29.03.2012
Leck an Nordsee-Bohrinsel
"Die haben Bammel, dass ihnen das Ding um die Ohren fliegt"
Von Christoph Seidler und Nina WeberDas Wetter über der Nordsee war einigermaßen rau. Außerdem war die Crew der kleinen zweimotorigen Maschine auf Abstand zum Krisengebiet bedacht. Als am Mittwoch ein kleines Grüppchen von Öko-Aktivisten aus der Luft die defekte Förderplattform Elgin inspizierte, mussten die Zoomobjektive der mitgebrachten Kameras zeigen, was sie können.
Nicht näher als fünf Kilometer sei man der Plattform gekommen, versichert Greenpeace-Mitarbeiter Kai Britt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Von Hamburg aus war das Vierergrüppchen über das dänische Esbjerg vor die schottische Küste geflogen. Auch die vier Versorgungsschiffe, die man in der Nähe von Elgin aus dem Flieger beobachtet habe, hätten sich peinlich genau an die Sicherheitszone gehalten. "Die haben Bammel, dass ihnen das Ding um die Ohren fliegt."
Spektakuläre Bilder brachte der Flugeinsatz der Umweltschützer nicht unbedingt. Sehr wohl sind die Beobachtungen aber ein Hinweis auf die Ratlosigkeit, die bei den Verantwortlichen des Total-Konzerns nach wie vor zu herrschen scheint. An der Plattform tritt seit Tagen Gas mit extrem hohem Druck aus. Mittlerweile konnte die Firma das Leck zwar lokalisieren - doch noch ist sie weit davon entfernt, es auch verlässlich zu stopfen. Sorge bereitet einigen Experten eine Gasflamme, die normalerweise überschüssiges Gas verbrennt. Sie lodert nämlich noch immer - absichtlich wie Total sagt. Im ungünstigsten Fall könnte sie freilich dazu führen, dass sich aufsteigendes Gas bei einer gigantischen Explosion entzündet.
Mit bloßem Auge sei die Flamme nicht zu sehen, sagt Kai Britt. Das liege auch daran, dass das Gas bei sehr hohen Temperaturen verbrenne. Durch eine mitgebrachte Infrarotkamera, die auf das Aufspüren von Gaslecks spezialisiert ist, habe man die Flamme aber erkennen können - und noch etwas: "Man sieht, dass Gasschwaden von der Insel wegziehen." Das stützt die These von Total, dass keine unmittelbare Explosionsgefahr durch die offene Flamme besteht - so lange sich das Wetter nicht ändert.
Leck über dem Meeresspiegel
Am Donnerstag teilte Total mit, dass das Gas aus einem Vorkommen in etwa 4000 Metern Tiefe entweicht, also oberhalb der Reservoirs, aus denen gefördert wird. Das Gas soll auf dem Deck Level der Plattform austreten, also oberhalb der Wasseroberfläche. Berichte, dass Arbeiter Gas aus der Nordsee blubbern sahen, passen allerdings schlecht in dieses Bild.
Total zieht weiterhin drei Optionen in Betracht, mit dem Leck umzugehen: eine Entlastungsbohrung, das sogenannte "Kill"-Verfahren sowie Abwarten. Bei der "Kill"-Methode wird Schlamm von oben in das Bohrloch gepresst. Diese Variante ist schneller, gilt aber auch als risikoreicher als eine Entlastungsbohrung.
Das austretende Gas stammt nach Angaben von Total nicht aus einem Reservoir, aus dem noch gefördert wird, sondern aus einem Vorkommen, das versiegelt werden sollte. Es wäre deshalb möglich, dass es in den nächsten Wochen von selbst versiegt - das hofft jedenfalls der Energiekonzern.
Die Nordsee ist unter der Elgin-Bohrinsel nur gut 90 Meter tief, die angebohrten Gasvorkommen liegen jedoch in deutlich größeren Tiefen von bis zu 6000 Metern. Eine Entlastungsbohrung würde daher Monate in Anspruch nehmen. In den Reservoirs herrscht ein Druck von bis zu tausend Bar, die Temperaturen liegen um die 190 Grad Celsius - norwegische Umweltschützer sprachen bereits vom "Bohrloch der Hölle".