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Wissenschaft

Haltung von Milchkühen

Wie glücklich ist Ihre Milch?

Biohof, Großbetrieb, Familienunternehmen: Wie eine Milchkuh in Deutschland gehalten wird, unterscheidet sich von Hof zu Hof. Doch fast überall kritisieren Tierschützer die Trennung von Kuh und Kalb kurz nach der Geburt.

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Milchkühe auf einer Weide

Von Carolin Wahnbaeck
Samstag, 09.09.2017   07:10 Uhr

Uschi, Connie und Emma - so heißen die drei Superkühe aus einem Webprojekt, bei dem auch SPIEGEL ONLINE Partner ist. Alle drei sollen Milch geben. Doch sie führen ein recht unterschiedliches Leben auf drei verschiedenen Bauernhöfen: Kuh Connie lebt in einem Großbetrieb mit fast 800 Kühen, Kuh Emma in einem Familienbetrieb mit etwa 120 Kühen. Uschi, die dritte Kuh, lebt auf einem Biohof mit 64 Artgenossinnen.

Halten sich die Tiere nur im Stall auf oder dürfen sie auch auf die Weide? Fressen Sie Gras oder Kraftfutter? Wie oft kalben sie - und wann werden Kuh und Kalb getrennt? In den Antworten auf diese Fragen unterscheiden sich die Höfe in Deutschland deutlich. Ein Überblick:

Etwa 4,2 Millionen Milchkühe gibt es hierzulande, damit ist Deutschland der größte Milcherzeuger der EU. "Wie eine Kuh lebt, hängt nicht davon ab, ob sie in einem Großbetrieb, einem Familienbetrieb oder auf einem Biobauernhof gehalten wird", sagt Markus Wolter, Landwirtschaftsexperte bei der Umweltschutzorganisation WWF. Die Haltungsbedingungen überschnitten sich sehr: Auch manche Kuhherde aus konventionellen Großställen komme auf die Weide. Und auch Biohöfe gäben manchmal Kraftfutter oder binden ihre Kühe im Stall an. Die Frage sei eher, wie intensiv oder extensiv die Betriebe arbeiteten.

Milchviehhaltung in einem intensiven Betrieb

Hier ist das Ziel möglichst viel Milch, die Fleischproduktion ist nebensächlich. Im Stall von solchen Betrieben stehen oft mehrere Hundert Kühe der Hochleistungs-Milchrasse Holstein-Friesian - auch Superkuh Connie gehört dazu. Sie geben laut Wolter zu besten Zeiten jeweils 40 bis 60 Liter Milch am Tag. Im Jahr kommt eine Spitzenkuh auf 9000 bis 14.000 Liter Milch. Dafür fressen die meist klassisch schwarz-weiß gefleckten Tiere große Mengen proteinreiches Kraftfutter aus Maispflanzen, Soja oder Rapsschrot. Das Soja stammt auch aus Südamerika, ist in der Regel gentechnisch verändert, mit hohen Mengen an Pestiziden behandelt und in Monokulturen auf ehemaligen Urwaldflächen gewachsen - Kritiker bemängeln das schon lange. Doch ein Teil des Futters stammt auch vom Hof.

Auf die Weide kommen die Kühe in der Regel nicht. Das Argument der Landwirte: Die Herden sind zu groß. Immerhin leben laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) drei von vier Rindern in geräumigen Laufställen. Deren Kuhkomfort variiert jedoch stark: von Betonspaltböden, bei denen die Exkremente in Ritzen im Boden versickern, bis hin zu großzügigen Bewegungsflächen und mit Stroh gepolsterten Liegeboxen. "In solchen Boxenlaufställen können die Kühe sich zum Wiederkäuen ablegen, wo sie möchten und ihr Sozialverhalten in der Herde ausleben", sagt Wolter. Ein "Wohlfühlklima" sei das für die Kuh. Auch Connie lebt auf Stroh.

Superkühe - das Experiment

Hörner haben diese Kühe nicht mehr - sie werden bereits als Kälbchen enthornt oder als hornlose Kühe gezüchtet. Das dient vor allem dem Schutz vor Verletzungen - unter Kühen und Menschen.

Doch ein Grundbedürfnis kommt hier eindeutig zu kurz: das Weiden. Kühe sind eigentlich Steppentiere. Ihrem natürlichen Verhalten nach würden sie den ganzen Tag auf der Wiese stehen und fressen. Doch statt Gras und Klee fressen die Tiere bei intensiver Haltung nur hochkalorisches Kraftfutter. "Das ist wie jeden Tag Schokotorte", sagt Wolter. Das Ergebnis: sehr viel Milch - aber oft auch kranke Kühe. Mehr als zwei bis drei "Laktationen", also milchgebende Perioden nach der jährlichen Kälbchengeburt, schafft so eine Hochleistungskuh nicht. Dann wird sie meist nicht mehr trächtig oder bekommt so große gesundheitliche Probleme, dass sie mit durchschnittlich viereinhalb Jahren geschlachtet wird.

