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Wissenschaft

Tscheljabinsk-Meteorit

Kleiner Durchschnittstyp, große Explosion

17 Meter groß, höchstens 10.000 Tonnen Masse - nach kosmischen Maßstäben war der Brocken, der über Tscheljabinsk explodierte, eher bescheiden. Und um einen Exoten handelte es sich laut russischen Forschern auch nicht. Trotzdem entfachte er eine Explosion mit der Sprengkraft Dutzender Atombomben.

AFP/ Ural Federal University/ Alexander Khlopotov

Analyse des Gesteins im Labor: Wahrscheinlich kein Exot

Dienstag, 19.02.2013   18:13 Uhr

Hamburg - Nach dem Meteoriten-Hagel über dem russischen Tscheljabinsk wird in der Metropole nicht nur aufgeräumt. Verschiedenen Berichten zufolge beginnt auch der Handel mit angeblichen Meteoriten-Brocken zu florieren.

In der "New York Times" schildert eine Anwohnerin, wie ihr bis zu 1300 Dollar für einen faustgroßen Stein geboten wurden.

Laut der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti warnt die Polizei vor dem Kauf solcher Stücke. Nur zwei Labore seien überhaupt autorisiert, Zertifikate über die Echtheit eines Meteoriten-Fragments auszustellen.

Dass in den kommenden Tagen und Wochen immer mehr Überreste des am Freitag über Tscheljabinsk explodierten Gesteinsbrockens entdeckt werden, ist durchaus wahrscheinlich. Viktor Grochowski von der russischen Akademie der Wissenschaften sagte RIA Novosti, dass Meteoriten-Fragmente in einem Bereich von bis zu hundert Quadratkilometern auf die Erde gefallen sein könnten.

Der Forscher und seine Kollegen haben schon über den Fund einiger winziger Meteoriten-Fragmente berichtet, die sie am Ufer der Tscherbakul-See entdeckten. Erste Analysen sind abgeschlossen. Demnach war der Gesteinsbrocken, dessen Explosion in Tscheljabinsk Tausende Fenster zerplatzen ließ und in Folge mehr als 1200 Menschen verletzte, kein Exot. Es handelte sich um einen Chondriten - das ist die mit Abstand am häufigsten gefundene Meteoritenklasse.

Auch der Meteor, der im April 2012 über Kalifornien explodierte, ist ein Chondrit, wie die Analyse von Bruchstücken ergab. Für Wissenschaftler sind solche Meteoriten interessant, weil es sich um Überbleibsel aus der Entstehungsphase des Sonnensystems handelt, die Aufschlüsse über diese Zeit geben können. So helfen sie beispielsweise, das Alter unseres Sonnensystems präzise zu bestimmen. Außer Eisen enthalten Chondrite verschiedene Minerale, etwa Olivin.

Sprengkraft von 30 Hiroshima-Bomben

Die Europäische Weltraumagentur Esa geht davon aus, dass der Asteroid etwa 17 Meter Durchmesser und eine Masse von 7000 bis 10.000 Tonnen hatte, bevor er in die Erdatmosphäre eintrat und schließlich explodierte. Dies erklärt, warum niemand vor dem Anflug des kosmischen Brockens warnen konnte: Er war schlicht zu klein. Wenn Asteroiden dieser Größe frühzeitig gesichtet werden, ist das reines Glück. Andere kosmische Vagabunden, die die Erdumlaufbahn kreuzen, sind deutlich größer - beispielsweise hat YU55, der im Jahr 2008 in rund 324.600 Kilometern Entfernung an uns vorbei flog, einen Durchmesser von rund 400 Metern.

Sein Eintrittswinkel war sehr flach, berichtet die Esa, die seine Eintrittsgeschwindigkeit in die Atmosphäre auf 64.000 Kilometer pro Stunde schätzt. Die Explosion ereignete sich wohl in 15 bis 20 Kilometern Höhe; ihre Sprengkraft lag bei nahezu 500 Kilotonnen TNT-Äquivalent - mehr als dem 30fachen der Atombombe von Hiroshima.

Wie die Raumfahrtbehörde mitteilt, sind Ereignisse dieser Tragweite alle paar Jahrzehnte bis hin zu einmal in 100 Jahren zu erwarten.

wbr

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