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Wissenschaft

Fukushima

Radioaktives Wasser soll ins Meer abgelassen werden

Der Betreiber des zerstörten Atomkraftwerks Fukushima will mit Tritium belastetes Wasser in den Pazifik pumpen. Die strahlende Flüssigkeit lagert in riesigen Tanks auf dem AKW-Gelände.

DPA
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Freitag, 14.07.2017   13:12 Uhr

Wer sich eine Luftaufnahme der Atomruine Fukushima anschaut, könnte glauben, es handle sich um ein großes Tanklager für Erdöl. Doch in den Hunderten über das gesamte Kraftwerksgelände verteilten Behältern befindet sich kein Öl, sondern radioaktiv verseuchtes Wasser.

Mehr als 770.000 Tonnen sind es mittlerweile, teilte der Betreiber Tepco mit. Und die Wassermassen behindern den Rückbau des AKW, der noch Jahrzehnte dauern wird. Nun hat ein Tepco-Manager angekündigt, dass man kontaminiertes Wasser in den Pazifik ablassen wolle, um Platz zu schaffen auf dem Gelände. Der Plan sei mit der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA und der japanischen Atomaufsicht abgestimmt, sagte Takashi Kawamura. Er leitet die Arbeiten an den Havariemeilern.

Die vielen Wasserbehälter stellten auch ein Sicherheitsrisiko dar, weil sie bei einem schweren Erdbeben kaputtgehen könnten. Das Wasser enthalte nur noch radioaktives Tritium, ein Ablassen sei in kleinen Mengen ungefährlich. Auch von anderen AKW in Japan werde Tritium ins Meer abgelassen, sagte Kawamura. In kleinen Mengen passiert das auch bei Kraftwerken in Deutschland.

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Fünf Jahre nach Fukushima-Katastrophe: Diese Arbeiter sind in der Atomruine im Einsatz

"Es dürfte keine Auswirkungen haben, wenn Tritium-Wasser in den Ozean geleitet wird", betonte Tepco in einen Statement. Dies sei auch die Position der japanischen Atomaufsicht und entspreche dem Stand der Wissenschaft.

In der japanischen Bevölkerung gibt es Widerstand gegen die Pläne, vor allem von Fischern. Sie fürchten Geschäftseinbußen.

Das strahlende Wasser stammt aus den zerstörten Meilern des AKW Fukushima. Beim Super-GAU am 11. März 2011 war nach einem schweren Beben und folgenden Tsunami die Kühlung ausgefallen. Die folgende Überhitzung zerstörte die Meiler und die Kühlkreise.

Deshalb wurden jeden Tag Hunderte Tonnen Wasser in die zerstörten Reaktorgebäude geleitet. Das dann radioaktiv verseuchte Wasser musste anschließend herausgepumpt und gelagert werden. Zudem drang auch Grundwasser in die beschädigten Gebäude ein.

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AKW Fukushima: Undichtes Ungeheuer

Anfangs wurde das Wasser unbehandelt in Tanks gesammelt. Später begann Betreiber Tepco, besonders gefährliche Nuklide wie Cäsium und Strontium herauszufiltern. Doch Tritium, ein Wasserstoff-Isotop, befindet sich nach wie vor in dem Wasser. Tritium ist radioaktiv, die abgegebene Strahlung allerdings bei Weitem nicht so intensiv wie etwa bei Jod-131.

Die mit Tritium verseuchten Wassermassen auf dem Gelände stellen an sich keine Gefahr für die dort arbeitenden Menschen dar. "Es ist ein weicher Betastrahler und lässt sich leicht abschirmen. Schon die Haut schützt davor", erklärt Uwe Büttner, langjähriger Experte bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS).

Ursprünglich wollte Tepco auch eine Filteranlage für Tritium bauen lassen. Es gab Ausschreibungen für drei Pilotprojekte, wie GRS-Sprecher Sven Dokter berichtet. Doch offenbar ist Tepco damit nicht vorangekommen - nun plant das Unternehmen das Ablassen des noch belasteten Wassers ins Meer.

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Atomruine Fukushima: Kontaminierte Wassermassen

Was das für den Pazifik und die darin lebenden Tiere und Pflanzen bedeutet, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt kaum sagen. Noch ist unklar, welche Mengen Radioaktivität letztlich im Meer landen werden und wo das Wasser wie abgelassen wird. "Nach unseren Information hat Tepco für Wasser, das abgeleitet werden soll, bislang einen Grenzwert von 60.000 Becquerel Tritium pro Liter angegeben", sagt GRS-Sprecher Dokter. Die WHO-Richtlinien für Trinkwasser lägen bei 10.000 Becquerel pro Liter.

