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26.11.2012
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Wärmedämmung

Schärfere Brandschutzregeln für Styropor gescheitert

Von Güven Purtul
Güven Purtul

Styropor ist bei der Wärmedämmung von Gebäuden in Deutschland weit verbreitet. Doch das Material ist umstritten: Kritiker halten es für leicht entflammbar. Ein Vorstoß zur Verschärfung der Vorschriften ist jetzt dennoch gescheitert - sehr zur Freude eines Branchenverbands.

Die schwarze Rauchsäule war weithin sichtbar, als am 29. Mai in Frankfurt am Main ein Haus brannte. In Windeseile stand die gesamte Fassade des sechsstöckigen Baus in Flammen. Sie war kurz zuvor zur Wärmedämmung mit Styropor verkleidet worden, so wie es bei Millionen von Häusern in Deutschland der Fall ist.

Nach dem Brand sollte die zugrunde liegende Zulassungsprüfung für Styropor untersucht werden. Das sah ein Beschlussvorschlag auf der letzten Bauministerkonferenz am 21. September vor. Der Frankfurter Branddirektor Reinhard Ries hatte sich nach dem Brand mit den Worten zitieren lassen, dass "dieser Dämmstoff sofort überprüft werden muss" und dass das weitere Verbauen "sehr fraglich ist, um nicht zu sagen, eigentlich sofort gestoppt werden müsste".

Doch am Ende stellte die Konferenz fest, dass Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) mit Polystyroldämmstoffen "ordnungsgemäß zertifiziert und bei der zulassungsentsprechenden Ausführung sicher sind".

Erstaunlich: Der Fachverband Wärmedämmverbundsysteme hatte dieses Ergebnis bereits zwei Wochen vor der Bauministerkonferenz seinen Mitgliedsfirmen vorhergesagt. In einem Rundschreiben vom 6. September gab der Verband Entwarnung - gleich nach der August-Sitzung der Fachkommission Bauaufsicht, die fachlich den Boden für die Bauministerkonferenz bereitet.

"Das Ergebnis der August-Sitzung der Fachkommission Bauaufsicht ist für uns alle positiv", hieß es in dem Schreiben. "Es wurde zweifelsfrei festgestellt, dass das deutsche Regelwerk und die umfangreichen Prüfungen in Bezug auf die brandschutztechnischen Anforderungen bei WDVS ausreichend sind und eine Änderung oder Anpassung der Regelwerke nicht erforderlich ist." Es werde keine Gesetzesänderungen geben, die Zulassungspraxis werde nicht überprüft. WDVS mit Polystyrol seien ordnungsgemäß zertifiziert und sicher.

"Wir brauchen Großbrandversuche"

Dabei war der Brand in Frankfurt nicht der erste Brand eines mit Polystyrol gedämmten Hauses: Den Bauministern lag auch eine vorläufige Liste der Feuerwehren vor. Sie führt allein seit Anfang 2011 ein Dutzend Brände auf. Immerhin: Diese Fälle sollen jetzt endlich untersucht werden. Für den Frankfurter Branddirektor Ries steht fest, dass dies nur Sinn macht, wenn die Zulassungstests auf den Prüfstand kommen: "Wir brauchen Großbrandversuche." Ob es diese geben wird, ist offen.

Im November 2011 hatte ein Versuch bei der Materialprüfanstalt in Braunschweig die Gefahr durch die Dämmplatten aufgezeigt: Schon nach drei Minuten tropfte das Polystyrol brennend ab, nach acht Minuten stand die Wand in Flammen - giftiger, schwarzer Rauch breitete sich in der Halle der Prüfanstalt aus.

Sowohl die Lobby der Hersteller als auch das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt), das für die Zulassung der Dämmstoffe zuständig ist, wiegelten ab: Dämmplatten aus Polystyrol seien geprüft und sicher. Der seinerzeit vom NDR initiierte Versuch sei nicht normgerecht gewesen und habe daher keine Aussagekraft. Die Schwerentflammbarkeit werde durch die deutsche Norm DIN 4102 nachgewiesen.

Die DIN 4102 schreibt einen sogenannten Brandschacht-Test vor, bei dem jeweils etwa ein Meter lange Proben mit einem kleinen Feuer beflammt werden. Dabei schmilzt das Polystyrol ab und entfernt sich so aus dem Einflussbereich der Flammen. Das Material wird als "schwer entflammbar" klassifiziert, wenn durchschnittlich 15 Zentimeter Restlänge des Baustoffs übrig bleiben.

Mit der Realität habe diese Prüfung nichts zu tun, moniert der Brandschutzberater Peter Kuhn. Er vergleicht den Test mit einem "auf Nerz getrimmten Kaninchen". Dies sei auch der Grund "warum auf der europäischen Ebene dieses Brandschachtverfahren verworfen worden ist". Seit etwa zehn Jahren gebe es mit der DIN EN 13501 eine neue Norm, die ein anderes Prüfverfahren vorsieht. Dabei werde Polystyrol nicht als schwer entflammbar eingestuft, sondern nur als normalentflammbar.

