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Wissenschaft

Recycling

Zweites Leben für alte Windräder

Was macht man mit einem riesigen Windrad, wenn es am Ende seiner Lebenszeit angekommen ist? In den kommenden Jahren wird dieses Problem öfter auftreten. Erste Recycling-Pioniere haben sich bereits an die Arbeit gemacht.

DPA
Donnerstag, 12.04.2018   17:44 Uhr

Mal sind sie zu leistungsschwach und unwirtschaftlich, mal technisch nicht mehr auf der Höhe: In den kommenden Jahren werden zahlreiche Windkraftanlagen in Deutschland vom Netz gehen und abgebaut werden. Manche können vielleicht noch in andere Länder verkauft werden - aber was passiert mit dem Rest? Einige Firmen arbeiten dafür an Recycling-Konzepten. Sie hoffen, dass der Markt in den kommenden Jahren wächst.

Da ist zum Beispiel die Bremer Firma Neocomp. Dort schreddert man ausrangierte Rotorblätter in einer speziellen Anlage - und vermischt das Material anschließend mit Reststoffen aus der Papierherstellung. Das Produkt werde dann an Zementwerke verkauft, so Geschäftsführer Hans-Dieter Wilcken.

Glasanteile der geschredderten Rotorblätter seien dann im Zement enthalten. "Die Nachfrage ist so hoch, dass wir mehr produzieren könnten", so Wilcken über die Marktlage des seit 2015 bestehenden Unternehmens. Derzeit arbeite man hauptsächlich mit einem Zementwerk aus Schleswig-Holstein zusammen.

Im kommenden Jahrzehnt geht es richtig los

Die ausrangierten Rotorblätter bezieht die Firma über Ausschreibungen von Windkraftanlagenbetreibern aus ganz Deutschland, aber auch aus dem Ausland wie Dänemark. Zudem nutzt die Firma Produktionsreste, die bei der Herstellung und Verarbeitung von glasfaserverstärkten Kunststoffen und damit auch bei der Herstellung von Rotorblättern anfallen.

Die Produktionsreste machen den überwiegenden Anteil des Materials aus, weil es bislang noch nicht genügend Rückläufer von Rotorblättern gebe. Das Bremer Unternehmen spricht selbst noch von einem Nischendasein auf dem deutschen Markt. Doch die Konkurrenz werde in den kommenden Jahren wachsen, sagt Wilcken.

Der Bundesverband Windenergie rechnet damit, dass der Abbau von Windkraftanlagen ab 2021 deutlich zunehmen wird. Denn viele Anlagen fallen ab diesem Zeitpunkt nach und nach aus der staatlich garantierten Einspeise-Grundvergütung (Erneuerbaren-Energien-Gesetz), die eine Laufzeit von 20 Jahren hat.

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Recycling: Was aus Windrädern werden kann

Viele der jetzigen Altanlagen könnten dann durch modernere ersetzt werden, weil sie ökonomischer sind. Ein Weiterbetrieb älterer Anlagen wäre nach Angaben des Verbandes in den meisten Fällen technisch zwar möglich. Ob sich das dann aber ohne Förderung für Betreiber rechnet, ist noch nicht vorhersehbar. Denn den Strompreis 2021 kennt heute noch niemand.

Rotorschrott plus Flugasche

In Deutschland gab es im vergangenen Jahr laut Windenergieverband mehr als 28.000 Windkraftanlagen an Land. 2017 sei das bislang zubaustärkste Jahr gewesen mit fast 1800 neuen Windenergieanlagen. Gleichzeitig seien 387 Anlagen für den Abbau identifiziert worden. Dem Verband zufolge gibt es Abnehmer in anderen Ländern, zum Beispiel Südosteuropa. Zugleich wird betont, dass angesichts des steigenden Rückbaus die Branche intensiv an Recyclingkonzepten arbeite.

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Auch Wissenschaftler beschäftigen sich damit. In einem Labor der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg wollen Forscher geschredderte Rotorblätter von ausrangierten Windkraftanlagen und Flugasche, die bei der Stromerzeugung in Braunkohle-Kraftwerken entsteht, zu einem Flugasche-Betonwerkstoff kombinieren.

Die recycelten Rotorblatt-Anteile sollen bewirken, dass der Beton bei entstehenden Rissen stabilisiert wird, erklärt Holger Seidlitz vom Fachgebiet Leichtbau mit strukturierten Werkstoffen. Im vergangenen Jahr habe es erste Versuche gegeben, die Erfolg versprechend gewesen seien.

Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) beobachtet seit Jahren, dass Firmen den Geschäftsbereich Abbau und Recycling von Windkraftanlagen für sich entdecken und nach innovativen Ansätzen suchen. Es handele sich aber noch um einen Nischenbereich, sagt Verbandsreferent Thomas Probst.

Vor allem die sperrigen Rotorblätter seien auch nach deren Zerkleinerung für die Verwertung in Müllverbrennungsanlagen problematisch. Carbonfaserverstärkte Kunststoffe, die mit Harzen vermengt sind, seien für die Mitverbrennung ungeeignet. Als ein Problem zählt Probst auf, dass Anlagen-Filter durch das Gemisch beschädigt werden könnten.

