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Wissenschaft

Alexander Gerst wird ISS-Kommandant

Wir sind Weltraum. Und nun?

Am Nationalfeiertag übernimmt Alexander Gerst das Kommando auf der Internationalen Raumstation. Für den Astronauten ist das ein persönlicher Erfolg, für uns andere ein guter Moment zum Nachdenken.

DPA / Esa / Nasa

Astronaut Alexander Gerst bei einem Außeneinsatz an der ISS (im Oktober 2014)

Ein Kommentar von
Mittwoch, 03.10.2018   18:15 Uhr

Jetzt sind wir also auch noch Weltraum. Und das zum Nationalfeiertag.

Zum 3. Oktober übernimmt Alexander Gerst als erster Deutscher das Amt des Kommandanten auf der Internationalen Raumstation. Doch der Anlass taugt kaum zu verklärter schwarz-rot-goldener Selbstbestätigung. Auf eine Art, eine ganz entscheidende, ist das "wir" unangebracht.

Gerst, gerade zum zweiten Mal im All, hat für die prestigeträchtige Aufgabe hart gearbeitet. Bei seiner ersten Mission hat er einen Außeneinsatz absolviert, diesmal sollen es sogar zwei sein. Er hat Dutzende wissenschaftliche Experimente betreut und bei Liveschalten zur Erde Tausende Menschen begeistert. Von der öffentlichkeitswirksamen Twitterei als "Astro Alex" gar nicht zu sprechen, der Mann ist Social-Media-Gold.

Es ist in erster Linie das Verdienst des souverän und tiefenentspannt auftretenden Geophysikers aus dem schwäbischen Künzelsau, dass er an diesem Tag den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere genießen kann. Erster Deutscher in dieser Funktion, nach dem Belgier Frank De Winne der zweite Europäer, das ist schon was.

Freilich, Gerst hat das Amt nur zwei eher kurze Monate bis zu seiner Rückkehr zur Erde inne. Seine Funktion ist im Alltagsbetrieb der Raumstation außerdem mit keinerlei Privilegien verbunden - außer als Erster in der Morgenkonferenz zu sprechen.

Dazu kommt, dass die Autorität des Kommandanten in der Praxis schnell an ihre Grenzen stößt. Im "Code of Conduct for the International Space Station Crew" steht, dass ein ISS-Chef im Normalfall auf Anweisung des Flugdirektors in Houston oder Moskau zu hören hat. Nur in unmittelbaren Notfällen darf er allein Entscheidungen treffen.

Trotzdem: Gerst kann stolz sein. Und mit ihm auch all die Menschen, die am Boden mit seiner Mission befasst sind, ihr Gesicht aber nie in eine Kamera halten dürfen. "Wir" dagegen haben eigentlich keinen allzu großen Grund, uns kollektiv auf die Schulter zu klopfen. Wir haben nichts gemacht.

Eigentlich. Denn immerhin zahlen wir einen Teil der Veranstaltung in rund 400 Kilometern Höhe. Aber eigentlich auch zu wenig.

Deutschland investiert jedes Jahr rund 1,5 Milliarden Euro in die zivile Raumfahrt

Raumfahrt kostet Steuergeld. Nicht so viel, wie mancher vielleicht glaubt. Deutschland investiert jedes Jahr rund 1,5 Milliarden Euro in die zivile Raumfahrt, bemannt und unbemannt zusammengenommen. Für die ISS hat der Bund bisher etwa sechs Milliarden Euro gezahlt, alle Missionen, Beiträge zu den ATV-Raumtransportern und dem "Columbus"-Labor eingeschlossen. Das ist ungefähr so viel Geld, wie der Berliner Flughafen kostet.

Das Geld geht an die Europäische Weltraumorganisation, die einer der offiziellen ISS-Partner ist. Daher ist Gerst auch ein europäischer Astronaut mit deutschem Pass, wie man dort gern klarstellt.

Aber noch mal zum Geld. Ist das nun viel? Ist es zu viel? Ist es zu wenig? Diese Fragen können all die vielleicht mal für sich beantworten, die jetzt gerade besonders stolz sind. Denn mit dem bisherigen Beitrag bekommt Europa nicht eben viel. Für die europäische Wissenschaft stehen während der sechs Monate des Fluges von Alexander Gerst ganze 80 Arbeitsstunden zur Verfügung. Den Rest der Zeit stehen andere Aufgaben im eng getakteten Programm des Astronauten.

Das liegt daran, dass Europa nur acht Prozent der ISS-Kosten trägt.

80 Stunden in sechs Monaten. Das klingt einerseits weniger, als es ist, manche Experimente muss Gerst lediglich einschalten, bei anderen nur regelmäßig die Proben wechseln. Üppig ist das Zeitbudget andererseits nun auch nicht.

Wer mehr will, mehr Wissenschaft, mehr Kommandantenposten, der müsste auch mehr zahlen.