Im Vergleich zu anderen Nukliden ist Tritium zumindest weniger gefährlich. "Jod und Technetium reichern sich in Blasentang an", berichtet Christian Küppers vom Öko-Institut in Darmstadt. Dies habe man in der irischen See beobachtet, nachdem radioaktives Wasser aus Wiederaufarbeitungsanlagen ins Meer abgelassen worden war. "In Muscheltieren hat man damals Strontium gefunden."

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Erdbeben- und Tsunamigebiet in Japan

Bei Tritium hingegen habe man solche Anreicherungen in Pflanzen oder Tieren nicht festgestellt. "Der Tritium-Anteil im Organismus ist dann genauso hoch wie im Wasser der Umgebung." Um Gefahren abschätzen zu können, müsse man aber wissen, welche Menge des Isotops überhaupt freigesetzt werden soll. Und wie gut die gefährlicheren Nuklide aus dem Wasser herausgefiltert wurden.

insgesamt 272 Beiträge
willibaldus 14.07.2017
1.
Das Filtern aller radioaktiven Mineralien geht ganz gut über Fällung und Umkehrosmoseanlagen. Mir wäre es lieber, wenn das mit Tritium belastete Wasser im offenen Meer weitab von bekannten Fischgründen verklappt würde und [...]
Das Filtern aller radioaktiven Mineralien geht ganz gut über Fällung und Umkehrosmoseanlagen. Mir wäre es lieber, wenn das mit Tritium belastete Wasser im offenen Meer weitab von bekannten Fischgründen verklappt würde und nicht im küstennahen Fischerei Bereich. Letzten Endes ist es eine Risikoabwägung zwischen möglichem Auslaufen der Tanks durch ein Erdbeben oder organisiertem Entsorgen weitab von Risikozonen.
sischwiesisch 14.07.2017
2. Weicher Strahler
Ich bin ja ganz weit davon entfernt hysterisch beim Wort Atomkraft bzw. Atomenergie zu reagieren, aber ich muss immer "schmunzeln", wenn ich lese "...die Haut lässt sich ganz leicht schützen...".Sozusagen ein [...]
Ich bin ja ganz weit davon entfernt hysterisch beim Wort Atomkraft bzw. Atomenergie zu reagieren, aber ich muss immer "schmunzeln", wenn ich lese "...die Haut lässt sich ganz leicht schützen...".Sozusagen ein Blatt Papier reicht aus. Klar , äußerlich ist das ganz leicht und einfach, allerdings IM Körper sieht das ganz anders aus. Wie gesagt, ich will hier nicht dramatisieren. Dennoch kann ich auch die Fischer verstehen. Die haben jeden Tag Wasserkontakt.
dirtygary 14.07.2017
3. das ist eine absage an alle akws weltweit
in 100 jahren werden wir die generation der umweltvernichter sein, die vor lauter gier und profitsucht das LEBEN vergaßen. Borniertheit und Kurzsicht prägen unser Leben heute. Gott, Lass es vorbeigehen.
in 100 jahren werden wir die generation der umweltvernichter sein, die vor lauter gier und profitsucht das LEBEN vergaßen. Borniertheit und Kurzsicht prägen unser Leben heute. Gott, Lass es vorbeigehen.
lalito 14.07.2017
4. . . . zu keiner Zeit Gefahr für die Bevölkerung . . .
Die Zeit heilt alle Wunden.
Die Zeit heilt alle Wunden.
sozialismusfürreiche 14.07.2017
5. Jepp - schon die Haut schützt davor
Was für eine Aussage hier in so einem Artikel. Reden wir von der abgestorbenen oberen Hautschicht? Oder reden wir von der noch lebenden bis zu der die Strahlung eintritt. Und wie ist das wenn das durch Trinken und Nahrung [...]
Was für eine Aussage hier in so einem Artikel. Reden wir von der abgestorbenen oberen Hautschicht? Oder reden wir von der noch lebenden bis zu der die Strahlung eintritt. Und wie ist das wenn das durch Trinken und Nahrung aufgenommen wird?
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Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung

Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
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Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
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Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
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Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

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