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Wissenschaft

Trotz feiner Risse

Experten halten belgische Problem-Atomkraftwerke für sicher

Vor sechs Jahren waren feine Risse in den Druckbehältern der belgischen Atomkraftwerke Tihange 2 und Doel 3 bekannt geworden. Nun geben deutsche Experten Entwarnung: Die Meiler seien sicher.

DPA

Atomkraftwerk Doel (Archiv)

Dienstag, 10.07.2018   15:11 Uhr

Deutsche Atomexperten halten die umstrittenen belgischen Atomkraftwerke Tihange 2 und Doel 3 für sicher. Feine Risse in den Reaktor-Druckbehältern seien bereits bei der Herstellung entstanden und stellten auch im Störfall kein zusätzliches Risiko dar, heißt es in einem Bericht der Reaktor-Sicherheitskommission, die die Bundesregierung berät.

Im Umweltministerium sprach man von einer "guten Nachricht" - vor allem für die deutsch-belgische Grenzregion. Die Risse in den Druckbehältern waren erstmals 2012 aufgefallen. Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, legen nahe, dass sie intern bereits beim Bau der belgischen AKW Tihange 2 und Doel 3 Mitte der Siebzigerjahre entdeckt worden waren.

Nach dem Bekanntwerden der Schäden hatte die damalige Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) Belgien 2016 gebeten, die Meiler bis zu Klärung von Sicherheitsfragen abzuschalten - ein sehr ungewöhnlicher Schritt. Damals sei er richtig gewesen, sagte Hendricks' Nachfolgerin Svenja Schulze (SPD) am Montag. Jetzt seien offene Fragen "weitgehend geklärt". Das ändere aber nichts an ihrer "grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber alten Atomkraftwerken in unseren Nachbarländern".

"Ausreichende Reserven" gegen einen Kollaps

In der Stellungnahme der Kommission heißt es, es sei "plausibel", dass die Risse bei der Herstellung entstanden seien, und es sei nicht erkennbar, dass die Risse durch den Betrieb der Reaktoren zugenommen hätten. Für den Fall von erhöhtem Innendruck gebe es "ausreichende Reserven" gegen einen Kollaps, auch einer plötzlichen Erhitzung könnten die Behälter standhalten.

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Atomkraftwerk Tihange (Archiv)

Zuerst hatte die "Aachener Zeitung" darüber berichtet. Die Kommission sei davon überzeugt, dass bei einer Analyse 2017 alle "für die Bewertung relevanten Risse gefunden wurden", sagte Kommissionsleiter Rudolf Wieland der Zeitung. Es war befürchtet worden, dass es hinter größeren Rissen noch versteckte kleinere geben könnte. Die Kommission hält weitere Untersuchungen für notwendig, das ist mit Belgien bereits verabredet.

Risiko alte Atomanlagen

Ein Sprecher des Umweltministeriums sagte, nun könne man einschätzen, dass die Risse - sogenannte Wasserstoff-Flocken - die Sicherheit der Meiler nicht beeinträchtigten. Das Ministerium bleibe aber bei seiner Haltung, dass alte Reaktoren abgeschaltet gehörten. "Atomenergie trägt immer ein Restrisiko, insbesondere wenn es um alte Atomanlagen geht."

Aus Ministeriumskreisen hieß es, dass aus deutscher Sicht eine Laufzeit von 32 Jahren genug sei. Doel 3 ist seit 1982 am Netz, Tihange 2 seit 1983 - beide also länger als von deutschen Politikern unterstützt.

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Auch abseits der feinen Risse gibt es in den belgischen AKW immer wieder Pannen. Darüber sei man mit dem Nachbarland im Gespräch, hieß es im Berliner Ministerium. Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC bestätigte am Montag, dass sie den Bericht aus Deutschland erhalten habe. Dazu äußern wolle man sich aber erst nach gründlicher Prüfung, hieß es dort. Die belgische Regierung hat zugesagt, dass die insgesamt sieben Atomreaktoren zwischen 2022 und 2025 vom Netz gehen.

jme/dpa

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Kernreaktoren

Thermischer Reaktor
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In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
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Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.

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