Die Kälbchen werden unmittelbar nach der Geburt von der Mutterkuh getrennt. Connie hat gerade einmal eine halbe Stunde mit ihrem Nachwuchs verbracht. Die Gründe: Schutz vor Infektionen - und vor Trennungsschmerz. "Kuh und Kalb bauen gar nicht erst eine Bindung auf", sagt Wolter. Während die Kuh ab jetzt Milch gibt, wächst das Kälbchen zunächst in einer Kälberbox und später in einer Jungtiergruppe auf. Statt Muttermilch gibt es Milchaustauscher, ein proteinhaltiger Milchersatz.

So leben Kühe auf weniger intensiven Betrieben

Auch hier sollen die Kühe vor allem Milch geben, aber die Fleischproduktion spielt eine größere Rolle. Insgesamt ist so ein Hof - mit ein paar Dutzend bis mehreren Hundert Kühen - weniger auf maximalen Milchertrag ausgerichtet. Entsprechend gibt es hier neben Holstein-Friesian auch Fleckvieh, Braun- oder Grauvieh oder die norddeutschen, rotbraunen Anglerrinder, allesamt stärker fleischgebende oder auch widerstandsfähigere Rassen. Kühe aus weniger intensiver Haltung geben 20 bis 30 Liter Milch am Tag, im Jahr 6000 bis 8000 Liter. Das ist etwa halb so viel wie in einem Intensiv-Betrieb. Dafür bekommt die Kuh mit 1 bis 1,5 Tonnen auch nur halb so viel Kraftfutter - mit sehr wenig oder gar keinem Soja.

Ein Teil des Futters stammt vom Hof: Die Kühe kommen oft von April bis Oktober auf die Weide - laut BMEL etwa jedes dritte Rind in Deutschland. Sie fressen stundenlang Gras, bewegen sich und leben so ihr natürliches Verhalten in der Herde aus. Das Futter dieser Kühe ist also artgerechter. Doch im Winter leben diese Tiere im Stall - häufig, vor allem in Süddeutschland, angebunden. Das heißt: Monatelang nur stehen oder liegen, keine Bewegung. In den Ställen ist es oft eng und die Luft schlecht. Laut BMEL lebt noch etwa jedes fünfte Rind in Deutschland zumindest teilweise in Anbindehaltung. Schuld ist oft die Dorflage der Höfe - für einen größeren Laufstall ist einfach kein Platz.

Hörner haben auch diese Kühe in der Regel nicht. Die Kälbchen werden meist ein bis drei Tage nach der Geburt von den Mutterkühen getrennt. Die Kühe schaffen durchschnittlich etwas mehr Laktationen als intensiv gehaltene Kühe, bevor sie geschlachtet werden.

Und wie leben Biokühe?

Auch bei den Bio-Höfen ist die Bandbreite groß, einige halten genau wie intensive Betriebe Hunderte Tiere und nutzen ähnliche Methoden. In der Regel setzen sie aber auf extensive Landwirtschaft - es dürfen also nur so viele Kühe gehalten werden, wie der Hof selbst ernähren kann. Die Kühe sollen Milch geben, aber auch Fleisch produzieren, auch damit es für die männlichen Kälber eine Verwendung gibt. Daher wird zum Beispiel gern Fleckvieh gehalten: weniger Milchleistung, dafür mehr Muskeln.

Eine Biokuh gibt zwischen 15 und 30 Liter Milch am Tag und kommt auf bis zu 9000 Liter pro Jahr - etwa die Hälfte einer intensiv gehaltenen Kuh. Dafür kriegt sie in der Regel deutlich weniger Kraftfutter zu fressen, das ohne chemisch-synthetische Pestizide, Mineraldünger oder Gentechnik produziert wurde. Ganzjährige Fütterung mit Gras- oder Maissilage, also durch Milchsäuregärung konserviertes Futter, ist verboten.

Foto: WDR

Biokühe kommen in der Regel von Mai bis Oktober auf die Weide - Herdenleben, Grasfressen, Bewegung inklusive. Die Stallart und Stallgröße variiert stark je nach Betrieb oder Biosiegel - von großen Boxenlaufställen für mehr als 400 Kühe bis zu kleinen Familienhöfen mit Anbindehaltung.

Auch die Biokühe haben in der Regel keine Hörner mehr. Nur beim besonders strengen Bioverband Demeter gehen die Kühe behornt durchs Leben - die Unversehrtheit der Kuh steht im Vordergrund.

