]
Hackfleisch, Wurst, Steak, Käse, Joghurt, Brot..... alles kommt in Kunststoffverpackungen. Wo ist das (Wachs)Papier geblieben? Wo die Theken, bei denen das Fachpersonal alles abgewogen und in Papier eingepackt hat und danach den Preiszettel angetackert? Wo sind die kleinen Joghurtgläser hin? Stattdessen schmeiß ich wöchentlich das Volumen eines Hütebeutels an unförmigen Plastikverpackungen weg....

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