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Wissenschaft

Erst warm, dann kalt

Was das Wechselwetter für Pflanzen und Tiere bedeutet

Der Januar war mild in Deutschland: Vögel überwinterten hier, im Garten blühten Pflanzen. Was macht die Kälte jetzt mit der Natur? Ein Experte klärt auf.

imago/Manngold
Ein Interview von
Freitag, 09.02.2018   13:06 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Heiermann, der Januar war in Deutschland erheblich milder als normal, jetzt herrscht Frost - Hobbygärtner sorgen sich um die Pflanzen: Hortensien, Rosen und Flieder etwa sind mancherorts schon ausgetrieben im Januar. Was bedeutet der Frost für diese Pflanzen?

Julian Heiermann: Die bereits ausgetriebenen empfindlichen Jungtriebe der Gehölze können bei stärkerem Frost absterben. Im Grunde aber ist das kein ernsthaftes Problem, zumindest für heimische Pflanzen, weil sie im Frühjahr in der Regel erneut austreiben und für solche Rückschläge angepasst sind.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Welche Pflanzen sind bereits ausgetrieben im Januar?

Heiermann: Typisch für jahreszeitlich frühe Aktivitäten sind zum Beispiel Haselstrauch und Weiden, die zu den ersten Blühpflanzen gehören.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Wetterwechsel für Landwirte und Obstbauern?

Heiermann: Feldfrüchte können Schaden nehmen, wenn sie im Winter zu schnell wachsen und dann durch den Frost einen derben Rückschlag und Erfrierungen erfahren. Durch einen milden Winter und spätere Starkfröste stirbt zwar kein Obstbaum ab, wenn er frisch geschobene Triebe durch Frost verliert - doch wenn die Blüten betroffen sind, dann kann es zu erheblichen Ernteausfällen kommen. Denn neue Blüten bildet die Pflanze erst zum darauffolgenden Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Abhilfe?

Heiermann: Manch ein Obstbauer greift bei Frost zum Wasserschlauch und lässt die Blüten beregnen. Der sich bildende Eispanzer um die Blüten schützt vor zu tiefen Temperaturen. Oder es werden in Reihe große Kerzen unter den Bäumen entzündet, die wie eine Heizung wirken.

SPIEGEL ONLINE: Was können Gartenbesitzer machen, um ihre Pflanzen sicher in den Frühling zu bringen?

Heiermann: Am besten einfach das natürliche Potential nutzen. Beispielsweise das Laub, das wie eine schützende, isolierende Decke wirkt, nicht überall wegharken, es ruhig auf den Beeten, im Wurzelbereich von Gehölzen oder unter den Büschen belassen. Das verhindert Erfrierungen, und im Frühjahr wird das Laub durch zahlreiche Kleinstlebewesen in wertvollen Dünger verwandelt. Auf Rasenflächen sollte das Laub allerdings spätestens im Frühjahr weggeharkt werden, sonst gibt es kahle Stellen. Empfindliche Topfpflanzen kann man mit Jutestoff einschlagen oder in frostgeschützte Räume verbringen, in Schuppen, Garage oder Keller.

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SPIEGEL ONLINE: Gartenbesitzer fragen sich zudem, was die Folge von mildem Januar und frostigem Februar für Schnecken und Mücken bedeutet?

Heiermann: Aus Sicht des Naturschutzes gibt es keine "Schädlinge", da jedes Tier im Ökosystem eine wichtige Funktion hat. Wir sprechen lieber von Nahrungskonkurrenten - zum Beispiel bei Schnecke und Salat, oder von Parasiten, die nach unserem Blut lüstern, wie zum Beispiel Stechmücken.

SPIEGEL ONLINE: Setzt dieser Winter ihnen zu?

Heiermann: Es ist nicht unbedingt der Winter, ob mild oder kalt, der großen Einfluss auf das Vorkommen von Stechmücken hat. Auf wechselnde Winterbedingungen sind diese Tiere eingestellt. Es kommt vor allem auf die Startbedingungen im Frühjahr und auf die vorherige Saison an. Letztes Jahr war es beispielsweise überregional sehr nass in der Vegetationszeit, sodass sich sehr viele Stechmücken entwickeln konnten. Werden das kommende Frühjahr und der Sommer wieder warm und regenreich, dann werden wir sicherlich mit Stechmücken reich gesegnet sein. Spinnen, Fledermäuse und Vögel werden sich darüber freuen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hat der Wetterwechsel auf die Vögel? Hat der milde Januar einige womöglich dazu veranlasst, nicht ins Warme zu fliegen, sodass sie nun in der Kältefalle wären?

Heiermann: Eine gewisse, zunehmende Zugfaulheit beobachten wir tatsächlich bei einigen Kurzstreckenziehern unter den Zugvögeln schon seit mehreren Jahren. Wir führen dies auf den Klimawandel zurück. Typische Beispiele wären Kranich, Hausrotschwanz oder Mönchsgrasmücke. Ein Teil der bei brütenden Kraniche und im Winter einfliegende Tiere aus Nordeuropa verweilen tatsächlich bei uns und warten erst mal ab.

SPIEGEL ONLINE: Was machen sie, wenn es wie jetzt doch noch kalt wird?

Heiermann: Wird es frostig, dann können wir eine sogenannte "Kälteflucht" beobachten: Die Kraniche fliegen dann kurzfristig Richtung Südwest in mildere Regionen. Meist endet die Reise dann aber schon in Frankreich, sodass die Vögel bei milder Witterung dann schnell wieder in die umgekehrte Richtung fliegen können.