Das sehen wiederum andere Firmen als Chance für einen Recyclingmarkt, wie Probst erläutert. Ideen reichten von der stofflichen Verwertung der geschredderten Windkraftflügel in der Zementindustrie bis zum Zusatzstoff im Putz. Flächendeckende und großtechnische Anwendungen einer Weiterverwertung gebe es bislang aber noch nicht.

Anna Ringle, dpa/chs

insgesamt 8 Beiträge
tempus fugit 12.04.2018
1. Irgendwie sehr kurz gedacht...
...70-80 m praktisch unverwüstliches, hochstabiles und gleichzeitig elastisches Material ginge doch auch für Fussgängerüberbrückungen, als Schwimm- körper, als Domelemente z.B. zum Schutz von Atommeilern vor [...]
...70-80 m praktisch unverwüstliches, hochstabiles und gleichzeitig elastisches Material ginge doch auch für Fussgängerüberbrückungen, als Schwimm- körper, als Domelemente z.B. zum Schutz von Atommeilern vor Flugzeugangriffen, für den Hallenbau... Nur mal so paar Gedanken dazu! Und sehen doch durchweg sehr 'luftig' und elegant aus?!
mhuz 12.04.2018
2.
Auf jedenfalls strahlen sie nicht so lange
Auf jedenfalls strahlen sie nicht so lange
krautkiwi 13.04.2018
3. @tempus fugit
So wie ich es verstanden habe ist hier die Rede von den Rotorblaettern, nicht dem Turm. Der Turm ist in der Regel aus Stahl und vereinzelt auch aus Betonfertigteile.
Zitat von tempus fugit...70-80 m praktisch unverwüstliches, hochstabiles und gleichzeitig elastisches Material ginge doch auch für Fussgängerüberbrückungen, als Schwimm- körper, als Domelemente z.B. zum Schutz von Atommeilern vor Flugzeugangriffen, für den Hallenbau... Nur mal so paar Gedanken dazu! Und sehen doch durchweg sehr 'luftig' und elegant aus?!
So wie ich es verstanden habe ist hier die Rede von den Rotorblaettern, nicht dem Turm. Der Turm ist in der Regel aus Stahl und vereinzelt auch aus Betonfertigteile.
g1cs2009 13.04.2018
4. schnell mal billig entsorgen.
Wie bei vielem Sondermüll wird das Problem nur verlagert. Asbestbeton hatte auch einen Ruf als sehr beständig. Nach Jahrzehnten wurde dann festgestellt das es doch nicht so gesund ist, aber wie Beton und Asbest trennen? Teure [...]
Wie bei vielem Sondermüll wird das Problem nur verlagert. Asbestbeton hatte auch einen Ruf als sehr beständig. Nach Jahrzehnten wurde dann festgestellt das es doch nicht so gesund ist, aber wie Beton und Asbest trennen? Teure Aufbereitung zu Sondermüll war die Folge. Erst werden die Rotorblätter geschreddert, danach mit Zement in Beton gebunden, das Haus Abgerissen und der Beton auch wieder geschreddert. Das wird dann als Unterbau für neue Fahrbahnen verwendet. Die Fasern sind immer kleiner geworden und später wird festgestellt das es durch Wind zur Aufwirbelung und Einatmung durch Mensch und Tier kommt??? Was stimmt hier nicht? Alle jammer über Krebserregung und Feinstaub (Böser Diesel- PKW, aber die Großschifffahrt fährt weiter auf Schweröl) aber das Materialien untrennbar gemischt werden nur um MÜLL zu entsorgen und Forscher Wege suchen um etwas positives(es gibt bereits TOP Belastbaren Beton, also nicht notwendig) als neuen Superbeton verkaufen zu können wird hier bejubelt und die nachfolgenden Generationen haben das Problem der Entsorgung siehe, Asbest, Lager Asse, Mikroplastik.....) Entweder Rotorblätter die theoretisch durch Reparatur ewig halten oder Material das sich ohne viel Energie(denn durch die Notwendige Energie zur Herstellung und Entsorgung in Großen Anlagen ist die Umweltbilanz vieler Erfindungen der Nachhaltigen Energiegewinnung gleich Null oder Negativ, Stahlwerke und Verbrennungsanlagen erzeugen CO2, Huch das ist neu. ;-) ) Siehe Sondermüllproblem der Geförderten und Geforderten Gebäudeaußenisolierung mit Dicken Platten, Pilzhemmern, Kunststoffputze welche im allgemeinen nach 25Jahren am Gebäude zu erneuern ist, die Deutschen lassen sich nur zu leicht blenden. Ja Amen
ripley99 13.04.2018
5. Nicht nur Windräder
Das Recyclingproblem betrifft eigentlich alle glasfaserverstärkten Kunststoffe gleichermaßen. Die werden ja schon lange sehr breit eingesetzt, bspw. für Bootsrümpfe und Autoteile. Überhaupt die vielen hochgejubelten [...]
Das Recyclingproblem betrifft eigentlich alle glasfaserverstärkten Kunststoffe gleichermaßen. Die werden ja schon lange sehr breit eingesetzt, bspw. für Bootsrümpfe und Autoteile. Überhaupt die vielen hochgejubelten Verbundmaterialien, alles schwierig zu verwerten. Dazu könnte man (SpOn) gerne mal größer berichten.

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