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Lebensraum Truppenübungsplatz

Darum mögen Wölfe die Bundeswehr so gern

Er fühlt sich wohl, auch wenn die Kugeln fliegen: Truppenübungsplätze haben eine entscheidende Rolle bei der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland gespielt. Forscher haben jetzt herausgefunden, warum.

DPA

Wolf in einem Gehege im Wildpark Neuhaus (Archivbild)

Dienstag, 19.02.2019   11:28 Uhr

Am Anfang, so beschreibt es Ilka Reinhardt, stand ein Rätsel. Bei der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland um die Jahrtausendwende war Forschern etwas Merkwürdiges aufgefallen: Die Tiere ließen sich nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, in gesetzlich geschützten Naturgebieten wie etwa Biosphärenreservaten nieder. Stattdessen wurden sie zunächst vor allem auf Truppenübungsplätzen heimisch: in der Oberlausitz in Sachsen, bei Lübtheen und Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern, bei Altengrabow in Sachsen-Anhalt - auch wenn zwischen den Flächen teils große Strecken lagen.

Erst später breiteten sie sich von den durch die Bundeswehr genutzten Flächen auch in angrenzende Gebiete aus. "Wir hatten dieses Muster und haben nach einer Erklärung gesucht", sagt Reinhardt, die am Lupus Institut für Wolfsmonitoring und -forschung im sächsischen Spreetal arbeitet. Zusammen mit anderen Forschenden hat sie diese Erklärung nun im Fachmagazin "Conservation Letters" veröffentlicht.

Die Fakten zum Wolf in Deutschland

An den natürlichen Eigenschaften der jeweiligen Gebiete lag die Sache wohl nicht - Baumbewuchs oder Straßendichte spielten nach den Erkenntnissen des Teams keine Rolle.

Stattdessen war die Sache kurz gesprochen wohl so: Obwohl die Jagd auf Wölfe in Deutschland nicht erlaubt ist, werden doch immer wieder einmal Tiere illegal getötet. Und das ist nach Erkenntnissen der Forscher in der Zeit zwischen 2000 und 2015 entweder auf gar nicht geschützten Flächen oder aber in Schutzgebieten passiert - aber nie auf Truppenübungsplätzen.

Dort ist die Jagd auf besondere Art organisiert, verantwortlich ist die Bundesforstverwaltung. Dadurch existiere auf den Truppenübungsplätzen "ein einheitliches Jagdregime auf großer Fläche", so Forscherin Reinhardt. Sei die Jagd dagegen - wie außerhalb der Truppenübungsplätze - kleinräumiger organisiert, gebe es eine höhere Wahrscheinlichkeit , dass einzelne Jäger die Regeln nicht einhielten. Die meisten hielten sich aber selbstverständlich an die Gesetze.

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"In den Anfangsjahren, als es nur wenige Populationen gab, könnte das das Verteilungsmuster erklären", so Reinhardt. Im Jahr 2015 ergab sich dadurch folgendes Bild: Auf 13 von 21 deutschen Truppenübungsplätzen größer als 30 Quadratkilometer gab es Wölfe - aber nur in 8 von 55 vergleichbar großen Naturschutzgebieten.

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Wölfe in Deutschland: Jäger und Gejagte

Wolfsforscherin Reinhardt sagt aber auch: Mittlerweile spielt die Funktion der Truppenübungsplätze als Brückenkopf für die Ausbreitung der Wölfe keine so große Rolle mehr. In Deutschland gab es im Monitoringjahr 2017/2018 73 Wolfsrudel sowie 30 Paare und drei Einzeltiere. Die Gesamtpopulation wächst außerdem weiter.

Vielerorts wird emotional über die Tiere diskutiert - nicht zuletzt weil die Zahl der dokumentierten Nutztierrisse durch die Tiere zuletzt noch einmal deutlich gestiegen ist. Im Jahr 2017 gab es demnach 472 dokumentierte Fälle. Die Gesamtzahl der getöteten, verletzten oder vermissten Tiere - meist Schafe - beziffert die zuständige Dokumentationsstelle des Bundes (DBBW) mit 1667.

Wölfe sind gesetzlich streng geschützt, durch das Bundesnaturschutzgesetz und EU-Vorgaben. Ein legaler Abschuss ist nur in Ausnahmefällen möglich, wenn von den Tieren eine Gefahr für Menschen drohen könnte oder erheblicher wirtschaftlicher Schaden durch sie zu erwarten ist. Dafür existieren derzeit Genehmigungen der zuständigen Behörden in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Zwei legale Wolfstötungen hat es in den Jahren 2016 und 2018 in Niedersachsen und Sachsen gegeben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, dass Jäger auf Truppenübungsplätzen generell keinen Zutritt hätten. Das trifft nicht zu, wir haben den Fehler korrigiert.

chs

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