Video: Mit Alexander Gerst auf der ISS (SPIEGEL TV 2015)

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 47 Beiträge
jsavdf 03.10.2018
1. In Deutschland
Darf Entwicklung nichts kosten und am besten neben der normalen Arbeit passieren. Es mag jetzt sehr überspitzt ausgedrückt sein. Wir sind Weltraum, aber bekommen keine Nobelpreise mehr. Nichtmal in europäischen Kollaborationen. [...]
Darf Entwicklung nichts kosten und am besten neben der normalen Arbeit passieren. Es mag jetzt sehr überspitzt ausgedrückt sein. Wir sind Weltraum, aber bekommen keine Nobelpreise mehr. Nichtmal in europäischen Kollaborationen. Dieses Jahr hatten wir mal eine Auszeichnung für einen Mathematiker, auch mal nicht schlecht. Trügt aber über nur den Blick auf den technologischen Rückstand Deutschlands. Und wenn jetzt die Leute mit Maschinenbau kommt: die Maschinen könnten die Amerikaner auch bauen, machen sie aber nicht, weil sie sie günstig kaufen können. Die Chinesen werden sie selbst bauen, aber erst dann werden wir erkennen, dass viele unserer Schlüsseltechnologien gekochtes Wasser ist und den Fortschritt verschlafen hat. Ich hätte gerne mehr Bereitschaft für Forschung und Entwicklung mehr Geld auszugeben. Das beinhaltet auch Zeit zu investieren. Es gibt genug Gebiete und Potenziale, nur billiger wird es nicht.
neutron76 03.10.2018
2. Techologie ist die Speerspitze unserer Gesellschaft
Ohne technischen Fortschritt, Erfolg und Export könnten wir uns viel Luxus nicht leisten. Unser Sozialsystem, erneuerbare Energien, hohe Renten und Gehälter sind nur ein paar Beispiele. Ich würde mir wünschen, dass [...]
Ohne technischen Fortschritt, Erfolg und Export könnten wir uns viel Luxus nicht leisten. Unser Sozialsystem, erneuerbare Energien, hohe Renten und Gehälter sind nur ein paar Beispiele. Ich würde mir wünschen, dass Zukunftstechnologien seitens Politik viel energischer und deutlicher sichtbar gefördert werden. Warum dauert es >20 Jahre um Galileo ins All zu bringen? Warum lässt SpaceX die Ariane alt aussehen? Warum werden Erfolge nicht offensiver in der Presse kommuniziert? Warum suhlen sich Presse und Politik lieber im Abgasskandal, obwohl alle Schadstoffwerte in den letzten 30 deutlich besser geworden sind?
permissiveactionlink 03.10.2018
3. Ich kann gar nicht ohne,
ich muss immer alles nachrechnen. Deshalb bin ich bei meinem Vermieter auch so unbeliebt. Aber 6 Milliarden Euro, verteilt auf 20 Jahre (ISS-In betriebnahme am 20. November 1998) und ca. 82 Millionen Bundesbürger : Das macht [...]
ich muss immer alles nachrechnen. Deshalb bin ich bei meinem Vermieter auch so unbeliebt. Aber 6 Milliarden Euro, verteilt auf 20 Jahre (ISS-In betriebnahme am 20. November 1998) und ca. 82 Millionen Bundesbürger : Das macht 72,17 Euro pro Bewohner dieses Landes, bzw. 3,61 pro Bürger pro Jahr. Eine Packung Kippen oder ein Angeber-Kaffee bei Starbucks sind deutlich teurer. Also ganz locker bleiben : Eine Milliarde hat gerade mal neun Nullen. Das ist gar nicht so viel, wenn man es auf die Solidargemeinschaft verteilt.
intercooler61 03.10.2018
4. @1. d'accord
In meinem Berufsleben als Informatiker begegne ich genügend Leuten, die in 4 Sätzen 3 Mal "Digital(isierung)" unterbringen können. Wenn man dann noch nicht auf Durchzug gestellt hat (digital ist die IT seit den [...]
In meinem Berufsleben als Informatiker begegne ich genügend Leuten, die in 4 Sätzen 3 Mal "Digital(isierung)" unterbringen können. Wenn man dann noch nicht auf Durchzug gestellt hat (digital ist die IT seit den 1940ern), kann man über die kenntnifreie Naivität ihrer Visionen nur noch staunen. Und wenn es zum Schwur kommt, hat es allemal Top-Priorität, mit der coolsten App als Erster einen Happen Aufmerksamkeit zu ergattern (wofür notgedrungen auch ein paar Techies als Fußvolk gebraucht werden). Research&Development? Gern, wenn in 6 Monaten fertig und vermarktbar ;-) Das Zauberwort heißt "Kundenorientierung" und meint: Marketing sagt die Route an, der Rest hat zu folgen - gelegentliche Spitzkehren inklusive, wenn die Mode mal wieder wechselt. Was dabei herauskommt? Siehe Dieselkrise.
spieglein.wids 03.10.2018
5. Sauber, Alexander Gerst!
Herzlichen Glückwunsch zum Kommandanten auf der ISS! Steuergelder hin und her...das macht Sinn! Geplänkel am Boden her und hin... Noch interessante, fordernde, entspannte Tage dort oben! Voll cool! Thumbs up! Grüße von [...]
Herzlichen Glückwunsch zum Kommandanten auf der ISS! Steuergelder hin und her...das macht Sinn! Geplänkel am Boden her und hin... Noch interessante, fordernde, entspannte Tage dort oben! Voll cool! Thumbs up! Grüße von einer kleinen "Saftschubse"...die sich einen solchen Arbeitsplatz nicht vorstellen kann, aber auch gerne die Welt von oben sieht...

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