Somit dürfte das Material hierzulande bei Gebäuden über sieben Metern Höhe nicht mehr als Dämmstoff eingesetzt werden. Doch die deutsche Zulassungsbehörde DIBt überlässt es nach wie vor den Herstellern, nach welcher Norm diese ihre Dämmstoffe prüfen lassen."


"Wärmedämmung - der Wahnsinn geht weiter" im NDR-Fernsehen am 26. November 2012, 22.00 Uhr

Forum

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insgesamt 115 Beiträge
1. Der Bericht kam schon mal ...
bitboy0 26.11.2012
.. oder wenigstens einer in dem das alles auch schon beschrieben wurde! In der Tat drängt sich der Verdacht auf das da eine Lobby sich durchsetzt der ein paar Kollateralschäden irgendwie nicht wichtig sind. Die Brandgefahr sehe [...]
.. oder wenigstens einer in dem das alles auch schon beschrieben wurde! In der Tat drängt sich der Verdacht auf das da eine Lobby sich durchsetzt der ein paar Kollateralschäden irgendwie nicht wichtig sind. Die Brandgefahr sehe ich durchaus als berechtigt, aber nicht alles in dem Bericht würde ich so unterschreiben
2. Gefährliches Zeug
karlsiegfried 26.11.2012
Wenn ein Verrückter diese tolle Aussenwärmedämmung mit einem Lötbrenner aus dem Baumarkt in Brand setzt, brennt die ganze Hütte ab. Ganz abgesehen von den massenhaften Feuchigkeitsschäden die sich in den nächsten 10 Jahren und [...]
Wenn ein Verrückter diese tolle Aussenwärmedämmung mit einem Lötbrenner aus dem Baumarkt in Brand setzt, brennt die ganze Hütte ab. Ganz abgesehen von den massenhaften Feuchigkeitsschäden die sich in den nächsten 10 Jahren und früher im 'gedämmten und abgesperrten Mauerwerk' zeigen werden.
3. Gut so !
Tatsache 26.11.2012
In der Nachbarschaft hat vor einem mit Styropor gedämmten Haus ein Auto in Kombination mit dem Brennholzlager eine Stunde lang gebrannt. Abstand zur Fassade etwa 50 cm. Das Styropor ist zwar teilweise geschmolzen aber hat nicht [...]
In der Nachbarschaft hat vor einem mit Styropor gedämmten Haus ein Auto in Kombination mit dem Brennholzlager eine Stunde lang gebrannt. Abstand zur Fassade etwa 50 cm. Das Styropor ist zwar teilweise geschmolzen aber hat nicht angefangen zu brennen. Die gestzlichen Bestimmungen sind also völlig ausreichend. Es gibt allerdings eine Lobbyisten-Mafia, die seit Jahren versucht andere Dämmmaterialien zu verkaufen, da an denen wesentlich mehr verdient wird. Das funktioniert aber nicht, weil Styropor besser und billiger ist. Deswegen soll es verboten werden. Gut, dass die EU das abgelehnt hat.
4. Ökowahn
wuxu 26.11.2012
Ich glaube, dass der tiefe Wunsch nach ökologischem Leben von der Industrie und ihren Handlangern schamlos ausgenutzt wird. Sei es bei der Wärmedämmung oder bei den Windrädern etc. Die Renditen in der Ökoindustrie sind einfach [...]
Ich glaube, dass der tiefe Wunsch nach ökologischem Leben von der Industrie und ihren Handlangern schamlos ausgenutzt wird. Sei es bei der Wärmedämmung oder bei den Windrädern etc. Die Renditen in der Ökoindustrie sind einfach sehr hoch. Wie viel Millionäre wurden damit in den letzten Jahren schon geschaffen. Gebetsmühlenartig vorgetragene Aussagen der Klimawahrsager blockieren die Vernunft der Masse und unserer politischen Führung. Stillschweigend ziehen sie uns gleichzeitig unser Geld aus der Tasche. Man könnte meinen, dass die Aufklärung nie stattgefunden hat. Tatsache ist auch: Um mikrobiellen Befall zu vermeiden werden Biozide in die Farbe gemischt. Die vergiften unser Wasser. Wie sollen wir das ganze Dämmmaterial entsorgen, wenn die heutigen Häuser abgerissen werden? Wirtschaftlich rechnen sich Dämmfassaden oft nicht.
5. in USA in einigen Ländern verboten...
rolforolfo 26.11.2012
in den USA ist diese Dämmerei mit Polystrl mittlerweile in ein paar Ländern verboten: http://www.welt.de/print/die_welt/finanzen/article13501182/Daemmplatten-gefaehrden-die-Gesundheit.html ...wa sich nicht verstehe, dass man [...]
in den USA ist diese Dämmerei mit Polystrl mittlerweile in ein paar Ländern verboten: http://www.welt.de/print/die_welt/finanzen/article13501182/Daemmplatten-gefaehrden-die-Gesundheit.html ...wa sich nicht verstehe, dass man den deutschen Häuslebesitzer per Energieeinspargesetz ZWINGEN

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