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Wissenschaft

Notfall-Manöver

Flugzeuge lassen Hunderte Tonnen Treibstoff über Deutschland ab

Bei technischen Problemen und vollen Tanks lassen Piloten Kerosin ab. Zahlen der Bundesregierung zeigen nun, wie häufig das vorkommt. Besteht dabei ein Risiko für Mensch und Umwelt?

imago/ JOKER

Airbus A330 beim Ablassen von Kerosin

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Montag, 22.01.2018   15:12 Uhr

In der Luftfahrt ist es eine seltene, aber übliche Prozedur, betroffene Anwohner beunruhigt sie trotzdem: Wenn Passagierjets technische Probleme haben und sich in den Tanks zu viel Kerosin für eine sichere Landung befindet, lassen sie Treibstoff ab. Vollgetankte Langstreckenflugzeuge wären zu schwer, um gefahrlos landen zu können.

Das Ablassen kann kurz nach dem Start stattfinden oder mitten auf einem Flug. Sobald der Flugkapitän das Kommando gibt, versprühen Düsen an den Tragflächen zwei Tonnen Kerosin pro Minute.

Mindestens 580 Tonnen Kerosin wurden im vergangenen Jahr in der Luft über Deutschland verteilt, etwa so viel wie in den Jahren zuvor; etwa ein Sechstel der Menge stammte aus Militärflugzeugen, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen, die dem SPIEGEL vorliegt.

20 konkrete Vorfälle seien 2017 in Deutschland bekannt geworden. Zwei Drittel des abgelassenen Treibstoffs wurden über Rheinland-Pfalz nahe dem Frankfurter Flughafen versprüht.

Frage nach Auswirkungen

Das Verfahren läuft nach Regeln ab: Die Flugsicherung weist dem Jet per Funk den Weg über dünn besiedeltes Gebiet; der Treibstoff darf nur oberhalb einer Flughöhe von 1800 Metern abgelassen werden.

Die meisten Flugzeuge haben keine Ablassvorrichtung. Doch Anwohner großer Flughäfen fragen nach den Auswirkungen des Kerosins.

Gründe für das Ablassen würden nicht veröffentlicht, kritisiert der Grünen-Abgeordnete Markus Tressel. "So kann man schlecht an einer Lösung des Problems arbeiten", meint er.

Auch die Auswirkungen auf die Gesundheit betroffener Menschen und konkrete betroffene Gebiete seien unbekannt, bemängelt Tressel. Bundesregierung und Luftfahrtindustrie zeigten "wenig Interesse an einer Verbesserung der Situation".

Geringe Konzentration

Schädliche Auswirkungen seien nicht zu erwarten, erklärt die Bundesregierung. Alternativen zu dem Manöver gebe es nicht: Schließlich dürften Piloten das Leben der Passagiere nicht riskieren - deshalb sei das sogenannte Schnellablassen nicht zu verhindern bei Problemen kurz nach dem Start bei vollgetankten Langstreckenflügen.

Die gute Nachricht für Rheinland-Pfälzer: Der Treibstoff, der über ihrem Land abgelassen wird, weht üblicherweise Tausende Kilometer weit, bevor ein kleiner Teil auf die Erde fällt. Die schlechte Nachricht: Möglicherweise rieselt es gelegentlich geringe Mengen Kerosin, der Tausende Kilometer entfernt aus einem Flugzeug abgelassen wurde.

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Das Kerosin verteilt sich rasch in der Luft. Der größte Teil des Nebels verdunste, er verbleibe in der Atmosphäre, bis er durch die Strahlung der Sonne in Wasser und Kohlendioxid umgewandelt werde, heißt es im Planfeststellungsbeschluss für den Ausbau des Flughafens Schönefeld, der auf Sorgen von Bürgern einging.

Wissenslücken

Maximal entstehe beim Ablassen eine Konzentration von 0,2 Milligramm pro Kubikmeter in der Luft, konstatiert der TÜV Rheinland. Die Menge führe zu einer vernachlässigbaren Kontamination des Bodens, resümiert die Bundesregierung. Schätzungen diverser Institute zufolge regnet nicht mal ein Zehntel auf den Boden, der Rest zerfällt in der Atmosphäre.

In größerer Menge würde der Treibstoff mindestens Übelkeit auslösen, der Konsum könnte auch zum Tode führen; Böden und Grundwasser würden vergiftet. Solche Konzentrationen aber würden "bei Weitem nicht erreicht", erklärt die Bundesregierung unter Berufung auf wissenschaftliche Ergebnisse.