SPIEGEL ONLINE: Sind andere Tiere womöglich im milden Januar aus dem Winterschlaf erwacht und haben nun Probleme, etwa Igel?

Heiermann: Die grobe Aktivitätssteuerung bei Winterschläfern wird zum Glück über eine "innere Uhr" gesteuert, sodass die Tiere nicht ständig bei milder Witterung aus dem Winterschlaf gerissen werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es mit Insekten, die in Winterstarre fallen und im Januar erwacht sein könnten?

Heiermann: Insekten sind wechselwarm. Bei warmer Umgebung werden Insekten aktiv und bei Kälte wieder inaktiv, suchen sich dann erneut ein Versteck in Ritzen und verfallen wieder in Kältestarre. Wenn dieser Wechsel zu oft vorkommt, dann zehrt dies an deren Energiereserven. Daher soll man zur Winterzeit in die Wohnung verflogene Schmetterlinge wieder nach draußen, an einen geschützten Ort setzen, da den Faltern in der zu warmen Umgebung sonst die Energie ausgeht.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht es Kröten und Fröschen?

Heiermann: Einige waren schon recht früh Richtung Laichgewässer unterwegs, weil auch Amphibien wechselwarm sind. Problematisch wird es, wenn die Tiere bei Kälteeinbrüchen in unserer aufgeräumten Landschaft keine verfügbaren Versteckmöglichkeiten finden oder NABU-Mitarbeiter noch keine Krötenzäune an Straßen stellen konnten.

insgesamt 13 Beiträge
k.hohl 09.02.2018
1. Wechselwetter?
In diesem "Winter" gab es bisher einen [!] Tag mit Frost (d.h. auch am Tage Temperaturen unter 0 Grad C). Die Tulpen im Garten sind ca. 8-10cm groß, die Rosen haben Knospen und in der Nachbarschaft wächst der Spargel [...]
In diesem "Winter" gab es bisher einen [!] Tag mit Frost (d.h. auch am Tage Temperaturen unter 0 Grad C). Die Tulpen im Garten sind ca. 8-10cm groß, die Rosen haben Knospen und in der Nachbarschaft wächst der Spargel unter den Folien mit einem Tempo, bei dem man zusehen kann. Der Experten beschiiebt "Starkfrost". Den kennen die Kinder hier nur noch aus Erzählungen ...
dle79 09.02.2018
2. Obstbau
Was Herr Heiermann zur s.g. Frostschutzberegnung sagt stimmt für die Monate April-Juni. Kein Obstbauer würde im Februar bei -12 Grad seine Obstbäume beregnen. Die würden unter der Last des Eises zusammenbrechen. Ausserdem ist [...]
Was Herr Heiermann zur s.g. Frostschutzberegnung sagt stimmt für die Monate April-Juni. Kein Obstbauer würde im Februar bei -12 Grad seine Obstbäume beregnen. Die würden unter der Last des Eises zusammenbrechen. Ausserdem ist es erforderlich, dass über Tag die Temperatur auf über 0 Grad steigt, damit die Beregnung auch wieder ausgeschaltet werden kann. Im Februar kann der Obstbauer im wesentlichen nur hoffen, dass es gut geht. Wird es im Augenblick auch!
larsmach 09.02.2018
3. Das zweite Jahr in Folge...
Solche Wetterlagen mit 15° Celsius im Januar und -6° im Februar kommen durchaus vor; dieses Jahr wohl zum zweiten Mal in Folge. Wenn das Klima sich dahingehend verändert, wird das wohl nachhaltigere Folgen für Obstbauern usw. [...]
Solche Wetterlagen mit 15° Celsius im Januar und -6° im Februar kommen durchaus vor; dieses Jahr wohl zum zweiten Mal in Folge. Wenn das Klima sich dahingehend verändert, wird das wohl nachhaltigere Folgen für Obstbauern usw. haben.
nic 09.02.2018
4.
Kurzfristig (noch ein paar Jahre) wird wohl auch der Februar in den meisten Gebieten frostfrei bleiben.
Zitat von larsmachSolche Wetterlagen mit 15° Celsius im Januar und -6° im Februar kommen durchaus vor; dieses Jahr wohl zum zweiten Mal in Folge. Wenn das Klima sich dahingehend verändert, wird das wohl nachhaltigere Folgen für Obstbauern usw. haben.
Kurzfristig (noch ein paar Jahre) wird wohl auch der Februar in den meisten Gebieten frostfrei bleiben.
pace335 09.02.2018
5.
Oh weh, nur weil 2x in Folge der Januar wärmer war wie der Februar machen sich manche Leute ins Hemd. Das hat auch nichts mit irgendwelche Veränderung des Klimas zu tun nur weil 2x in Folge der Januar wärmer wie der Februar [...]
Oh weh, nur weil 2x in Folge der Januar wärmer war wie der Februar machen sich manche Leute ins Hemd. Das hat auch nichts mit irgendwelche Veränderung des Klimas zu tun nur weil 2x in Folge der Januar wärmer wie der Februar war. Das war schon vor 40 Jahren so und wird auch so bleiben. Den Jungen Leute kann man da was vom Pferd erzählen, aber mir sicher nicht. Ich hab schon einige Winter erlebt, in denen der Januar wärmer als der Februar waren.

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