Einmal im Jahr bekommt natürlich auch eine Biokuh ein Kälbchen, damit sie Milch gibt. Biokühe schaffen im Schnitt drei bis fünf Laktationen. Doch auch Biokälbchen müssen ohne ihre Mütter groß werden: Nach maximal drei Tagen werden sie getrennt. Tierschützer kritisieren diese Praxis als nicht artgerecht. Deshalb probieren ein paar Betriebe inzwischen die "muttergebundene Aufzucht", bei der das Kälbchen laut BMEL sechs bis neun Monate bei der Mutter auf der Weide aufwächst. Doch so eine Haltungsform müsste am Ende der Verbraucher bezahlen. "Der Liter Milch kostet dann 13 Cent mehr", sagt Wolter. Ob so eine Haltungsform dem Milchkonsumenten das Geld wert ist, muss er selbst entscheiden.

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat auch Superkuh Emma aus dem Familienbetrieb ihr Kalb bekommen. Sie wurden nach fünf Stunden getrennt. Bei Biokuh Uschi war das nach rund zwei Tagen der Fall. Mehr Informationen über die konkreten Haltungsbedingungen der Kühe finden sich auf der Projektseite der Superkühe.

insgesamt 35 Beiträge
Land_Ei 09.09.2017
1. wenn jeder nur ein bisserl tun würde
Ich kaufe schon eine ganze Weile nur noch Bio-Milch und Produkte bei uns im Dorf im Hofladen. Da gibt es Fleisch von Schweinen und Rindern die in der Umgebung aufwachsen und selbst angebautes Obst/Gemüse. Ich bin kein [...]
Ich kaufe schon eine ganze Weile nur noch Bio-Milch und Produkte bei uns im Dorf im Hofladen. Da gibt es Fleisch von Schweinen und Rindern die in der Umgebung aufwachsen und selbst angebautes Obst/Gemüse. Ich bin kein Biofanatiker oder sowas, ich denke nur, wenn jeder Verbraucher mehr Produkte aus der Umgebung und aus vernünftiger Produktion kaufen würde, würde sich schon eine Menge ändern bei der Herstellung underes Essens. Wir haben doch die Macht das sich etwas ändert!
ahloui 09.09.2017
2. Milch
ist ohnehin viel zu billig, daher sollte es verboten werden, die Kälber früh von der Mutter zu trennen. Selbst wenn die Milch dann 20 oder 25 ct mehr kosten müsste, wäre das völlig in Ordnung. Im übrigen scheint Herr Wolter [...]
ist ohnehin viel zu billig, daher sollte es verboten werden, die Kälber früh von der Mutter zu trennen. Selbst wenn die Milch dann 20 oder 25 ct mehr kosten müsste, wäre das völlig in Ordnung. Im übrigen scheint Herr Wolter stark an Realitätsverlust zu leiden.
Solid 09.09.2017
3.
Die Trennung von Kuh und Kalb ist der Kern der Milchproduktion. Ohne diese Trennung gibt es keine Milch.
Die Trennung von Kuh und Kalb ist der Kern der Milchproduktion. Ohne diese Trennung gibt es keine Milch.
muekno 09.09.2017
4. Es geht auch anders
gehen Siez.B. nach Frankreich, da stehen auf fast jeder 3. Weide die Kühe und Kälber gemeinsam auf der Weide. Überhaupt hat man den Eindruck, dass da die Tier viel mehr auf der Weide sind und länger und mit mehr Platz. Kaufe [...]
gehen Siez.B. nach Frankreich, da stehen auf fast jeder 3. Weide die Kühe und Kälber gemeinsam auf der Weide. Überhaupt hat man den Eindruck, dass da die Tier viel mehr auf der Weide sind und länger und mit mehr Platz. Kaufe ich Rindfleisch oder Geflügel aus Frankreich hat speziell Geflügel ein um Klassen besser Qualität das den höheren Preis voll gerecht wird und ich habe das Gefühl ein Tier zu Essen, das ein gutes Leben hatte.
eunegin 09.09.2017
5. Milch vs. weißes Wasser
Viele kennen doch den Geschmack "echter" Milch gar nicht mehr, sondern haben sich an das billige weiße Wasser gewöhnt. Ich gebe gerne mehr aus, um halbwegs echte Milch auch in der Großstadt zu bekommen. Das sind dann [...]
Viele kennen doch den Geschmack "echter" Milch gar nicht mehr, sondern haben sich an das billige weiße Wasser gewöhnt. Ich gebe gerne mehr aus, um halbwegs echte Milch auch in der Großstadt zu bekommen. Das sind dann allerdings nicht nur die im Artikel genannten 13 Cent pro Liter mehr. Ist es aber wert und die geiz-ist-geil Einstellung in Deutschland (außer bei Autos...) ist sowieso fragwürdig. Auch moralisch, wenn man sich die Tierhaltung ansieht.

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