Davon jedoch gibt es wenige. Deshalb habe 2017 das Umweltbundesamt eine Studie in Auftrag gegeben, die bis Herbst dieses Jahrs berechnen soll, welche Mengen Kerosin im Einzelfall zu Boden sinken - auf dieser Grundlage würden dann gesundheitliche Folgen abgeschätzt.

insgesamt 91 Beiträge
Felix Blech 22.01.2018
1. verharmlosendes Wunschdenken ist - wie immer - am wahrscheinlichsten
..wer häufiger am Flughafen Frankfurt z.B. auf der A5 vorbeifährt weiß, dass er hinterher mit Schlieren auf der Windschutzscheibe zu tun hat und die Klarsicht-Sprühanlage häufig betätigen muss. Zur Wissenschaftlichkeit der [...]
..wer häufiger am Flughafen Frankfurt z.B. auf der A5 vorbeifährt weiß, dass er hinterher mit Schlieren auf der Windschutzscheibe zu tun hat und die Klarsicht-Sprühanlage häufig betätigen muss. Zur Wissenschaftlichkeit der Berechnungen von Cerosinbelastungen: Wo bitteschön haben schon einmal notwendige 100 oder mehrere tausend Mess-Stationen am Boden in sinnvoller räumlicher Anordnung Testfälle von Kerosinablassungen vermessen. Wann kommt wo was an Abbauprodukten überhaupt an d.h. runter... Beim Feinstaub oder bei Stickoxyden fangen die Flächen-deckenden Messungen ja jetzt gerade erst an und fördern Alarmiernendes zu Tage, dabei fährt die Quelle direkt vorbei uund fliegt nicht 1800m drüber ... Fake-Info und Salamitaktik zur Beschwichtigung überall, es fängt mit der Kabinenluft an, die aus den geölten Turbinen stammt.
werder11 22.01.2018
2. welch eine neuigkeit
das passiert weltweit seit es flugverkehr gibt und bei der aktuellen frequenz allein im raum frankfurt kann man sich vorstellen, was da jeden tag auf uns herunter regnet, aber offenbar ist es ungefährlich für mensch, tier und [...]
das passiert weltweit seit es flugverkehr gibt und bei der aktuellen frequenz allein im raum frankfurt kann man sich vorstellen, was da jeden tag auf uns herunter regnet, aber offenbar ist es ungefährlich für mensch, tier und natur - oder?
mullertomas989 22.01.2018
3. Manches kommt auch gar nicht unten an
wegen Verdunstung....
wegen Verdunstung....
tutnet 22.01.2018
4. Der Schnellablaß von Kerosin ist alternativlos
Wenn ein Flugzeug vollbetankt für einen Langstreckenflug (z.B. nach San Francisco oder nach Singapur) nach dem Start Probleme hat und der Pilot aus Sicherheitsgründen den Flug abbricht, oder ein medizinischer Notfall an Bord [...]
Wenn ein Flugzeug vollbetankt für einen Langstreckenflug (z.B. nach San Francisco oder nach Singapur) nach dem Start Probleme hat und der Pilot aus Sicherheitsgründen den Flug abbricht, oder ein medizinischer Notfall an Bord eine Zwischenlandung erfordert, dann gibt es keine Alternative. Für jeden Flugzeugtyp gibt es klare Vorgaben für das zulässige Landegewicht. Wo sollen denn die 50 Tonnen Kerosin sonst hin? Noch acht Stunden Kreisen über der Nordsee wenn der Fluggast auf 31B einen Herzinfarkt hat?
pepe1955 22.01.2018
5. Welche Verharmlosung
Wenn man die jährliche Emission von 580 to Kerosin (=Kohlnwasserstoff) mit der zulässigen Kohlenwasserstoffemission von modernen PKW, welche den neuesten Euro6-Standard erfüllen, vergleicht, dann entspricht das bei [...]
Wenn man die jährliche Emission von 580 to Kerosin (=Kohlnwasserstoff) mit der zulässigen Kohlenwasserstoffemission von modernen PKW, welche den neuesten Euro6-Standard erfüllen, vergleicht, dann entspricht das bei durchschnittlicher Jahresfahrleistung von 15.000 km etwa 380.000 Fahrzeugen. Wie kann man dabei zu der verharmlosenden Einschätzung kommen, dass sich das ja alles in der Atmosphäre ausreichend verdünnt. Die Autoabgase werden schon allein dadurch verteilt, dass sie nicht mit 2 to pro Minute punktuell abgelassen werden sondern 390.000-fach über das Land und über das Jahr verteilt. Was soll man davon halten???

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