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19.08.2011
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Ölleck in der Nordsee

"Auch abgebautes Öl ist gefährlich"

DPA/ PAUL WARRENER

Schon seit neun Tagen strömt an der Bohrinsel "Gannet Alpha" Öl in die Nordsee. Der verantwortliche Konzern Shell glaubt an geringe Umweltschäden. Der Meeresforscher Carlo van Bernem erläutert im Interview die Folgen des Lecks für die Natur.

Hamburg - Das Ölleck an einem Rohr der Bohrinsel "Gannet Alpha" in der Nordsee ist noch immer nicht geschlossen, weiterhin strömt Öl ins Meer - doch nur noch in geringer Menge, erklärt der verantwortliche Konzern Shell. Das Unternehmen glaubt jedoch an "gute Fortschritte" bei der Behebung des Unfalls. Man arbeite mit Tauchern und Robotern daran, das Leck zu schließen, hieß es am Donnerstag. Der Konzern steht wegen seiner spärlichen Informationen zu dem Unfall in der Kritik. Unabhängige Gutachten, die auch den Einfluss auf die Vogelwelt der Region analysieren, hätten bislang keine erheblichen Umweltschäden ausmachen können, teilte Shell in London mit. Auch britische Behörden geben sich gelassen: Der Ölfilm werde sich rasch auflösen. Shell räumte am Donnerstag auch ein, aus dem Leck könnten im schlimmsten Fall weitere 660 Tonnen Öl ausfließen - mehr als dreimal so viel wie bisher.

Im Interview erläutert der Umweltforscher Carlo van Bernem vom Institut für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht (GKSS) die Folgen des Ölunfalls:

Frage: Mehr als 200.000 Liter Öl sind bislang aus dem Leck an einer Shell-Plattform in die Nordsee gelaufen. Was bedeutet diese Menge für die Umwelt dort?

Van Bernem: Die Menge ist angesichts der Weite des Gebietes nicht besonders nennenswert. Es ist allerdings für einen Unfall an einer Bohrinsel doch einer der größten, die in den letzten Jahren passiert sind.

Frage: Welche Folgen drohen?

Van Bernem: Das ist schwer messbar. Rohöl hat mehr als 10.000 unterschiedliche Einzelsubstanzen, die in unterschiedlicher Form auf bestimmte Organismen - ich nenne da vor allen Dingen Fischlarven, aber auch Planktonorganismen - schädlich sein können.

Frage: Welche Tiere und Pflanzen leben rund 180 Kilometer vor der Küste?

Van Bernem: Es sind Fischbestände und Planktonbestände, die betroffen sein können. Es ist aber bei einem leichten Rohöl nicht mit dem lokal eng begrenzten Absinken größerer Ölmengen zu rechnen. Das Öl verdriftet sehr schnell und treibt wohl in einem Strömungskreisel in der mittleren Nordsee ohne weitere Küstenberührung.

Frage: Ist das denn sicher, dass es sich um leichtes Rohöl handelt?

Van Bernem: Meiner Erkenntnis nach ja. Es stehen aber noch exakte Nachrichten aus. Ich habe noch keine näheren Angeben zu der Zusammensetzung des Öls.

Frage: Angeblich hat sich ein großer Teil des Öls schon abgebaut. Kann das stimmen und wird das Öl so ungefährlich?

Van Bernem: Es kann durchaus stimmen. Das wird sogar stimmen, da in diesem Seegebiet der Nordsee der Seegang sehr stark ist. Außerdem haben wir sommerliche Temperaturen, der Abbau wird gefördert. Das Öl wird sehr schnell zerschlagen und auch sehr schnell abgebaut werden. Das heißt nicht, dass es von da an ungefährlicher ist. Denn viele Abbauprodukte des Öls sind toxischer als die Ausgangssubstanzen.

Frage: Sind denn Seevögel bedroht, etwa dass ihr Gefieder verschmiert?

Van Bernem: Das ist hier eigentlich eher nicht zu erwarten. Die schottische Küste ist zwar ein hochsensitiver Bereich für brütende Seevögel, aber die Entfernung ist recht groß. Und das leichte Rohöl bildet ja keine dicken Schichten auf der Oberfläche, die für tauchende Vögel wirklich gefährlich sein können.

Frage: Wie sieht es mit langfristigen Folgen bei Speisefischen aus?

Van Bernem: Bei Fischen haben wir das Problem, dass ausgewachsene Fische, die mit dem Öl in Kontakt kommen, nicht mehr verkaufbar sind. Das heißt, die Geschmacksbeeinträchtigung ist groß und das heißt auch, dass wirtschaftliche Schäden resultieren.

Frage: Aber für Menschen gibt es keine Gefahren?

Van Bernem: Nein, das kann man ausschließen. Da gibt es keine Gefahren.

Interview: Marco Krefting, dpa

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